Polonium in Norddeutschland Staatsanwaltschaft eröffnet Verfahren gegen Litwinenkos Kontaktmann

Bei den Ermittlungen zum Gifttod des russischen Ex-Agenten Litwinenko hat die Polizei in Hamburg "definitiv" Spuren von hochgiftigem Polonium 210 entdeckt - gleich an mehreren Orten. Die örtliche Staatsanwaltschaft eröffnete ein Verfahren gegen Litwinenkos Kontaktmann Kowtun.


Hamburg/London - Es handele sich bei der in einer Hamburger Wohnung gefundenen radioaktiven Strahlung "definitiv um Spuren des Polonium 210", sagte heute der Einsatzleiter der Sonderkommission, Thomas Menzel, auf einer Pressekonferenz in Hamburg. Seine Beamten hatten das Wohnhaus im Stadtteil Ottensen untersucht, in dem Alexander Litwinenkos Kontaktmann Dmitrij Kowtun sowie dessen Ex-Frau jeweils eine Wohnung haben. Dabei waren in der Wohnung der Ex-Frau Strahlenspuren gefunden worden. In der Nacht zum 1. November hatte Kowtun laut Polizeirecherchen auf einer Couch in der Wohnung übernachtet. Am frühen Morgen flog er dann mit einer Germanwings-Maschine nach London und traf dort Litwinenko. In dem Flugzeug waren bei einer Untersuchung gestern allerdings keine Strahlenspuren festgestellt worden - womöglich weil es zwischenzeitlich gründlich gereinigt worden war.

In Norddeutschland wurde jedoch noch an weiteren Stellen radioaktive Strahlung gefunden: in einem Auto, das Kowtun benutzt hatte, sowie auf seiner Ausländerakte, die er am 30. Oktober bei einem Besuch der Hamburger Ausländerbehörde in der Hand gehabt hatte. Auch auf dem Anwesen der ehemaligen Schwiegermutter Kowtuns in Haselau in Schleswig-Holstein stießen die Ermittler auf radioaktive Spuren. "Man kann davon ausgehen, dass es sich auch dort um Polonium handelt", sagte Soko-Chef Menzel.

Litwinenko war vermutlich am 1. November mit Polonium 210 vergiftet worden und drei Wochen später in einem Londoner Krankenhaus gestorben.

Der Mordfall des russischen Ex-Spions und Regimekritikers hat laut Polizeipräsident Werner Jantosch seinen Ausgang aber "eher nicht" in der Hansestadt genommen. Gleichwohl betrachtet die Staatsanwaltschaft Hamburg Kowtun als möglichen Mittäter und eröffnete ein Ermittlungsverfahren gegen ihn. Wenn sich bestätige, dass Kowtkun "aktiven Umgang" mit Polonium 210 gehabt habe, müsse von einem Straftatbestand in Deutschland ausgegangen werden, sagte Oberstaatsanwalt Martin Köhnke heute in Hamburg. Der Vorwurf laute auf unerlaubten Umgang und Missbrauch von radioaktiven Stoffen. Es bestehe im Augenblick ein hinreichender Anfangverdacht, dass Kowtun das Polonium außerhalb seines Körpers nach Hamburg gebracht habe. Insofern gelte er als Täter.

Keine Gefahr für die Bevölkerung

Die Polizei betonte, dass zu keiner Zeit Gefahr für die Hamburger Bevölkerung bestanden habe. Bei keiner Person, auch nicht Kowtkuns Ex-Frau, seien Polonium-Spuren entdeckt worden. Kowtkun selbst soll inzwischen allerdings an Symptomen der Strahlenkrankheit leiden und in einem Moskauer Krankenhaus liegen. Der Hauptzeuge im Litwinenko-Skandal, der russische Geschäftsmann und ebenfalls Ex-Geheimdienstler Andrej Lugowoj, bezeichnete dagegen den Gesundheitszustand Kowtuns als "zufriedenstellend". In allen drei Londoner Hotels, in denen sich Lugowoj seit Mitte Oktober aufhielt, sind mittlerweile Spuren von Polonium gefunden worden.

Die Mörder Litwinenkos haben sich möglicherweise selbst mit dem radioaktiven Polonium 210 vergiftet. Das berichtete die britische Tageszeitung "The Guardian" unter Berufung auf amerikanische FBI-Ermittler. Die Anwendung des radioaktiven Materials lasse darauf schließen, dass die Attentäter im Umgang mit der Substanz nicht genügend trainiert waren.

Vorwurf an den russischen Geheimdienst

Marina Litwinenko, Witwe des vergifteten russischen Ex-Agenten und Kreml-Kritikers, sagte der "Sunday Times", ihr Mann habe sich "niemals als eine erstrangige Zielscheibe gefühlt". Ihr Mann habe "natürlich Feinde gehabt" - aber keine Feinde, "die ihn auf diese furchtbare Weise umbringen" würden. Er habe sich im britischen Exil "sicher gefühlt".

"Das Leben hier in England hat uns getäuscht", fügte die 44-Jährige hinzu. Als Ex-Agent des russischen Geheimdienstes habe er gewusst, "dass niemand dem FSB entkommt". Zwar könne sie nicht beweisen, dass "diese Leute" für seinen Tod verantwortlich seien. Aber sie sei sich sicher, dass sie ihm "nie vergeben haben", dass er den Geheimdienst öffentlich kritisierte.

Kowtun, der im Jahr 1986 seine Ausbildung an einer Militärakademie abschloss, war nach eigenen Angaben als Soldat in der DDR und der Tschechoslowakei stationiert. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 sei er in Deutschland geblieben, insgesamt habe er zwölf Jahre hier verbracht, sagte er Radio Echo Moskau. Bis vor kurzem sei er mit einer Deutschen verheiratet gewesen, er genieße in Deutschland ein Aufenthaltsrecht. Der Schwerpunkt seiner beruflichen Tätigkeit liege aber inzwischen in Russland: Er berate westliche Unternehmen, die dort Fuß fassen wollten.

Bei zwei Londoner Polizisten wurde unterdessen eine Belastung mit Polonium 210 nachgewiesen. Insgesamt 26 Polizisten seien untersucht worden, bei zweien sei eine Belastung festgestellt worden, teilte die Polizei mit. Jedoch liege sie unterhalb der Grenzwerte. Den beiden Polizisten gehe es gut.

har/AFP/dpa/Reuters/AP/ddp

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