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Joachim Gauck: Bürgerrechtler für Bellevue

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Präsidentendebatte Schwarz-gelbe Spitzenpolitiker bremsen Gauck-Sympathisanten aus

Das Duell um Schloss Bellevue bringt Schwarz-Gelb in Bedrängnis. Viele Vertreter der Union und FDP sympathisieren offen mit Joachim Gauck, den die Opposition vorgeschlagen hat. Spitzenpolitiker der Koalition bemühen sich nun, die Debatte einzufangen.

Christian Wulff

Berlin - Trotz der Kritik in den eigenen Reihen sehen führende FDP-Politiker die Wahl von Niedersachsens Ministerpräsidenten (CDU) zum Bundespräsidenten nicht gefährdet. "Ich bin sicher, die FDP wird eine einheitliche Linie für Christian Wulff vertreten", sagte FDP-Generalsekretär Christian Lindner am Sonntag in der ZDF-Sendung "Berlin Direkt".

Joachim Gauck

Mehrere Politiker aus dem Lager von Union und FDP hatten am Wochenende die Kandidatenkür der Koalition kritisiert und Sympathie für den von SPD und Grünen vorgeschlagenen früheren Chef der Stasi- Unterlagenbehörde (parteilos) für das Bundespräsidentenamt geäußert.

Die ehemalige FDP-Präsidentschaftskandidatin Hildegard Hamm-Brücher sagte dem SPIEGEL: "Ich bin sehr enttäuscht, dass man nicht versucht hat, in dieser schwierigen innenpolitischen Situation einen gemeinsamen Kandidaten aller Parteien zu finden. Herr Gauck ist eine hervorragende Idee. Er ist politisch im Pulverdampf erprobt, kommt aber nicht aus der Parteikiste."

Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler sagte nun der "Neuen Osnabrücker Zeitung", auf die Frage, ob Wulff an mangelnder Unterstützung der Liberalen scheitern könnte: "Da muss sich keiner Sorgen machen." Rösler, der auch niedersächsischer FDP-Vorsitzender ist, sicherte geschlossene Unterstützung der Wahlfrauen und Wahlmänner aus Niedersachsen zu.

Die stellvertretende FDP-Vorsitzende Cornelia Pieper sagte der "Mitteldeutschen Zeitung": "Joachim Gauck ist ein sehr ehrenwerter Kandidat." Doch die FDP habe sich auf den schwarz-gelben Kandidaten Wulff festgelegt. Sie gehe davon aus, dass er die Mehrheit in der Bundesversammlung bekommen werde. Union und FDP werden in der Bundesversammlung mindestens 21 Stimmen mehr haben, als für die Wahl des Staatsoberhaupts notwendig sind.

Gauck schließt dennoch nicht aus, dass er auch so genügend Stimmen bekommt. Er sagte am Sonntag im ZDF-"heute-journal": "Was das Unions- und das FDP-Lager betrifft, so habe ich gute Freunde in diesen Lagern - und Menschen, die mich sehr gut verstehen."

Die nordrhein-westfälische FDP stellte sich hinter die Nominierung von Wulff. Diesen zeichneten "langjährige Erfahrung, ein ausgleichender Auftritt und wirtschaftliche Kompetenz aus", sagte der nordrhein-westfälische FDP-Vorsitzende Andreas Pinkwart am Sonntagabend nach einer Sitzung des Landesvorstands.

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Christian Wulff: Der sanfte Strippenzieher

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Die Bremer FDP-Spitze warf der Bundespartei hingegen vor, voreilig gehandelt zu haben. "Es war von der Bundes-FDP nicht klug, auf einen eigenen Vorschlag zu verzichten", sagte der Bremer FDP-Landesvorsitzende Oliver Möllenstädt dem "Weser-Kurier". Ein eigener Kandidat hätte der Partei Profil gegeben.

Der stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Michael Kretschmer, äußerte sich erstaunt über die Diskussionen in der FDP. "Dass einzelne Landesverbände der Partei jetzt ihr Mütchen kühlen, weil sie eine Rechnung mit ihrem Vorsitzenden offen haben, ist nicht in Ordnung", sagte er dem "Kölner Stadt-Anzeiger".

Auch der langjährige brandenburgische CDU-Vorsitzende Jörg Schönbohm äußerte im SPIEGEL seine Sympathie für Gauck. "Ich frage mich, warum es nicht möglich war, sich im bürgerlichen Lager mit der SPD auf Gauck zu einigen", sagte Schönbohm, der als Mitglied der Bundesversammlung an der Wahl des Präsidenten am 30. Juni teilnimmt.

Der sächsische Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) spricht sich für Wulff aus, lobt aber die Kandidatur Gaucks dennoch. "Auch die Opposition hat eine markante Persönlichkeit für die Bundespräsidentenwahl gefunden. Das Lebenswerk von Joachim Gauck ist beeindruckend", sagte Tillich dem "Hamburger Abendblatt". Doch zweifele er nicht daran, dass Wulff die Wahl gewinnen werde. "Christian Wulff ist der bessere Kandidat. Ich bin überzeugt, dass er von der Bundesversammlung gewählt wird", sagte Tillich. An Wulff schätze er "seine Persönlichkeit, seine Geradlinigkeit, Standfestigkeit und Ausstrahlungskraft".

Der baden-württembergische FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke zweifelt allerdings an der Unterstützung für Wulff. "Es könnte bei der Wahl schon eng werden. Wenn man die Kritik aus den verschiedenen FDP-Landesverbänden hört, dann sieht es so aus, als ob nicht alle für Wulff stimmen werden", sagte Rülke dem Blatt. "Wulffs Wahl ist noch nicht durch." Er könne sich Gauck "zumindest theoretisch als einen Kandidaten fürs bürgerliche Lager vorstellen", fügte er hinzu. Dennoch machte Rülke deutlich, dass er persönlich Wulff favorisiere.

Zudem sympathisieren besonders die Liberalen in Ostdeutschland mit dem ehemaligen Beauftragten für Stasi-Unterlagen. "Joachim Gauck ist ein Vertreter der ostdeutschen Seele. Darüber muss man schon nachdenken", sagte der Chef der FDP in Sachsen, Holger Zastrow, dem SPIEGEL. Es gebe "keinen Blankoscheck" für Wulff. Die FDP in Sachsen wird in der kommenden Woche entscheiden, wie sie am 30. Juni in der Bundesversammlung abstimmt.

ffr/dpa/ddp/AFP
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