Neue Studie So anfällig sind die Deutschen für Populisten

Droht in Deutschland ein Aufstieg der großen Vereinfacher? Laut einer Studie teilen fast 30 Prozent der Wahlberechtigten populistische Einstellungen. "Feinde der Demokratie" seien sie deshalb aber noch nicht.
AfD-Anhänger in Berlin (Archivbild von November 2015)

AfD-Anhänger in Berlin (Archivbild von November 2015)

Foto: Hannibal Hanschke/ REUTERS

Die Zahl erscheint auf den ersten Blick erschreckend hoch: 29,2 Prozent der Wahlberechtigten in Deutschland sind einer Studie zufolge populistisch eingestellt. Sie wenden sich gegen politische Eliten und pluralistische Werte und gehen von einem einheitlichen Volkswillen aus.

Und doch sehen die Autoren der Studie "Die Stunde der Populisten?" in dem Wert keinen Anlass zu besonderer Besorgnis. Sie verweisen darauf, dass diese Wähler eher moderate und keine radikalen Ansichten vertreten würden. Von einem Populismus, wie er in den USA zur Wahl von Donald Trump führte, sei Deutschland vor der Bundestagswahl "meilenweit entfernt", sagt Robert Vehrkamp von der Bertelsmann-Stiftung.

Mit seinen Kollegen hat der Wahlforscher in drei repräsentativen Erhebungen jeweils mehr als 1600 Wahlberechtigte befragt. Als populistisch eingestellt gelten demnach Personen, die sich vollständig zu anti-pluralistischen, Anti-Establishment und Pro-Volkssouveränität-Aussagen bekennen.

Eine These aus dem Fragebogen der Forscher lautete zum Beispiel: "Die Parteien wollen nur die Stimmen der Wähler, ihre Ansichten interessieren sie nicht." In einer weiteren hieß es: "Die Bürger in Deutschland sind sich im Prinzip einig darüber, was politisch passieren muss." Wer allen acht Aussagen des Fragebogens zustimmte, gilt für die Forscher als populistisch eingestellt.

Warum aber geben sie Entwarnung, wenn sie fast ein Drittel der Wahlberechtigen für Populisten halten? Für Vehrkamp pflegen die Betroffenen eine moderate Form des Populismus: Sie seien "enttäuschte Demokraten, aber keine Feinde der Demokratie".

Dies zeige sich etwa daran, dass auch 85 Prozent der populistisch eingestellten Wähler die Demokratie als politisches System unterstützen. 69 Prozent von ihnen befürworten auch die Mitgliedschaft in der EU.

Ein spektakulärer Wahlerfolg einer populistischen Partei wie in anderen Ländern sei in der Bundesrepublik nicht zu erwarten. So würde eine Partei mit einer Forderung wie zum Beispiel nach einer "Entmachtung der Eliten" Wähler eher abschrecken, meinen die Autoren. Mit systembejahenden und proeuropäischen Positionen könnte sie hingegen punkten.

Das gilt laut den Forschern in abgeschwächter Form sogar für die AfD - mit Ausnahme der Flüchtlingspolitik. Bei diesem Thema habe die Partei mit populistischen Positionen Erfolg, ihre Wählerschaft sei eindeutig rechtspopulistisch. In diesem Spektrum erziele die AfD mit rund 60 Prozent die höchsten Zustimmungswerte.

Als Gegenpol führt Vehrkamp die Union auf. CDU und CSU hätten die meisten Wähler, die explizit nicht-populistisch eingestellt seien. Das überrascht. Immerhin setzt die CSU im Wahlkampf durchaus offensiv auf populistische Aussagen - wie etwa die Forderung nach einer Obergrenze für Flüchtlinge, die Angela Merkels CDU ablehnt.

Vehrkamp beharrt jedoch darauf, dass Unionswähler sich mit flüchtlingsfeindlichen Positionen nicht ködern ließen. So gebe es bei allen Parteien außer der AfD für den Kurs einer moderaten und kontrollierten Einwanderung die meiste Zustimmung.

Von einer Zuspitzung der Flüchtlingskrise im Wahlkampf würde daher nur die AfD profitieren, sagt Vehrkamp. Für alle anderen Parteien sei es erfolgsversprechender, sich von den Rechtspopulisten abzugrenzen.

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