Politischer Quereinsteiger Ralf Dahrendorf Aufstieg und Fall eines liberalen Supertalents

Wunderkind der Wissenschaft und brillanter Redner: Der Soziologie-Professor Ralf Dahrendorf machte bei der FDP der späten 1960er steile Karriere. Doch die Mühen des politischen Alltags lagen dem intellektuellen Überflieger nicht - die Partei schob ihn nach Brüssel ab.
Von Matthias Micus

Am Ende der 1960er Jahre galt Dahrendorf etlichen Kommentatoren als Stern am politischen Firmament. So rasant war es für ihn binnen kürzester Frist nach oben gegangen: Weihnachten 1967 noch frischgebackenes FDP-Mitglied, wurde er im Januar 1968 sowohl in die baden-württembergische Landesführung als auch in den Bundesvorstand der Partei gewählt; kurz darauf zog er in den Stuttgarter Landtag ein, den er bereits im September 1969 Richtung Bonner Bundestag verließ, wo er sich sogleich als Parlamentarischer Staatssekretär im Auswärtigen Amt von der Gruppe der einfachen Abgeordneten abhob.

Doch ging es danach mit Dahrendorf ebenso schnell bergab. Schon 1970 schied er aus der Bundesregierung wieder aus und wechselte in die Europäische Kommission nach Brüssel. Hier manövrierte er sich alsbald ins Abseits und war ab dem Sommer 1971, nachdem er als Verfasser europakritischer Artikel unter dem Pseudonym "Wieland Europa" enttarnt worden war, praktisch ein Kommissar auf Abruf. Dahrendorfs politische Karriere legt insofern weniger den Vergleich mit einem Stern als vielmehr einer Sternschnuppe nahe, deren Leuchtkraft kurz und grell aufflackert, wenig später jedoch bereits wieder erlischt.

Im Januar 1968 aber war Dahrendorf der liberale Mann der Stunde. Zunächst stellte er auf dem Dreikönigs-Treffen der südwestdeutschen FDP mit einer Gastrede die gesamte Parteiprominenz in den Schatten. In den Vorberichten kaum erwähnt, war er hernach in aller Munde. So überwältigend war die Resonanz auf Dahrendorfs Referat, dass Spötter den Konvent in "Ein-Königs-Treffen" umbenannten. Nur drei Wochen später lagen ihm die Delegierten auf dem Freiburger FDP-Bundesparteitag abermals zu Füßen.

Doch begründeten Dahrendorfs fulminanten Durchbruch nicht allein zwei oratorische Glanzleistungen. Vielmehr ereignete sich für den Polit-Neuling seinerzeit ein historisch günstiger Moment. Erstens war zu Beginn des Jahres 1968 das Amt des FDP-Bundesvorsitzenden in gewisser Weise vakant. Der scheidende Vorsitzende Erich Mende hatte längst den Draht zur Parteibasis wie auch das Gespür für die Stimmung der Delegierten verloren, war also nur noch eine "lame duck". Sein Ende Januar 1968 in Freiburg gekürter Nachfolger Walter Scheel wiederum musste sich in jedes neue Amt zunächst eingewöhnen, ehe er seine Stärken zu entfalten vermochte. Auch als Vorsitzender startete er, insofern konsequent, unsicher, hielt eine fahrige Antrittsrede und wirkte in der Alltagsarbeit überfordert.

Zweitens kam Dahrendorf, Anfang 1968 im Beruf noch Professor in Konstanz, der Zeitgeist entgegen. Der Universitäts-Soziologe war das Denken in ganzheitlichen Konzepten gewohnt. Eben danach, nach Großtheorien und konzisen Zukunftsentwürfen, lechzte vor allem die unruhige Jugend im Ausklang der 1960er Jahre. Der Glaube an die Möglichkeit, gesellschaftliche Phänomene rational erklären, planvoll an sozialen Stellschrauben drehen und in die Entwicklung gezielt eingreifen zu können, war weit verbreitet. Ebenso der Hader mit verkrusteten Strukturen und die Neigung zum Protest, die der Konflikttheoretiker Dahrendorf ("gesellschaftliche Konflikte sind Garanten der Erneuerung und Motoren des Fortschritts") mit originellen Metaphern auf den Punkt zu bringen vermochte.

Und schließlich bot, drittens, der Zustand der FDP dem politischen Seiteneinsteiger Dahrendorf nahezu ideale Entfaltungsmöglichkeiten. Die Parteiliberalen plagten seinerzeit massive Zukunftssorgen. Nach dem mutwillig, doch unbedacht vollzogenen Bruch des Bündnisses mit der CDU/CSU sahen sie sich seit 1966 im Bundestag als "Miniatur-Opposition" mit einer enormen numerischen Übermacht der Großen Koalition konfrontiert.

Honoriert wurde der Rollentausch der FDP im Parlament von ihrer angestammten Kernklientel jedoch nicht. Die altliberalen Selbständigen, Freiberufler und Landwirte verstanden sich selbst wahlweise als Leistungsträger, Leitbilder oder Stützen der bundesrepublikanischen Gesellschaft. Ihre Partei wünschten sie in die Kommandozentralen der Regierung, nicht aber auf die harten Plätze einer reflexhaft nörgelnden oppositionellen Ohnmacht. Teile der alten Anhänger verließen daher die FDP, ohne dass neue Wählersegmente hinzugewonnen worden wären. 1966/67 verlor sie folglich bei neun Landtagswahlen Stimmen, Mandate und in Bayern gar ihren Status als Parlamentspartei.

Dahrendorf, der Reformer

Kurzum: Im Herbst 1967 präsentierte sich die FDP mutlos und verzagt. Über den Weg aus der Misere, auch über den Ort der Liberalen in einem durch die schwarz-rote Großkoalition veränderten politischen Konkurrenzraum wurde zwischen den antagonistischen Flügeln der Parteilinken und Nationalliberalen heftig gestritten.

Die FDP suchte einen Mutmacher, der Optimismus verbreitete und Selbstbewusstsein stiftete, der die arg lädierte Hoffnung auf eine große liberale Zukunft bekräftigte, seine Aufmunterung durch sozialwissenschaftliche Argumente rational fundierte und der Partei seherisch die Richtung wies - und fand ihn in Ralf Dahrendorf.

Mit Dahrendorf ließ sich für die FDP trefflich renommieren. Schließlich galt der Universitätsprofessor, ältester Sohn des Weimarer SPD-Reichstagsabgeordneten Gustav Dahrendorf, zum Zeitpunkt seines Parteibeitritts als Wissenschafts-Star, ja als "Wunderkind" der Soziologie. 1958 war ihm mit gerade 29 Jahren eine ordentliche Professur zugeteilt worden, in den 1960er Jahren hatte er gleich eine ganze Reihe vielbeachteter Bücher verfasst und bis 1967 bereits ein ganzes Dutzend Rufe auch von ausländischen Universitäten erhalten.

Wie Dahrendorf an seiner Begabung scheiterte

Dahrendorf ragte heraus, er war ein Intellektueller, außergewöhnlich begabt und erfolgsverwöhnt. Eine solche Ausnahmeerscheinung braucht keinen Mentor, so einer ordnet sich nicht unter, macht sich erst recht nicht von der Gunst anderer abhängig. Tatsächlich reüssierte Dahrendorf aus eigener Kraft. Zum Hoffnungsträger hatte er sich selbst emporgeredet.

Bei der Bundestagswahl 1969 errang er in seinem Wahlkreis doppelt so viele Erststimmen wie seine Partei Zweitstimmen, wodurch er den "größten persönlichen Erfolg eines Wahlkreisbewerbers" verbuchte. Und mit seiner Kritik an der Großen Koalition und plakativen Reformthesen hatte er es zwischenzeitlich gar zur Galionsfigur einer runderneuerten, "fortschrittlichen" FDP gebracht. Als Günstling seines Parteivorsitzenden Scheel konnte er folglich nicht gelten. Im Gegenteil: Zahlreichen Redakteuren erschien Scheel zu Beginn seiner Amtszeit bisweilen eher wie ein Vorsitzender von Dahrendorfs Gnaden.

Würde Politik in Deutschland so funktionieren, wie es in den Redaktionsstuben gelegentlich gefordert, über die Fernsehbilder transportiert und an den Stammtischen geglaubt wird, könnte ein Bundeskanzler also mit weitreichenden Weisungsrechten aus eigener Machtvollkommenheit nach Belieben gestalten, sofern er nur eine Vorstellung von Weg, Richtung und Zielen besäße, dann hätten Dahrendorfs intellektuelle Fähigkeiten und analytische Qualitäten ihn seinem unbescheidenen Ziel womöglich nähergebracht. Dann wäre er, einmal im Amt, wahrscheinlich sogar ein guter Bundeskanzler geworden.

Doch weil Politik genau so eben nicht funktioniert, kollidierten Dahrendorfs Eigenschaften mit den alltagspolitischen Erfordernissen. Dahrendorfs Ungeduld ließ sich nicht mit der Dauer korporatistischer Entscheidungsfindungen, sein Öffentlichkeitsdrang sich nicht mit dem Verschwiegenheitsgebot politischer Verhandlungen vereinbaren. Der egozentrische Individualismus des Professors ignorierte die Bedeutung von Hausmächten und Netzwerken, seine kühle intellektuelle Brillanz das Empathiegebot der Politik.

Wo biografische Kontinuität gefragt war, verkörperte Dahrendorf die Mobilität des Weltmannes; statt basisnah und bodenständig zeigte er sich elitär, seiner exzeptionellen Qualitäten stets bewusst; und wider das politische Erfordernis von Geschlossenheit und Disziplin preschte er wiederholt mit unabgesprochenen, öffentlich stets breit rezitierten Soloeinlagen vor.

Beinahe tragikomisch mutet vor diesem Hintergrund an, dass das Schicksal Dahrendorf ausgerechnet zunächst als Parlamentarischen Staatssekretär in das Auswärtige Amt und später als Kommissar nach Brüssel verschlug. Denn stärker als in jedem anderen Ministerium wurden und werden von den Außenministerialen die Tugenden Diskretion, Disziplin und vor allem - wie der langjährige Amtschef Genscher zu sagen pflegte - "Dienen" gefordert. Und die europäische Politik war früher nicht anders als heute geprägt durch routinierte Bürokraten, ihre Arbeitsabläufe charakterisierten verwaltungstechnische Details.

Eine Öffentlichkeit, ein Publikum, an das sich Dahrendorf hätte wenden können, das sich mobilisieren und als Verbündeter für Reformvorstöße gewinnen ließ, gab es in Brüssel dagegen nicht. Mit anderen Worten: Wie in einem Brennglas bündelte sich im Außenministerium und am Hof der Europäischen Kommission die Inkompatibilität von Dahrendorfs Eigenschaften und den Alltagserfordernissen der Politik.

Letztlich scheiterte Dahrendorf in der Politik gerade aufgrund seiner außerordentlichen Talente und herausragenden Begabungen. Dahrendorf besaß Starqualitäten, doch in der Politik setzte sich seit der Gründung der Bundesrepublik noch stets die Mitte durch. Die CDU bestimmte in den ersten Nachkriegsjahrzehnten das bundespolitische Geschehen, eben weil sie als Repräsentantin der wertkonservativen, ruhebedürftigen Mitte galt und den Sozialdemokraten lange der Hautgout anhaftete, systemverändernde Radikale zu sein. Und auch heute ist jedem politisch halbwegs Kundigen klar, dass Wahlen von derjenigen Partei gewonnen werden, die bei den Mittelschichten am besten abschneidet, weshalb CDU/CSU und SPD immer wieder mit großem Aufwand diesen Begriff für sich zu reklamieren versuchen.

Die konsequente Orientierung auf Mittepositionen ist freilich nicht unproblematisch, sie trägt zur Konturenschwäche und Profillosigkeit der Parteien bei. Im Wettkampf um die gleichen Wählergruppen einer diffusen Mitte verloren die großen Volksparteien viel von ihrer Kontrastschärfe und die Wähler zunehmend den Glauben daran, dass sie mit ihrer Stimme bei Wahlen Einfluss nehmen könnten. Der Mittefetisch der deutschen Politik trägt insofern eine Mitschuld am schlechten Ruf von Parteien und Politikern sowie der gegenwärtigen Vertrauenskrise der Politik.

Doch basiert andererseits in komplexen Verhandlungsdemokratien das Funktionieren des politischen Betriebes auf der Fähigkeit zu Moderation, Kompromiss, Interessenabgleich, kurz: der Verständigung auf eine Position der Mitte. Wie auch dieselbe Mitte in den vergangenen 60 Jahren die Stabilität der bundesdeutschen Gesellschaft verbürgte, indem sie Kontinuität selbst im Falle von Regierungswechseln garantierte. Eine Kontinuität und Berechenbarkeit, die dem hochbegabten Springinsfeld Dahrendorf wesensfremd gewesen wäre.

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