Politischer Aschermittwoch SPD sorgt sich um YouTube und Paris Hilton

Die SPD hatte an ihrem politischen Aschermittwoch leichtes Spiel: Der Abgang von CSU-Chef Edmund Stoiber bot reichlich Material für Hohn und Spott. Neuerdings sorgen sich die Genossen aber auch um die Zukunft des Videoportals YouTube.

Aus Vilshofen berichtet


Vilshofen - Aschermittwoch, das ist die Sternstunde für Holzhammerpolitiker. Daran kommt auch Kurt Beck nicht vorbei. In Hemdsärmeln tritt der SPD-Chef auf die Bühne, die ersten Schlucke Bier hat er schon intus, der Schweiß läuft. Zufrieden stellt er fest: "Die Temperatur ist richtig". Dann ist die CSU dran. "Eine Partei, die sich so benimmt, ist von inner her zutiefst morsch", ruft Beck in den Saal. Sie werde geführt von "drei scheinheiligen Königen", nämlich Erwin Huber, Günther Beckstein und Horst Seehofer, die um die Stoiber-Nachfolge rangeln. In der Geschichte sei es doch so: "Bei Triumviraten wird immer einer umgebracht", stichelt Beck. Und selbst bei einem Tandem wisse ja niemand, wer vorn sitzen soll.

SPD-Chef Beck in Vilshofen:
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SPD-Chef Beck in Vilshofen:

Hohn und Spott für die CSU: Wie jedes Jahr ging es beim politischen Aschermittwoch der SPD in Vilshofen darum, auf die übermächtige Regierungspartei einzudreschen. Diesmal mussten die Redner nicht sonderlich viel Phantasie aufbringen. Die CSU hatte in den letzten Monaten mehr als genug Rohmaterial geliefert. Plattheiten sind heute nicht verpönt: Gleich zu Beginn spielt die Kapelle "Muss I denn zum Städtele hinaus" als "kleinen musikalischen Gruß nach Passau". Dort tagt parallel die CSU und lauscht der Abschiedsrede von Edmund Stoiber.

"Wer soll denn jetzt die Reden ins Internet stellen?"

"Da werden sie ihn wieder bejubeln und die Weihrauchfässer schwenken", kommentiert SPD-Landtagsfraktionschef Franz Maget. "Die Frage ist nur: Warum haben sie ihn denn in die Wüste geschickt?" Passau, das sei heute das "Mekka der Heuchler". Kurt Beck stellt die Frage, "ob heute dem Stoiber mal jemand sagt, dass er schon zurückgetreten sei. Das hat der wieder verdrängt". Becks Mitleid hält sich in Grenzen: Schließlich würde "unser Freund, Bruno der Bär, noch leben", wenn Stoiber früher zurückgetreten wäre. Aber es sei "schon bitter", wenn man von der eigenen Partei so "abgemeiert" werde, heuchelt Beck. Das sei "keine Art, mit Menschen umzugehen". SPD-Landeschef Ludwig Stiegler macht sich vor allem Sorgen, wie das Videoportal YouTube künftig überleben will: "Wer soll denn jetzt die Reden ins Internet stellen?"

Da lacht der ganze "Wolferstetter Keller", in dem die Luft noch stickiger ist als sonst. Die Bestuhlung ist enger als üblich, damit mehr Leute reinpassen und die Aufbruchstimmung der SPD deutlich wird. Auch das kann natürlich nicht unkommentiert bleiben. Hier könne man getrost Rücken an Rücken sitzen, bemerkt Beck. "In Passau trauen sie sich das nicht."

Die Sprüche sind die alten, doch die Stimmung ist tatsächlich optimistischer als in den vergangenen Jahren. Seit der Stoiber-Krise sehen die Genossen die historische Gelegenheit, bei der Landtagswahl 2008 den Status der Splitterpartei zu verlieren. "Wir wollen und werden die absolute Mehrheit der CSU brechen", verspricht Maget. Die CSU sei "selbstgerecht" und "nur noch mit sich selbst beschäftigt". Deshalb brauche Bayern einen "politischen Neuanfang". Beckstein und Huber seien seit 15 Jahren zentraler Bestandteil des Systems Stoiber. "Die beiden sind alter Wein in alten Schläuchen".

So einleuchtend das klingt, bis zur Wahl dürfte die CSU-Krise vergessen sein. Um die Skeptiker im Saal zu überzeugen, bringt Maget das Beispiel Rheinland-Pfalz. Im Nachbarland wohne der gleiche Menschenschlag wie in Bayern: "Brave, bodenständige, tüchtige, arbeitsame Leute mit einer konservativen Grundeinstellung". Die hätten auch immer nur schwarz gewählt, bis die CDU es übertrieben hätte. Rudolf Scharping und Kurt Beck ebneten dann den Weg zur absoluten SPD-Mehrheit. Für Maget der Beweis, dass "nichts für die Ewigkeit ist."

Sein Manko als Spitzenkandidat wird allerdings bereits beim obligatorischen Gruppenfoto mit erhobenem Bierkrug deutlich: Die Kameras umzingeln Beck und Stiegler, Maget ist abgedrängt worden und steht zunächst außerhalb des Kamerarings.

Den ostdeutschen Exoten vermisst niemand

Vilshofen dürfte die SPD auch daran erinnern, wie schnell sie ihre eigene Führungskrise überstanden hat. Vor einem Jahr war hier noch Matthias Platzeck als SPD-Chef aufgetreten und als ostdeutscher Exot von der westdeutschen Basis beäugt worden. Vermisst wird er heute nicht. Kurt Beck füllt die Rolle als Parteichef, Ministerpräsident und Kanzlerkandidat in spe so komplett aus, dass kein Zweifel an seinem Führungsanspruch aufkommen kann.

In Vilshofen gibt er schon einen Vorgeschmack darauf, wie seine Wahlkampfrede als Kanzlerkandidat aussehen könnte. Die zentrale Herausforderung sei es, dass "das Kapital nicht alleine bestimmt, wo es hingeht", sagt Beck. Er wolle "keine Tierchen ansprechen, die im Heu herumhopsen", aber der Staat müsse strengere Spielregeln aufstellen. Auch kritisiert er Spitzenmanager, bei Siemens etwa fehle der "kritische Blick nach innen". Die Manager, fordert Beck, sollten sich mal am Handwerker und Gastronomen ein Beispiel nehmen.

Wie schon bei einem Wahlkampfauftritt in Bremen im Januar warnt der SPD-Chef vor der "Hotelgesellschaft": Die Forderung nach immer mehr Mobilität ("heute Vilshofen, morgen Hamburg") verhindere, dass die Menschen Eigentum bildeten, sich in Vereinen engagierten und lokale Wurzeln schlügen. Wieder und wieder verneigt sich Beck rhetorisch vor den "Kleinen": den Handwerkern, den Sparkassen, den Kleinstädten. Man könnte fast schon von einer Beckschen Philosophie sprechen: Small is beautiful.

Sorge äußert Beck über den vermeintlichen Trend, dass "diejenigen, die von Beruf Erbe sind", heute als Vorbilder der Jugend fungierten. "Da ist so ein Mädchen, die hat einen Hotelkonzern geerbt", sagt Beck und meint offensichtlich Partygirl Paris Hilton. "Jetzt ist sie so arm, dass sie sich nicht mal ein Höschen leisten kann."

Der Keller grölt. Das ist politischer Aschermittwoch in Bayern.



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