Politischer Aschermittwoch der CSU Seehofer krächzt, Stoiber schwärmt

Der politische Gegner: unfähig. Die eigene Leistung: bärenstark. Die CSU hat sich bei ihrem politischen Aschermittwoch an sich selbst berauscht. Der Ehrenvorsitzende Edmund Stoiber war wieder der Liebling der Christsozialen - und Horst Seehofer ließ sich von seinem kleinen Stimmproblem nicht stoppen.
Politischer Aschermittwoch der CSU: Seehofer krächzt, Stoiber schwärmt

Politischer Aschermittwoch der CSU: Seehofer krächzt, Stoiber schwärmt

Foto: dapd

7,30 Euro, das ist an diesem Mittwoch in der Passauer Dreiländerhalle der Preis auf dem Weg zum Alkoholrausch. So viel kostet die Maß Bier beim politischen Aschermittwoch der CSU. Eine Flasche Helles (0,33 Liter) gibt es für 3,30 Euro - mit einer kleinen Einschränkung: erst ab zwölf Uhr am Mittag. Der Durst setzt bei den Besuchern aber früher ein, sie dürfen schon am Morgen in die Halle.

Rund 7000 Besucher sind nach Angaben der Partei gekommen. Sie wollen zum "größten Stammtisch der Welt", wie die CSU ihre traditionelle Veranstaltung nennt. Vielleicht ist das Treffen, bei dem der derbe politische Spruch und der kräftige Schluck aus dem Bierkrug zu einer mehr oder wenigen kunstvollen Symbiose zusammengefunden haben, auch einfach nur eine der größten politischen Gaga-Veranstaltungen Deutschlands.

Es ist in diesem Jahr ein besonderer politischer Aschermittwoch für die CSU: Erst geht es für sie bei der bayerischen Landtagswahl am 15. September um die Verteidigung der Macht in der Münchner Staatskanzlei, eine Woche später bei der Bundestagswahl wollen die Christsozialen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit einem starken Ergebnis in Bayern zur Wiederwahl verhelfen. Eine "klare Aussprache" sei deshalb garantiert, kündigte die CSU im Vorfeld an.

Die Passauer Stadtkapelle probt schon am frühen Morgen mit ihren Blasinstrumenten. Das klingt in manchen Augenblicken so ohrenfreundlich wie einst der Fernsehton, als es noch das Testbild gab, aber die ersten Besucher nehmen es gelassen. Außerdem gibt es nachher etliche Märsche und viel Humtata.

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Politischer Aschermittwoch: Bierseliges Polit-Spektakel

Foto: Armin Weigel/ dpa

Die Einstimmung für die Besucher in der Halle ist echte CSU-Wertarbeit, made in Bavaria sozusagen: Auf den Tischen liegt der "Bayernkurier", dünngestrickte Schals in weiß-blau wurden daneben drapiert. Der Gewinner des Gewinnspiels darf sich über ein "CSU-Bike" in Landesfarben freuen, und den Porzellanlöwen mit Bayernwappen gibt es für 24,90 Euro.

Uwe Wehrspaun kennt das alles schon. Der Rentner aus Peine ist bereits zum 20. Mal hierher gekommen. Die weite Fahrt von Niedersachsen in den äußersten Südosten Deutschlands nimmt der 72-Jährige auch wegen Edmund Stoiber auf sich. "Ja zu Stoiber", steht auf seinem ausgewaschenen T-Shirt. Es ist das Unionsmotto zur Bundestagswahl 2002, als der Bayer gegen Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) verlor. "Was er sagt, hat Hand und Fuß", sagt Wehrspaun über Stoiber, der inzwischen Ehrenvorsitzender der CSU ist und an diesem Tag wieder als Redner angekündigt ist.

Um 10.15 Uhr ist es so weit. Stoiber bahnt sich an der Seite von Parteichef und Ministerpräsident Horst Seehofer den Weg durch die Halle. Jubelnde Gäste, hin- und herflatternde CSU- und Bayernfahnen, die Passauer Stadtkapelle in Hochform, und Stoiber und Seehofer winken. Nach links und rechts, zwischendurch ein paar Autogramme, die rund 50 Meter durch die Halle werden so zum feierlichen Triumphmarsch.

Angriff des "blonden Fallbeils"

Vor der verbalen Kraftmeierei gibt es etwas fürs Herz. Ein Film wird eingespielt, Bayern von oben, und da sieht man dann die ganze bajuwarische Pracht: schneebedeckte Berge, die Zugspitze, Kirchtürme, Schlösser und Seen, die Allianz-Arena und zwischendrin frühere und gegenwärtige CSU-Größen. Franz Josef Strauß, im Anzug beim Radfahren. "Bayern ist das schönste Land der Welt", hört man ihn sagen. Dann Stoiber, schwitzend und sich verausgabend bei einer früheren Rede beim politischen Aschermittwoch. Dann Seehofer: "Jeder Tag in Bayern verlängert die Lebenserwartung." Die volle Bayern-ist-super-Tour.

Stille im Saal bei den Bildern, Applaus nach der letzten Einstellung und dann endlich: Stoiber live. Bereits 2012 hatte Seehofer ihn aus dem Hut gezaubert, weil er sich selbst zurückhalten wollte: Seehofer war damals nach dem Rücktritt von Bundespräsident Christian Wulff für ein paar Wochen Interimsstaatsoberhaupt und hatte sich Mäßigung bei seinem Passau-Auftritt verordnet. Stoiber kam damals so gut an, dass Seehofer ihn auch im wichtigen Wahljahr in Passau haben wollte. Die politische Attacke beherrscht der 71-Jährige wie nur wenige andere, nicht umsonst hatte er sich in seiner Zeit als CSU-Generalsekretär den Ruf als "blondes Fallbeil" erworben.

Und natürlich attackiert Stoiber auch jetzt in Passau. Er habe immer noch mehr Phantasie und Energie als der "müde Haufen der bayerischen Opposition", sagt Stoiber, der mit lauten "Edmund, Edmund"-Rufen von Tausenden Anhängern begrüßt wurde. Ein "buntes Häuflein" von Politikern der anderen Parteien habe sich auf den Weg nach Bayern gemacht, um bei Veranstaltungen des politischen Aschermittwochs aufzutreten. "Früher hätte ich mir die einzeln vorgeknöpft", sagt Stoiber, aber er sei jetzt ja Ehrenvorsitzender der CSU. Gelächter im Saal.

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Polit-Sprüche am Aschermittwoch: "Weg mit den roten Deppen!"

Foto: Stephan Jansen/ picture alliance / dpa

Den SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück nimmt er sich dann aber doch vor. "Als Finanzminister und Ministerpräsident hat Steinbrück in fünf Jahren mehr Schulden aufgehäuft als Bayern in seiner ganzen Nachkriegsgeschichte", sagt Stoiber. "Und da traut sich der, hierherzukommen und uns Ratschläge zu erteilen." Das passt zu den Transparenten, die in der Halle hängen. Auf einem steht: "SPD: Pleiten, Peer und Pannen." Der frühere CSU-Chef und Ex-Ministerpräsident lästert auch über den früheren italienischen Regierungschef Silvio Berlusconi, der sich jetzt wieder zur Wahl stellt: Berlusconis Landsleute sollten dem "Bunga-bunga-Ministerpräsidenten" die "rote Karte" zeigen.

Dazu gibt es Pathos und Schwärmerei über die bayerische Heimat. Stoibers Beweis für die Attraktivität Bayerns: Pep Guardiola, der Erfolgscoach und künftige Trainer des FC Bayern München. "Er hätte nach Madrid gehen können, nach London, nach Paris - für das doppelte Geld. Und wohin geht er? Nach Bayern!" Natürlich auch deshalb, weil man im Süden Deutschlands sicher lebe, gute Bildungsangebote habe und es neben der "schönen Landschaft" eine vielfältige Kultur gebe, so Stoiber.

Dies sei vielleicht sein letzter Redeauftritt beim politischen Aschermittwoch, sagt Stoiber - vielleicht auch, um die Reaktionen beim Publikum zu testen. Das reagiert erwartungsgemäß mit Entrüstung - und mit lautem Applaus, als er von der Bühne steigt.

Dann folgt Seehofer, mit zunehmend angeschlagener Stimme, die zwischendurch zum Krächzen wird. Was solle er jetzt nach dem Stoiber-Auftritt noch sagen, eröffnet der bayerische Regierungschef seine Rede. Und dann hat er doch noch Material für rund eine Stunde. Die CSU: "Schutzmacht der kleinen Leute". Bayern: "Eine Vorstufe zum Paradies". Die bayerische SPD: "Ideenlos", eher finde man einen "Maibaum in der Sahara" als eine Idee bei den bayerischen Sozialdemokraten. Dazu viel Lob für Kanzlerin Angela Merkel, die durchgesetzt habe, dass die EU spare ("So stelle ich mir die Vertretung der deutschen Interessen vor") - und Giftpfeile gegen Steinbrück. Dieser sei kein Finanzfachmann, sondern "der Schuldenkönig der Bundesrepublik Deutschland", tönt Seehofer über den früheren Finanzminister. Im Unterschied zum SPD-Kanzlerkandidaten, der durch Vortragshonorare in die Kritik geraten war, spreche er "garantiert honorarfrei".

Und dann natürlich wieder Bayern - es sei so stark, dass es die anderen Bundesländer gar nicht zwingend bräuchte. "Wir könnten es auch alleine", sagt Seehofer unter dem Applaus der Anhänger. Wenig später ist auch schon Zeit für die Bayernhymne - für viele im Saal klappt es mit dem Text auch ohne die ausgelegten Zettel.

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