Politischer Quereinsteiger Naumann Am Katzentisch der Macht

Er war Schröders intellektuelles Versprechen für die Berliner Republik: Michael Naumann, der ebenso streitbare wie streitlustige Intellektuelle. Doch er verzweifelte an den Grenzen seiner Macht und verließ die Politik. Einmal kam er zurück - und erlitt erneut Schiffbruch.

Von Michael Lühmann


Als Michael Naumanns zweiter Versuch, in der Politik zu reüssieren, misslang, war der Schuldige schnell gefunden. "Ein Lkw aus Mainz hat alles platt gemacht." Mit dem Lkw war Ex-SPD-Chef Kurt Beck gemeint. Dieser hatte, so Naumanns gereizte Lesart, mit seinen Äußerungen zur Öffnung in Richtung Linkspartei den Sieg seiner SPD bei der Bürgerschaftswahl in Hamburg 2008 verhindert.

Michael Naumann, Außenminister Frank-Walter Steinmeier: Glücklose Rückkehr
DPA

Michael Naumann, Außenminister Frank-Walter Steinmeier: Glücklose Rückkehr

Natürlich hatte der Seiteneinsteiger Naumann nicht nur wegen Becks "Geisterfahrt" verloren. Vielmehr stellte er keine Alternative zum Amtsinhaber Ole von Beust dar. Zwar konnte er sich habituell in die lange Riege der hanseatischen Bürgermeister mit sozialdemokratischem Parteibuch einreihen. Doch das konnte der CDU-Mann von Beust auch. Und so scheiterte Naumann in Hamburg. Es fehlte alles, was Seiteneinsteiger brauchen, um in der Politik zu reüssieren: Gelegenheit, Fortune, vor allem aber - den Ruf nach radikaler Veränderung.

Der Bundeskulturankündigungsminister

Dies war ein Jahrzehnt zuvor indes anders. Bei seiner Ernennung zum "Schatten-Kulturminister" eines künftigen Kabinetts von Gerhard Schröder im Sommer 1998 brach im Feuilleton, im Kulturbetrieb, bei den politischen Kommentatoren Begeisterung aus. Die Personalie Naumann wurde als Schröders intellektueller Coup gefeiert. Schließlich war Naumann nicht nur aufregender als Walter Riester oder Jost Stollmann - Schröders andere Seiteneinsteiger. Vielmehr galt der sprachgewandte Intellektuelle nach der geistigen Dürre der Kohl-Jahre als eloquenter Stichwortgeber eines neuen kulturpolitischen Selbstbewusstseins der Berliner Republik. Mit Naumann, so die "Süddeutsche Zeitung", war auch die "ästhetische Arrondierung der Neuen Mitte" vollzogen.

Dass es Schröder mit der Wahl seines Seiteneinsteigers weniger um Kulturpolitik als um Deutungsmacht im politischen Feuilleton ging, zeichnete sich nach seinem fulminanten Wahlsieg indes schnell ab. Naumann konnte zwar viele Debatten anstoßen, doch neben der diskursiven Macht der öffentlichen Ankündigung besaß Naumann kaum politische Stärke.

Der Macher verzweifelte schließlich an den Grenzen seiner Macht. Er, der seit seiner Flucht aus der DDR im Jahr 1952 und seiner Jugend in Notunterkünften und Kriegsruinen nur den stetigen Aufstieg kennengelernt hatte, war an seine Grenzen gestoßen. Der Ebert-Stipendiat, der schon immer durch seine Liebe zur Sprache und zu den Frauen aufgefallen war, der auch journalistisch und als Verleger brillierte, fühlte sich durch die ihm intellektuell unterlegenen Kulturpolitiker ständig herausgefordert. Doch diese bremsten ihn zunehmend politisch aus.

Immer wieder demonstrierte er seine intellektuelle Überlegenheit - einer der klassischen Fehler von Seiteneinsteigern. Naumann ging keinem Konflikt aus dem Weg, verzichtete überdies zu oft auf die sorgsame Absicherung eigener Mehrheiten. Die politischen Mauern, gegen die der Nicht-Politiker Naumann immer häufiger anrannte, wuchsen beständig. Und so nahm er zwei Jahre nach seinem Amtsantritt den Hut und floh zurück in die schützenden Gemäuer der Redaktion der Wochenzeitung "Die Zeit".

Mangelnde Liebesbeweise Schröders

Gleichwohl lag es nicht an Naumannscher Unlust am Politischen, dass er im Jahr 2000 seine Demission einreichte. Vielmehr spielte der fehlende persönliche Rückhalt Schröders eine gewichtige Rolle. Den hatte der Seiteneinsteiger bei seinem Ausflug in die Politik aber erwartet. Auch weil Schröder und Naumann mehr verband, als auf den ersten Blick gewahr wurde: die Generation, die vaterlose Jugend, die Erfahrungen als Funktionäre der Studentenbewegung, der traumhaft sichere Umgang mit den Medien. Beide waren im Krieg geboren, kämpften sich nach oben und betrieben Identitätssuche jenseits klassischer Vater-Sohn-Kämpfe.

Beide rieben sich in diesem Aufstieg überdies an der eigenen Generation der "68er". Während Schröder sich an den bürgerlichen Ideologen vorbeikämpfte, wahrte Naumann, wenngleich in die Studentenproteste involviert, Abstand zu den Happenings der "68er". In der gefühlten Distanz zur Betroffenheitskultur der "68er" waren sich Schröder und Naumann nahe. Beide waren weit weg von Ewigkeitsdebatten über linke Deutungshoheiten. Beide waren, vor unterschiedlichen Hintergründen, viel zu yuppiehaft für diese Deutung. Vielmehr waren sie auf ihren Gebieten Macher, Pragmatiker und Machtmenschen, gefallsüchtig beide, hochmütig, sprunghaft bisweilen, zudem nicht dezidiert moralisch überpolitisiert. Und doch konnte in diesem ungleichen Kampf nur einer in der ersten Reihe stehen.

Ein Missverständnis zwischen Schröder und Naumann, zwischen Förderer und Gefördertem, dürfte zentral gewesen sein. Gerhard Schröder hatte 1998 intellektuellen Glanz gesucht und einen ehrgeizigen Kulturmanager bekommen. Der Kanzler hatte Stimmen erwartet und auch erhalten. Der Seiteneinsteiger indes hatte Zustimmung erhofft, die ihm zu oft versagt blieb. Er rieb sich auf in öffentlichen Debatten, im politischen Kleinklein des Kulturausschusses, in Kabinettsdebatten, in heftigen Grabenkämpfen zwischen Bundeskultur und Kultur-Föderalismus. Doch Schröder ließ den aufstrebenden Seiteneinsteiger am Katzentisch der Macht verhungern. Denn Naumann hatte seine Aufgabe für den Kanzler bereits am Wahlabend zum größten Teil erfüllt.



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Seite 1
Satiro, 19.02.2009
1.
Zitat von sysopNicht nur Berufspolitiker sollten das Parlament und die Parteien prägen. Wie wichtig sind Quereinsteiger für die deutsche Politik? Warum ist eine Karriere in der Politik für Seiteneinsteiger so schwierig?
Weil die Karriere von Berufspolitern mit dem Kleben von Wahlplakten bereits im frühen Jugendalter beginnt.
jajokat 19.02.2009
2.
Zitat von sysopNicht nur Berufspolitiker sollten das Parlament und die Parteien prägen. Wie wichtig sind Quereinsteiger für die deutsche Politik? Warum ist eine Karriere in der Politik für Seiteneinsteiger so schwierig?
Klar doch wir brauchen Quereinsteiger! Ich hätte auch schon ein paar Posten für"besonders fähige" Quereinsteiger: Bundeskanzler:J.Ackermann Wirtschaftsminister:H.Mehdorn Finanzminister:K.Zumwinkel Außenminister:J.Ratzinger Aber die wollen ja alle nicht! (Aber warum werde ich das Gefühl nicht los,daß diese Personen-Liste könnte ja problemlos fortgesetzt werden-schon die Geschicke unsere Landes bestimmen obwohl sie nicht im Parlament sitzen bzw. führende Positionen in den Parteien innehaben?)
stefkarr 19.02.2009
3. Ich frage mich
Zitat von sysopNicht nur Berufspolitiker sollten das Parlament und die Parteien prägen. Wie wichtig sind Quereinsteiger für die deutsche Politik? Warum ist eine Karriere in der Politik für Seiteneinsteiger so schwierig?
wer denkt sich immer diese Themen aus? Wie kann man nur annehmen, dass "Berufspolitiker" eine Selbstverständlichkeit wären? Es hat sich so eingebürgert, dass sich einige Herrschaften in unsrem Land auf den gut bezahlten Sesseln bequem gemacht haben. Der Eid den sie schwören "Schaden vom deutschen Volke ab zuwenden", wird alleine dadurch gebrochen, dass die Herrschaften so lange in Ihren Ämtern verweilen. In unserer Verfassung gibt es den "Berufspolitiker" nicht, auch nicht in den einschlägigen Gesetzen. Berufspolitiker sind Menschen, die das nicht einhalten, was Sie von der Masse erwarten: Flexibilität und Mobilität im Arbeitsleben. Berufspolitikter sind im Laufe der Zeit weg vom Alltagsleben, das 95% der Bevolkerung leben. Berufspolitiker sind Marionetten der Lobby. Sie sind mit Sicherheit alles das, was die Gründerväter unserer Repuplik nicht wollten: Fern vom Volk, gekauft von Lobbyisten. Für mich sind Sie des weiteren, genau dass was Sie selbst glauben was Harz-IV-Empfänger seien: Sozialschmarotzer, aber mit weit aus höheren monatlichen Bezügen. Und mit dem Unterschied, dass Sie mit Ihrer Machtfülle großen Schaden anrichten, was man von Harz-IV-Empfängern nicht sagen kann. Wir brauchen keine Quereinsteiger, sondern einfach nur Politiker die sich spätestens nach 2 Legislaturperioden verabschieden, dann ist das Thema Ouereinsteiger gelöst, und wir brauchen Quoten im Parlament, vom Handwerksmeister über Ingenieure und Wirtschaftswissenschaftlern, und nicht wie heute einseitig meist beamtete verschiedener Berufszweige und Juristen. Das Argument, dass damit zuviel Kompetenz verloren ginge, kann so nicht gelten, sonst hätten wir heute nicht den Wirtschaftsminister den wir heute haben!
ANDIEFUZZICH 19.02.2009
4.
Zitat von jajokatKlar doch wir brauchen Quereinsteiger! Ich hätte auch schon ein paar Posten für"besonders fähige" Quereinsteiger: Bundeskanzler:J.Ackermann Wirtschaftsminister:H.Mehdorn Finanzminister:K.Zumwinkel Außenminister:J.Ratzinger Aber die wollen ja alle nicht! (Aber warum werde ich das Gefühl nicht los,daß diese Personen-Liste könnte ja problemlos fortgesetzt werden-schon die Geschicke unsere Landes bestimmen obwohl sie nicht im Parlament sitzen bzw. führende Positionen in den Parteien innehaben?)
Klasse! Was ist eigentlich aus dieser deutschen Version (ja, ja, bei den Medien kopieren wir alles, da es uns an eigener Fantasie mangelt) von "spitting image" geworden? Mit dieser Besetzung könnte man den Brüller des Jahres landen!
bürger mr 19.02.2009
5. Ii
Zitat von sysopNicht nur Berufspolitiker sollten das Parlament und die Parteien prägen. Wie wichtig sind Quereinsteiger für die deutsche Politik? Warum ist eine Karriere in der Politik für Seiteneinsteiger so schwierig?
Warum? - Da sitzen doch zum Großteil Beamte .
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