Polonium-Mordfall Verdächtigter Kowtun ist sich keiner Schuld bewusst

Ist Dimitri Kowtun Täter oder Opfer? Der Russe soll das radioaktive Polonium-210, mit dem der Ex-Spion Alexander Litwinenko ermordet wurde, nach London gebracht haben. Kowtun selbst wurde auch vergiftet. Nun spricht er über den Fall - wenn auch nicht mit den Hamburger Ermittlern.


Hamburg - "Ich bin mir keiner Schuld bewusst. Das Ganze ist ein einziger Albtraum", sagte der Russe Dimitri Kowtun dem "Hamburger Abendblatt" in einem Exklusivinterview. In Hamburg wird gegen ihn wegen des Verdachts des unerlaubten Umgangs mit radioaktiven Stoffen und Vorbereitung eines Strahlenverbrechens ermittelt. Scotland Yard will ihn im Zusammenhang mit dem Tod des Ex-Spions und Kreml-Kritikers Alexander Litwinenko, der Ende letzten Jahres mit radioaktivem Polonium-210 vergiftet worden war, verhören. Kowtuns "beste Freunde und geliebtesten Menschen" hätten durch die Polizei und medizinische Untersuchungen "so viele Probleme bekommen". Und er selbst hatte Angst vor dem Polonium-Tod.

In Mordfall verwickelter Dimitri Kowtun: "Ich bin mir keiner Schuld bewusst. Das Ganze ist ein einziger Albtraum."
AP

In Mordfall verwickelter Dimitri Kowtun: "Ich bin mir keiner Schuld bewusst. Das Ganze ist ein einziger Albtraum."

Immerhin: In Russland, wo sich Kowtun zurzeit aufhält, würden keine Vorwürfe gegen ihn erhoben. "Da gelte ich als Opfer. Und in England als Zeuge", sagte der Russe.

Er würde sich auch immer noch von den Hamburger Ermittlern befragen lassen: "Ich habe meinen Pass bei mir und könnte jederzeit losfliegen", so Kowtun. Dabei hält er an seiner Forderung fest: Er will freies Geleit; er will nicht in Deutschland festgehalten oder gar nach England ausgeliefert werden. Die Staatsanwaltschaft habe die Zusicherung aber abgelehnt, so Kowtun in dem Interview. Sein Anwalt, Wolfgang Vehlow, habe noch keine Akteneinsicht.

Nie beim Geheimdienst: Kowtun räumt mit Gerüchten auf

Viele Vermutungen wurden bisher als Tatsachen hingestellt, Gerüchte machten die Runde - in dem Interview mit dem "Hamburger Abendblatt" räumt Kowtun damit auf. Er sei "niemals" beim Geheimdienst gewesen, sagte er. Bisher wurde Kowtun auch als Ex-Spion bezeichnet.

Außerdem sei er - entgegen vieler Gerüchte - freiwillig in einem Moskauer Krankenhaus gewesen und dort nicht festgehalten worden. Ende November habe er sich plötzlich erschöpft und müde gefühlt, berichtete er. Zunächst habe er an eine Erkältung gedacht, an eine Poloniumvergiftung hingegen erst, als in den Medien über die Erkrankung Litwinenkos berichtet wurde. Kowtun war ein Kontaktmann des Ermordeten.

Die beiden hätten sich am 1. November gemeinsam mit Kowtuns Geschäftspartner Andrej Logowoj, der in England als Schlüsselfigur im dem Mordfall gilt, in der Hotelbar des Londoner Millennium Hotels getroffen und Tee getrunken, hieß es bislang. Übereinstimmenden britischen Zeitungsberichten zufolge hatten die Ermittler sogar die Teekanne ausgemacht, in der sich das radioaktive Polonium-210 befunden haben soll. An der sichergestellten Kanne sei eine sehr hohe Strahlung gemessen worden, hieß es damals.

Nun sagt Kowtun: "Dieses Treffen in London war gar nicht geplant." Er und Logowoj hätten den Tag mit ihren englischen Partnern verbracht und Litwinenko habe sie mit Anrufen "terrorisiert", weil er sie unbedingt sehen wollte. Der Ex-Spion soll dann "nur kurz ins Hotel" gekommen sein. "Er war sehr nervös - ich dachte, er sei betrunken", so Kowtun. Man habe sich für den nächsten Tag verabredet, aber Litwinenko habe abgesagt, weil er sich nicht wohl gefühlt habe. Am 23. November starb Litwinenko in einem Londoner Krankenhaus an den Folgen seiner Vergiftung. Am Sterbebett bezichtigte der 43-Jährige den russischen Präsidenten Wladimir Putin, seine Vergiftung mit Polonium-210 angeordnet zu haben, was der Kreml abstritt.

Erstes Treffen schon Mitte Oktober

Wann also ist der Geschäftsmann Kowtun mit dem radioaktiven Polonium in Kontakt gekommen? "Das muss schon am 16. Oktober gewesen sein, als ich Litwinenko in London getroffen habe", so Kowtun. Man habe sich die Hände geschüttelt, Papiere überreicht, gemeinsam gegessen und auch am nächsten Tag viel Zeit miteinander verbracht. Er habe damals mit einer "seriösen englischen Firma" zusammengearbeitet, die sich auf dem russischen Markt etablieren wollte, berichtet Kowtun. "Litwinenko kannte meinen Geschäftspartner, Andrej Lugowoj, und wollte als Vermittler auftreten."

Bislang hieß es, Kowtun sei Ende Oktober von Moskau über Hamburg nach London gereist und habe das radioaktive Polonium-210 mitgeschleppt - wie die Poloniumspur zeigen sollte, die der Russe hinter sich hergezogen hat: In dem Wagen, mit dem er vom Flughafen Fuhlsbüttel abgeholt wurde, befand sich ebenso Polonium wie in der Wohnung seiner Exfrau Marina W. im Hamburger Ortsteil Ottensen und im Haus seiner Ex-Schwiegermutter in Schleswig-Holstein, weswegen der Mordfall auch als " Polonium-Krimi von Hamburg" bezeichnet wurde.

Derweil lag Kowtun wochenlang in einem Moskauer Krankenhaus. "Es war eine schwarze Zeit, aber ich glaube an Gott - das hat mir geholfen", so Kowtun jetzt im "Abendblatt". Am 28. Dezember sei er entlassen worden. "Jetzt bin ich wieder voll in Ordnung."

fba



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