Polizistin Bölükgiray Die Mädchen und die Kommissarin

In einer traditionellen türkischen Familie groß geworden, kämpft Kommissarin Dilek Bölükgiray heute im Berliner Problembezirk Wedding gegen Gewalt. Ihre Beobachtung: Oft sind Frauen die Opfer, und häufig suchen sie die Schuld bei sich.


Berlin - Sie setzt die grüne Mütze mit dem Polizeistern auf, strafft die Schultern, klopft an die Tür des Klassenzimmers. Sie ist müde heute, konnte nicht schlafen, jetzt liegen vier Stunden mit den Schülern vor ihr. "Die Arbeit mit den Kindern ist sehr wichtig, mal sehen, wie es heute wird", sagt die Kommissarin.

Es ist früher Vormittag an einer Weddinger Schule für sprachbehinderte Kinder, Dilek Bölükgiray, Präventionsbeauftrage beim Abschnitt 36 der Berliner Polizei, ist in Sachen Anti-Gewalttraining unterwegs. "Guten Morgen", sagt die 32-Jährige. Ein blondes Mädchen springt auf: "Hast du auch schon einmal jemanden abgeschossen?" - "Zum Glück nicht, das wäre mein Alptraum", antwortet Bölükgiray.

Anti-Gewalttraining, das bedeutet in einer Grundschulklasse vor allem Rollenspiele - und am Wichtigsten: Zuhören. Über Themen wie Ehrenmorde redet die Polizistin eher mit den Älteren aus der Oberschule. Aber auch bei den Kleinen kann es brisant werden. Eine Schülerin berichtet, sie beobachte, dass die Nachbarn ihre Kinder schlagen. Ein libanesisches Mädchen sagt, ihre Eltern werden wohl in den nächsten Jahren einen Mann für sie aussuchen. Das Mädchen ist zwölf Jahre alt.

"Berührungsängste fallen weg"

"Du lebst in Deutschland, nicht im Libanon. Du hast hier das Recht, dir selbst einen Mann zu suchen. Du musst nicht den heiraten, den deine Eltern dir aussuchen" - Bölükgiray spricht freundlich, eindringlich auf das Mädchen ein. "Aber meine Eltern sagen, dass wir bald in den Libanon zurückgehen", sagt die Schülerin. "Das sagen sie immer", entgegnet Bölükgiray. Und dann passiere es doch nicht.

"Den Mädchen ihre Rechte klarzumachen, das ist ganz selbstverständlich und das Wichtigste überhaupt." Viele denken, für sie gelte arabisches Recht auch in Deutschland.

Seit einem Jahr kämpft Dilek Bölükgiray als Präventionsbeamtin mit zwei Kollegen im Berliner Problembezirk Wedding gegen Gewalt. Sie klärt Mädchen über ihre Rechte und Pflichten auf. Sie spricht auf Vorträgen über Gewalt in der Ehe und der Familie auf Türkisch. "Dadurch, dass Dilek selbst türkisch spricht, fallen alle Berührungsängste der türkischen Frauen", sagt ihre Kollegin.

Oft kämen Frauen zu ihr und erzählten von "irgendeiner" Freundin oder Bekannten, die von ihrem Mann geschlagen wird. "Mir ist dann meistens schnell klar, dass es in Wirklichkeit sie selbst sind, die geschlagen werden. Aber sie haben Angst, darüber zu sprechen", erzählt Bölükgiray. Abschnitt 36, in dem die Polizistin arbeitet, hält den traurigen Bezirksrekord bei häuslicher Gewalt.

Bölükgiray weiß aus eigener Erfahrung, dass Opfer von Gewalt oft die Schuld bei sich suchen. Die Kommissarin hat in der Ehe mit ihrem türkischen Ex-Mann selbst massive Gewalt erlebt. Sie hat sich scheiden lassen und "dabei bin ich zum Glück von meiner Familie sehr unterstützt worden", sagt die 32-Jährige. Mit 16 Jahren wurde die Hochzeit mit einem entfernten Verwandten in der Türkei arrangiert. Ihr Mann kam fünf Jahre später nach Deutschland. Bölükgiray hat eine zehnjährige Tochter mit ihm, lebt aber heute mit einem neuen Partner, einem Deutschen, zusammen. Sie sei so naiv gewesen damals bei der Hochzeit, ihre Eltern hätten es ja auch nur gut gemeint. Und sie habe sich nicht gewehrt, "weil ich meiner Familie nicht wehtun wollte". Und, weil sie selbst kaum etwas von der Welt wusste.

Von der Außenwelt ferngehalten

Bölükgiray sitzt in ihrem Büro in der Weddinger Pankstraße beim Frühstück mit ihren Kolleginnen. Ihr Gesicht ist ebenmäßig, die Augen groß und rund, das lange Haar glänzend. An der Wand hängt eine Postkarte mit der Aufschrift "Ehre ist, die Freiheit seiner Schwester zu verteidigen", neben einem Starswars-Episode-II-Plakat.

Nach der Realschule musste sie warten bis sie 18 wurde, denn ihre Eltern waren strikt dagegen, dass sie sich bei der Polizei bewirbt. Als sie volljährig war, bewarb sie sich heimlich und wurde genommen. "Mit Fleiß und Zielstrebigkeit habe ich mich zur Kommissarin hochgearbeitet." Ihre Eltern, die 1969 aus der Türkei nach Berlin kamen, haben sie, ihre erstgeborene Tochter, von der Außenwelt ferngehalten. "Eine Disco habe ich das erste Mal mit 25 Jahren gesehen", sagt Dilek Bölükgiray. Nachmittags musste sie immer zu Hause bleiben, auf Klassenfahrten durfte sie nie mit.

"Durch mich sind meine Eltern aber viel moderner geworden." Es sei ein langer Kampf gewesen. Heute aber, nach Jahren der Überzeugungsarbeit, seien sie stolz auf ihre Tochter, und darauf, dass sie Polizistin geworden ist.



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