Porträt Schröders Bauernfänger Karl-Heinz Funke

Schröder opferte seinen obersten Bauern: Mit Karl-Heinz Funke (SPD) verliert der Kanzler einen alten Weggefährten, der schon länger amtsmüde war und sich nun wieder seiner Lieblingsaufgabe widmet - als privater Landwirt.


Ruhesitz: Karl-Heinz Funke kann sich wieder seinem Bauernhof widmen
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Ruhesitz: Karl-Heinz Funke kann sich wieder seinem Bauernhof widmen

Mehr als andere Kabinettsmitglieder verkörperte Landwirtschaftsminister Karl-Heinz Funke sein Ressort durch Auftreten und Sprache: Der Landwirt Funke repräsentierte seinen Berufsstand auch im Amt im Bewusstsein der Bevölkerung so stark, dass ihm die Vertrauenskrise wegen der Rinderseuche BSE nun zum politischen Verhängnis wurde. Am Tage seiner Demission fehlten dem wortgewandten Friesen jedoch offenbar die entscheidenden Worte: Seinen Rücktritt gab Bundeskanzler Gerhard Schröders (SPD) Regierungssprecher Bela Anda bekannt.

Mit dem 54 Jahre alten "Kalle" Funke verliert der Bundeskanzler nicht nur einen Kollegen aus niedersächsischen Zeiten, sondern auch einen wichtigen Minister, der ihm die mächtige Bauernlobby im Zaum hielt. Als amtsmüde galt der Ostfriese Funke nicht erst seit der BSE-Krise. Doch seit Ende November schien man ihm anzusehen, dass ihm seine Arbeit keinen Spaß mehr machte. Wenige Stunden vor der Bekanntgabe seines Rücktritts am Dienstag sagte auf entsprechende Fragen: "Das Leben besteht immer aus Last und Lust."

Alte Weggefährten aus Niedersachsen: Der Kanzler und sein Bauernfänger
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Alte Weggefährten aus Niedersachsen: Der Kanzler und sein Bauernfänger

Zu laut waren dem Minister wohl die kritischen Fragen geworden, warum er noch kurz vor Bekanntwerden der ersten BSE-Infektion eines deutschen Rindes die Bundesrepublik als "BSE-frei" erklärt hatte, und ob er nicht den Verbraucherschutz zu Gunsten der Interessen seiner Bauern vernachlässigt habe. Dass diese Vorwürfe nicht nur von der Opposition, sondern auch aus den eigenen Reihen kamen, machte Funke zu schaffen. Als er Anfang Dezember eine Abteilung Verbraucherschutz in seinem Ministerium ankündigte, wies ihn die grüne Kabinettskollegin Andrea Fischer spitz darauf hin, dieser Bereich sei in ihrem Gesundheitsministerium bisher gut aufgehoben gewesen. Am selben Wochenende musste Funkes Ressort das in Rekordzeit gebilligte Gesetz zum Tiermehlverbot gleich per Eilverordnung nachbessern, weil Tierschutzanforderungen nicht erfüllt waren. Kurz vor Weihnachten gab das Ministerium zu, aus Warnungen von Experten vor Risikofleisch tagelang keine Konsequenzen gezogen zu haben.

Zu diesem Zeitpunkt verlor Funke körperlich und politisch seine Stimme und tauchte krank in seinem ostfriesischen Heimatort Varel ab. Kanzler Schröder musste Gerüchten über Funkes bevorstehenden Rücktritt oder über seine Entlassung widersprechen. Zuletzt hatte Funkes Ministerium mit verschiedenen Konzepten zur BSE-Krise für Verwirrung gesorgt. Nachdem am vergangenen Donnerstag ein Strategiepapier der Staatssekretäre von Agrar- und Umweltministerium zum Umbau der Landwirtschaft bekannt wurde, legte der Minister eilig einen eigenen Acht-Punkte-Plan vor. Statt aber Subventionen für Bauern künftig an Umweltauflagen zu binden - wie von den Staatssekretären vorgeschlagen - wollte Funke den Ökolandbau lediglich stärker fördern und Kontrollen verstärken.

Auch bei den Bauern verschlechterte sich Funkes Stand zusehends. Als Funke am noch Dienstagnachmittag im Kursaal des niedersächsischen Elbe-Städtchens Hitzacker eintraf, rührte sich bei den 400 Landwirten des Kreislandvolkverbandes Lüchow-Dannenberg keine Hand.

Mit Funke verliert Schröder den siebten Minister in zwei Jahren und einen langjährigen politischen Weggefährten. Für ihn war Funke schon im Agrarland Niedersachsen der Mann, der die Bauernlobby still hielt. Schließlich kam Funke selbst von der heimischen Scholle. Er war nach dem Germanistik- und Geschichtsstudium auch während seiner Tätigkeit an einer Berufsbildenden Schule dem elterlichen Bauernhof in Varel treu geblieben. So gewann er nach dem Start der ersten rot-grünen Koalition in Hannover 1990 schnell die Sympathien der überwiegend konservativen Bauernschaft. Funke weiß, wie man sein Publikum in Plattdeutsch in Stimmung bringt.

Politisch versuchte Funke schon in Niedersachsen, es mehr oder weniger allen Interessengruppen recht zu machen. Er bekannte sich zur bäuerlichen Landwirtschaft, fand lobende Worte für den Ökolandbau, vermied aber gleichzeitig allzu scharfe Kritik gegenüber der gerade im nordwestlichen Niedersachsen weit verbreiteten Agrarindustrie mit Massentierhaltung und Monokulturen.

So überstand Funke auch einige kleinere Affären, die die CDU-Opposition gern genutzt hätte, um Schröders "Bauernfänger" zu stürzen. Mal pöbelte der Minister nach einer feuchtfröhlichen Bootspartie einen Polizisten an und urinierte zudem in der Öffentlichkeit. Mal nahm es sein Ministerbüro mit den Spesenabrechnungen nicht so genau. Schröder stützte Funke, der sich umgekehrt stets als absolut loyal erwies. Für Schröder war schon vor dem Wahlsieg 1998 klar, dass er Funke in die Bundesregierung berufen würde. Als dieser dann zunächst nicht wollte, sagte Schröder am Ende nur noch: "Du musst." Gut zwei Jahre später "musste" diesmal Schröder, nämlich seinen obersten Bauern opfern.



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