Porträt Jürgen Chrobog - der Mann für schwere Fälle

Sprecher des Auswärtigen Amtes, Botschafter in Washington, Staatssekretär: Jürgen Chrobog hat in den vergangenen Jahrzehnten eine beeindruckende Karriere im diplomatischen Dienst gemacht. Er galt bis zu seiner Pensionierung als Problemlöser.


Berlin - Sechs Monate lang verhandelte Jürgen Chrobog vor zweieinhalb Jahren um 14 verschleppte Sahara-Touristen. Seine beharrlichen Bemühungen führten schließlich zur Freilassung der Geiseln, darunter neun Deutsche. Ein diplomatisches Glanzstück, das Chrobog einhelliges Lob einbrachte. Nun wurde er selbst Entführungsopfer. Im Jemen wurde der 65 Jahre alte Ex-Staatssekretär des Auswärtigen Amtes zusammen mit seiner Frau Magda, einer Tochter des ägyptischen Schriftstellers Youssef Gohar, und ihren drei Söhnen verschleppt.

Uneitel, stets diskret und immer sehr genau - ein Diplomat vom Scheitel bis zur Sohle - so ist Chrobog bekannt. In seiner langen Laufbahn im diplomatischen Dienst hat er sich mit seiner zurückhaltenden und geduldigen Art, hinter der sich ein entschlossener Verhandlungsstil verbirgt, einen Namen gemacht. Chrobog gehört nicht zu jener Art von Diplomaten, die in Fernsehinterviews ihre Ansichten herausposaunen. Er galt als Mann des AA für stille Missionen und schwere Fälle.

Nach den Terroranschlägen vom 11. September reiste er beispielsweise nach Pakistan, um sich von dort aus für die Befreiung der Shelter-now-Entwicklungshelfer aus der Haft in den Taliban-Gefängnissen in Afghanistan einzusetzen. Er führte auch in Rom Gespräche mit dem afghanischen Exil-König Sahir Schah über Afghanistan nach dem Sturz der Taliban.

Der am 28. Februar 1940 in Berlin geborene Chrobog begann seine Diplomaten-Karriere im Jahr 1972. Die deutsche Uno-Vertretung in New York, die EU in Brüssel und Singapur gehörten unter anderem zu seinen Auslandsstationen. In Bonner Regierungszeiten war der Jurist, der zunächst als Rechtsanwalt gearbeitet hatte, von 1984 bis 1991 Leiter der Presseabteilung und Sprecher des Auswärtigen Amts. Als Politischer Direktor war er einer der engsten Berater von Außenminister Hans-Dietrich Genscher und dessen Nachfolger Klaus Kinkel (beide FDP).

1995 wurde Chrobog Botschafter in Washington. In die USA eilte ihm der Ruf eines zähen Unterhändlers voraus. Sein Verhältnis zu den Vereinigten Staaten war stets ein gespaltenes, und im kleinen Kreis sparte er nicht mit Kritik. Die von ihm diagnostizierten kulturellen Unterschiede zwischen Europa und Amerika wurden in seiner Arbeit allzu oft deutlich - etwa bei seinem vergeblichen Kampf um die Begnadigung der deutschstämmigen Todeskandidaten Karl und Walter LaGrand oder bei den Auseinandersetzungen um den Umgang mit der in den USA als Kirche anerkannten, in Deutschland aber als Sekte kritisierten Scientology-Organisation.

Sechs Jahre agierte der schmale Mann mit den grauen Haaren auf dem wohl wichtigsten deutschen Botschafterposten. Am Ende dieser Zeit ein unschöner Tiefpunkt für Chrobog: die Protokollaffäre. Im Mai 2001 gelangte seine schriftliche Zusammenfassung eines Kanzlerbesuchs an die Öffentlichkeit. Chrobog hatte als Botschafter das erste Gespräch zwischen Gerhard Schröder und US-Präsident George W. Bush protokolliert und dabei Kanzlerberater Michael Steiner mit spektakulären Äußerungen zu Libyens Staatschef Muammar al-Gaddafi zitiert. Dieser habe die Beteiligung seines Landes an Terrorakten zugegeben. Chrobog kam erst aus den Negativschlagzeilen, als klar wurde, dass die Panne offensichtlichem Misstrauen zwischen Kanzleramt und Auswärtigen Amt geschuldet war. Ende Juni 2001 wurde er in Washington abgelöst.

Er wechselte als Staatssekretär unter Außenminister Joschka Fischer (Grüne) nach Berlin zurück. Zuletzt tauchte der Name des Spitzendiplomaten vor allem im Zusammenhang mit dem Visa-Untersuchungsausschuss in der Öffentlichkeit auf. Als Staatssekretär war Chrobog im Auswärtigen Amt unter anderem für Visapolitik zuständig; im Oktober 2004 erging der sogenannte Chrobog-Erlass mit verschärften Visa-Bestimmungen an die deutschen Botschaften. Der Bundestags-Untersuchungsausschuss sollte klären, ob durch die Visa-Erteilungspraxis in bestimmten Botschaften gegen geltendes Recht verstoßen und der Kriminalität in Deutschland Vorschub geleistete wurde.

Nach seiner Pensionierung übernahm Chrobog im Juli 2005 den Vorstandsvorsitz der BMW-Stiftung Herbert Quandt.



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