Politische Streitkultur Die Würde des Gümbel

Mümpel, Stümpel, Dümpel, Pümpel, Gimpel, Simpel - nie zuvor ist ein bundesdeutscher Politiker wegen Namen und Aussehen derart mit Hohn, Hass und Häme überschüttet worden wie der neue Spitzenmann der SPD in Hessen. Thorsten Schäfer-Gümbel hat keine Chance - aber er nutzt sie.
Von Jochen Bölsche

Die Anwürfe kommen von rechts und von links, von vorn und von hinten. Auf der Website der baden-württembergischen Grünen-Fraktion ist zu lesen, der frisch designierte hessische SPD-Spitzenkandidat Thorsten Schäfer-Gümbel wirke so, als rufe "er täglich bei der Mutter" an: "Wahrscheinlich zwingt ihn seine Frau dazu. 'Schaaatz... Denk daran...: das Eeeerbe.'"

"Bild" porträtiert den sozialdemokratischen Newcomer maliziös als Pantoffelhelden, der wisse, "was starke Frauen wünschen". Beweis laut "Bild"-Kolumnist Dr. Hugo Müller-Vogg: "Bei der Heirat mit der Historikerin Dr. Anette Gümbel fügte er brav deren Namen an seinen an."

"Jungs wie den haben wir auf dem Schulhof verprügelt"

Die marxistische "Junge Welt" lässt einen hessischen Comedian zu Wort kommen, der Schäfer-Gümbel ein "fliehendes Kinn" bescheinigt und hinzufügt, er und seine Freunde hätten früher "Jungs wie den regelmäßig auf dem Schulhof verprügelt".

Die Gestalt, die Brille und der Name des 39-jährigen Politikwissenschaftlers und dreifachen Vaters aus Hessen - all dies wird seit drei Wochen in deutschen Zeitungen sowie in deren Online-Foren und in Dutzenden von Weblogs unablässig thematisiert, besonders hämisch und höhnisch von Medien rechts der Mitte.

"Komisch geformtes Obst aus Hessen"

Die konservative "Welt" nimmt eine EU-Empfehlung, Obst nicht wegzuwerfen, "nur weil es komisch geformt ist", zum Anlass, um in einem als Satire deklarierten Beitrag zu fragen, ob es sich bei einer neu entdeckten hessischen Obstsorte namens Schäfer-Gümbel "um Fallobst, eine taube oder harte Nuss handelt".

Auf rechten Kommentarseiten etwa von welt.de oder pi-news.net wird der Abgeordnete als "rasierter Waldschrat" und als "Schießbudenfigur" verunglimpft, als "Schläfer-Simpel" und "Schäfer-Bembel", als "Gimpel", "Pümpel" und "Dümpel". Die Userin "feminissima" ergänzt: "Da reimt sich schnell auch Stümpel."

Wohl nie zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik ist ein Politiker - geschweige denn ein Newcomer - wegen seines Namens und wegen äußerer Attribute mit ähnlich viel Gehässigkeit bedacht worden. Fast scheint es, als habe sich eine Zeitenwende in der deutschen Streitkultur vollzogen (soweit von Kultur noch die Rede sein kann).

Früher galt "No jokes with names"

"No jokes with names" - nach der unsäglichen Verballhornung jüdischer Namen im antisemitischen "Stürmer" und in anderen Nazi-Blättern galt der angloamerikanische Benimm-Kodex sechs Jahrzehnte lang auch in der Bundesrepublik, im Parlament wie in der Presse. Einzelne Verstöße - etwa des einstigen SPD-Fraktionschefs Herbert Wehner, der den CDU-Mann Jürgen Wohlrabe als "Übelkrähe" verhöhnte und dessen Parteikollegen Jürgen Todenhöfer "Hodentöter" nannte - galten als Ausnahme, die, umgehend gerügt, die Regel bestätigte.

Geöffnet wurde die Schleuse, als Boulevardblätter wie "Bild" und "BZ" begannen, am Namen von Schäfer-Gümbels wortbrüchig gewordener Vorgängerin Andrea Ypsilanti herumzumachen, um sie abwechselnd als "Lügilanti", "Tricksilanti" oder "Tschüssilanti" vorzuführen. Nach dem überraschenden Antritt ihres Nachfolgers verbreitete die "Berliner Zeitung" unter Berufung auf anonyme "böse Zungen" die Wortschöpfung "Gümbelanti", während Blogger begannen, ihrem Hass auf "McMümpel", den "Aushilfsprömpel", freien Lauf zu lassen.

Mit noch mehr Hingabe als dem Namen widmen sich Web-Schreiber, aber auch Print-Journalisten seit Wochen der Physiognomie des SPD-Spitzenkandidaten. Auch das ist, jedenfalls in dieser Intensität, ein Novum in der bundesdeutschen Politik.

Die Physiognomie als beherrschendes Thema

Kanzler Kohl als "Birne" zu persiflieren, war in der Bonner Republik zwar den Witzbolden von "Titanic" im allgemeinen zugestanden worden. Als degoutant dagegen galt es, in Leitartikeln oder Parlamentsdebatten auf das Aussehen eines politischen Gegners anzuspielen oder es gar zum beherrschenden Thema zu machen. Völlig undenkbar war es jahrzehntelang, ein Interview etwa mit der Frage einzuleiten: "Herr Wehner, wann lassen Sie sich die Zähne richten?"

Diese Zeiten scheinen passé - fast so vergangen wie die Radio Days, als die Wähler einen Politiker eher zu hören als zu sehen bekamen. In der Epoche der Television und der Telekratie, der Supermodelsuche und des Markenterrors schon auf dem Schulhof droht die Äußerlichkeitsfixiertheit von Teilen des Publikums Aussagen über politische Ziele mehr und mehr zu überlagern.

"Über dem Untergesicht eine kleine schmale Denkbeule"

Ob jemand von "Focus" oder von der "Süddeutschen Zeitung" den Kandidaten Schäfer-Gümbel in jüngster Zeit interviewte - gleich in der ersten Frage ging's um dessen Sehhilfe. Die "FAZ" glänzte unterdessen mit dem Einfall, einen Optikermeister zu dem "Unding" zu interviewen. Der Kopf des Kandidaten, befand der Fachmann in dem Blatt für die klugen Köpfe, werde vom schwarzen Steg der Brille unvorteilhaft aufgeteilt in "80 Prozent Untergesicht" und "eine kleine schmale Denkbeule obendrauf".

So sieht sich denn der SPD-Spitzenmann während seines Kurzwahlkampfs immer wieder mal zu der Erklärung genötigt, dass sich seine stark fehlsichtigen Augen, minus 12 und 16 Dioptrien, nicht einfach "runterlasern" lassen, wie der "FAZ"-Optiker rät, und dass er Kontaktlinsen nicht vertrage. Brillengläser der notwendigen Stärke aber seien nun einmal derart klobig, dass dafür keine großen Fassungen in Frage kämen. Nachdem der Politiker dies anhand einer eigens mitgeführten Linse mit extrem dickem Rand einem "FAZ"-Mann demonstriert hatte, informierte die Redaktion ihre Leser: "Thorsten Schäfer-Gümbel ist auf eine kleine Brille angewiesen."

"Retro-Modell" oder "Accessoire der Stunde"?

Zwar hat sich der Kandidat mittlerweile eine anderes Gestell zugelegt - auch nicht größer, aber eckig. Damit jedoch ist das Thema längst nicht vom Tisch: Nun verwirrt Schäfer-Gümbels neue Brille die Branche erst recht.

Schäfer-Gümbel feixt sich eins: Mit Humor Respekt ergattert

Während die "FAZ" meldet, auf der Nase des Sozialdemokraten sitze nunmehr ein "futuristisches Modell", glaubt ihr Schwesterblatt, die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" ("FAS"), dort ein "Retro-Modell 'Kuba-Krise'" zu erkennen: Mit dem neuen Exemplar könne Schäfer-Gümbel "glatt in einem Hollywood-Film als Sicherheitsberater des amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy auftreten".

Womöglich ist die "FAS" in diesem Punkt nicht ganz à jour. "Brillen, für die man früher ausgelacht wurde, sind jetzt das Accessoire der Stunde," schreibt eine Lifestyle-Autorin in der "Welt". Daher sei Schäfer-Gümbels "modernisiertes Buddy-Holly-Modell" ebenso "angesagt" wie auch die neueste Brille von Johnny Depp. Hessens CDU-Spitzenmann Roland Koch steche dagegen als "modischer Verlierer" ab: "Seine randlose Brille ist in dieser Saison so out wie Sarah Palin, die ebenfalls randlos trägt."

"Germany's next top model" im hohen Haus

Schäfer-Gümbel versteht es, auf die absurde Debatte angemessen zu reagieren - mit Humor. Schon in seinem ersten Rededuell mit Koch, anlässlich der Auflösung des hessischen Landtags am Buß- und Bettag, führt er aus, es sei ja schon viel über seine Brille geschrieben worden, um sich zu Koch umzudrehen und ihm feixend zuzurufen: "Wir machen hier aber keinen Wettbewerb 'Germany's next top model'. Im Übrigen: Diesen Wettbewerb würde ich gewinnen."

Der Brillenträger auf der Regierungsbank greift das Thema auf und antwortet dem "Kollegen Schäfer-Gümbel": "Wenn Sie glauben, Sie seien schöner als ich, akzeptiere ich das." Es komme aber bei einer Brille "nicht darauf an, dass das Design stimmt, sondern auf die richtige Sehschärfe". Das Protokoll verzeichnet Heiterkeit im hohen Haus.

In derselben Debatte liefert der Herausforderer auch die Antwort auf die gehässige Leserfrage, "ob in einem verlängerten Kopf auch Gehirn steckt" (welt.de). Zur Überraschung vieler Leser melden nun Blätter, die sich soeben noch über Schäfer-Gümbel lustig gemacht haben, der Mann könne "fast staatsmännisch und in geraden Sätzen" ("FAZ") reden.

"Soll ich die Brille noch mal zurechtrücken?"

Und die "Stuttgarter Zeitung" kommentiert, nach dem "gelungenen Debüt" im Parlament und einer respektabel bestandenen "Feuertaufe", einem Interview mit TV-Inquisitor Michel Friedman, müssten nun auch jene, die den Kandidaten "zuvor noch mit einem mokanten Lächeln" bedacht hätten, eines zugeben: dass Schäfer-Gümbel "politisches Talent hat und Roland Koch durchaus gefährlich werden könnte".

Dass der sperrige Nachname jedenfalls kein unüberwindbares Hindernis darstellen muss, zeigt sich, seit Wahlkampfhelfer den Fußballfan mit dem positiv besetzten Kürzel TSG vermarkten, das an den Bundesliga-Zauberer TSG Hoffenheim erinnern soll. Die bundesweit bekannte Brille nutzt der Kandidat, kurz zuvor noch ein Mr. Nobody, bei Wahlkampfauftritten nun selbstironisch zur Selbstpropagierung und zur Selbststilisierung: "Soll ich sie noch mal zurechtrücken?"

"Vielleicht unterschätzen wir ihn"

Im Web scheint sich unterdessen ein Wetterwechsel abzuzeichnen. Während ein "Blacky007" auf stern.de weiter auf den vermeintlichen "Volltrottel" eindrischt, gibt eine "Gisella" zu bedenken: "Vielleicht unterschätzen wir ihn." Andere empören sich auf derselben Plattform nun über das "unterirdische Niveau" vieler Postings und nehmen TSG vor dem Web-Mob in Schutz: "Man muss den Mann nicht mögen," schreibt "vubler", wer ihn aber "persönlich mit Schimpfwörtern beleidigt, zeigt selbst sein eigenes schlichtes Gemüt und auch seinen Charakter".

Seit TSG - zuvor als Ypsilantis "Marionette" karikiert - zu Monatsbeginn auf Distanz zum Wortbruch seiner Vorgängerin gegangen ist, korrigieren auch Printmedien frühere Urteile und Vorurteile über den SPD-Politiker, ohne allerdings ihre Fixierung auf dessen Brille aufzugeben. Originalton "Hamburger Abendblatt": "Die neue Brille ist nicht nur flotter als die alte", sie habe TSG "offenbar auch endlich zu einer klareren Sicht auf seine Vorgängerin Andrea Ypsilanti verholfen".

"Mehr Dioptrien wagen"

Der "Stern" staunt über die "selbstbewusste Medien-Performance" des Überraschungskandidaten, der "aus Schwächen Stärken" macht. Die "Zeit" sieht ihn gar schon auf dem Weg der "Kultwerdung". Unter der Überschrift "Mehr Dioptrien wagen" schreibt das Wochenblatt: "Zuerst lachten die Leute über den hessischen Müller-Lüdenscheid, dann gossen sie Häme über das Riesenbaby - und jetzt erkennen sie plötzlich, dass da etwas ist, was sie nicht gesehen haben, eine Qualität, eine Eigenschaft, die Respekt abnötigt. Die Fähigkeit, das Lachen und die Häme zu ertragen."

Da fehle nur noch als nächster Schritt die "ironische Überhöhung" - für die das Blatt gleich selber sorgte: auf einem "herausnehmbaren Plakat" mit dem Kandidaten-Konterfei und dem Obama-Slogan "HOPE". Kurz zuvor war etwas Ähnliches dem hannoverschen Designer Achim Schaffrina eingefallen, der im Netz "Schäfer-Gümbel '09" in der Pose des designierten US-Präsidenten zeigt, darunter statt "Yes I can" ein hessisches "Yo isch kann".

Inzwischen ist das Unglaubliche eingetroffen: Das Bild des Hessen-Obamas, von einigen Bloggern sogleich als Persiflage durchschaut, verbreitet sich nun in Windeseile nach Art des vieldiskutierten viralen Marketing von Website zu Website - und findet, allen Ernstes, Gefallen auch bei Sozialdemokraten.

Ein "Verarschungslogo" wird zum "Kult"

Zuerst setzte der Marburger SPD-Stadtverband Schaffrinas Logo für ein paar Tage auf seine Website, dann griffen Genossen anderswo zu. "Zum Niederknien" fanden etwa die Sozialdemokraten im Düsseldorfer Landtag das TSG-Obama-Emblem, das sie prompt auf ihre Seite blog.nrwspd.de setzten. Denn, so glauben sie: "'Yo isch kann' hat das Zeug zum Kult."

Das wiederum wundert einige Nutzer der Website von Designer Schaffrina. Dass die Sozialdemokraten das "Verarschungslogo einfach übernehmen", schreibt einer, sei "entweder sehr größenwahnsinnig oder sehr ironisch. Lustig aber so oder so." Ein anderer User, der sich "airpark" nennt, prophezeit dem Mann, dem so viele Spötter die Würde nehmen wollen, eine gute Zukunft: "Egal wie es weiter für ihn läuft - er kann nur gewinnen."

Schäfer-Gümbel tourt unverdrossen weiter durch Hessen. Der Name Gümbel, weiß er, geht auf den germanischen Rufnamen Gundbald zurück. Und "gund" heißt Kampf und "bold" heißt kühn.

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