Präsidentenwahl-Gucken in Greifswald Public Gähning

Politik statt Fußball: In Greifswald sollte eine Live-Übertragung der Präsidentenwahl aus Berlin die Massen anlocken. Das etwas andere Public-Viewing bot überraschende Einblicke in den Demokratie-Alltag - ein Ortstermin im Nordosten Deutschlands.

Leere beim Public Viewing in Hamburg: "Ich zieh das durch!"
dpa

Leere beim Public Viewing in Hamburg: "Ich zieh das durch!"

Aus Greifswald berichtet


Der ältere Herr mit dem schwarzen Polohemd und den schneeweißen Haaren macht einfach nicht mit. Statt auf dem Marktplatz sitzt er eine Straße weiter in einem Café, hat die Beine hochgelegt und lässt sich die Sonne ins Gesicht scheinen. "Das alles", brummt er und blinzelt nur kurz unter seiner Sonnenbrille hervor, "das alles, die Politik, sie interessiert mich nicht". Das war's. Mehr sagt er nicht. Während in der Hauptstadt der Kampf um das Amt des Bundespräsidenten tobt und die ganze Republik elektrisiert, hat dieser Mann einfach keine Lust. Die Szene hat Symbolcharakter.

Greifswald in Mecklenburg-Vorpommern ist ein hübsches Städtchen mit viel Tradition und jeder Menge Studenten. Im Stadtparlament stellen CDU und Linke die stärksten Fraktionen und wie vielerorts ist das Zentrum seit Wochen Fußballbühne. Den Marktplatz hat man in eine Public-Viewing-Arena verwandelt, mit Tribüne, Leinwand und Bierständen.

Doch jetzt ist Mittwoch, ein spielfreier Tag. Die Leinwand ist frei und in Berlin wird das deutsche Staatsoberhaupt gewählt. Das passt doch prima, dachten sich die Greifswalder Stadtoberen und riefen kurzerhand zum kollektiven Präsidenten-Gucken auf dem Markplatz auf. Wohl niemand könne sich der Spannung der Wahl entziehen, sagte Organisator Martin Schönemann voller Vorfreude.

Dort, wo normalerweise Tausende Fans Jogis Elf bei ihren WM-Spielen zujubeln, soll nun also die Abstimmung über das neue Staatsoberhaupt beklatscht werden. Sogar kostenlos. Wulff und Gauck statt Schweini und Poldi?

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Der erste Wahlgang hat längst begonnen und noch immer ist der Marktplatz fast leer. Nur etwa 60 einsame Zuschauer sind gekommen um sich die Abstimmung auf der Leinwand anzugucken. Ein paar Biertische hat man aufgestellt, kaum jemand nimmt Platz. Der Getränkeausschank wirkt wie ausgestorben. Eine junge Frau bedient, das heißt, eigentlich lehnt sie die ganze Zeit an einem Tisch und guckt gelangweilt in die Luft. Es gibt nichts zu tun. Fast überdimensional wirkt die Leinwand. 30 Quadratmeter misst sie und ist damit landesweit die größte. Nun hallt das Echo der TV-Moderatoren über den leeren Platz.

Mehr Zuschauer habe man auch nicht erwartet, sagt Organisator Martin Schönemann, ein großer schlanker Mann, dessen Hemd immer korrekt sitzt und der die meiste Zeit mit seinem Handy am Ohr umher läuft. "Wir haben auch nicht viel Druck gemacht bei der Bewerbung der Veranstaltung." Aber immerhin, bei Parteien und Verbänden hat man für die Aktion getrommelt, an der Universität und in Schulen.

Tatsächlich ist nur eine Klasse da. 16 Berufsschüler aus Greifswald sind gekommen, angehende Elektriker. Sie selbst hätten den Ausflug ihrem Lehrer vorgeschlagen, erzählt der 19-jährige Björn. "Man muss ja schließlich auf dem neuesten Stand bleiben. Und mein Favorit ist Gauck." Einer seiner Klassenkameraden ruft: "Jungs, ein kühles Blondes?" Kurze Zeit später steht die erste Runde auf dem Tisch. "Wir bleiben, solange es Bier gibt", sagt Björn, "das ist hier der positive Nebeneffekt." Im Fernsehen streiten sich unterdessen die Journalisten Tissy Bruns und Helmut Markwort über die Gründe für die Kandidatenkür Gaucks. Der erste Wahlgang läuft gerade. Eine halbe Stunde später sind Björn und seine 15 Klassenkameraden verschwunden. Bier ist aber noch da.

"Den Wulff finde ich ein bisschen farblos"

Dass so wenige Leute die Wahl gemeinsam angucken wollen, verstehen Lisa und Mara Zboralski überhaupt nicht. Die beiden 18-jährigen Zwillingsschwestern haben es sich auf den grünen Stühlen der Tribüne am hinteren Ende des Marktplatzes bequem gemacht. "Ich finde es total klasse, dass es die Möglichkeit gibt, das hier öffentlich zu sehen", sagt Lisa. "Im Gegensatz zum Fußball kann ich heute endlich mal was sehen." Doch weil vorne nach wie vor nur Zwischenberichte laufen, bleibt noch etwas Zeit zum Fachsimpeln. "Ich bin für Gauck. Der hat eine spannende Biografie", sagt Lisa und ihre Schwester Mara ergänzt: "Den Wulff finde ich ein bisschen farblos, aber ich denke schon, dass er es schaffen wird."

"Mit Hängen und Würgen"

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Noch immer Warten auf das Ergebnis des Ersten Wahlgangs. Schade, dass niemand twittert, flüstert einer. Hans-Christian Schärf dagegen ist ganz gelassen. Der 51-Jährige sitzt am unter einem Schirm, hat die Ärmel seines Jeanshemds hochgekrempelt. Auch er favorisiert Joachim Gauck. "Die Wahl ist ja sehr brisant. Auch deshalb hätte ich erwartet, dass heute mehr Leute da sind", sagt er. Er selbst will eisern bleiben, auch wenn es noch lange dauern soll. "Ich zieh das durch!"

Dann endlich: Der Gong im Reichstag ertönt, das Echo hallt über den Greifswalder Marktplatz, die Stimmen sind ausgezählt. Einige halten kurz inne. "Jetzt wird's spannend", sagt Schärf, sitzt aber nach wie vor so entspannt da, als könne ihn auch gar keine Nachricht aus Berlin vom Hocker reißen. Bundestagspräsident Norbert Lammert verkündet das Ergebnis. Nur 600 Stimmen für Christian Wulff und 499 für Joachim Gauck, deutlich mehr, als das rot-grüne Lager in die Versammlung schicken durfte. Ein zweiter Wahlgang muss her, für CDU-Mann Wulff heißt es nachsitzen - eine kleine Sensation.

"Ooooh" - ein Mann springt auf. Er trägt ein T-Shirt von den Punkrockern der Toten Hosen. "Bis zum bitteren Ende" steht darauf geschrieben. Der Rest nimmt es gelassen. Fast regungslos. Schärf sitzt immer noch völlig ruhig auf seinem Platz. Nur kurz dreht er sich zur Seite, um zu sagen, dass er das alles geahnt habe. Immerhin sei die Sache jetzt ein bisschen offener. Doch bis zur zweiten Wahlrunde soll es noch eine ganze Weile dauern. Das Fernsehen zeigt erst einmal Kochen. Darauf haben die Greifswalder nun wirklich keine Lust. Die letzten verbliebenen Zuschauer machen sich auf den Weg. Nach wenigen Minuten ist praktisch niemand mehr da. So geht Demokratie im Praxistest.

Ödnis nach dem ersten Wahlgang

Eine Bö fegt über den verwaisten Platz. Ein leerer Becher rollt über die Pflastersteine. Ein paar schwarz-rot-goldene Wimpel wackeln müde im Wind. Plötzlich kommt eine Frau angeradelt, stellt ihr Fahrrad ab und schimpft: "Das ist doch eh alles eine Farce. Dass hier nichts los ist, ist doch bezeichnend!" Ihr Mann kommt dazu. "Wir erleben hier keine demokratische Wahl. Dieser Parteiklüngel muss endlich aufhören. Das spiegelt doch nicht die Interessen des Volkes wider." Dann folgt ein Rundumschlag gegen die Politik im Allgemeinen und ein Vergleich zum Politbüro in der DDR. "Wir sind Ossis", sagt die Frau, die sich freut, dass Wulff nicht glatt durchkommt. "Ein Klatscher" für die Politik sei das.

Die Veranstalter haben unterdessen resigniert. Offiziell, weil man nicht warten könne, bis das Fernsehen wieder aus dem Reichstag überträgt. Schönemann ist trotzdem zufrieden. "Wir hatten ein sehr interessiertes Publikum", sagt er.

Dann geht alles ganz schnell. Die Leinwand wird heruntergefahren, Mitarbeiter ziehen Planen vor den Getränkestand. Was in Berlin an diesem Nachmittag noch passiert, kommt hier am Marktplatz nicht mehr an. Nicht, dass Christian Wulff auch im zweiten Wahlgang durchfällt, nicht, dass die Linke-Kandidatin Luc Jochimsen vor Runde drei aufgibt, nicht der Schlussakkord mit der Kür Wulffs zum Bundespräsidenten. Aber am Samstag kommen ja wieder Schweini und Poldi.

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Seite 1
xzz 01.07.2010
1. Titelbefreit
Zitat von sysopMit Hängen und Würgen hat die Koalition ihren Kandidaten ins Schloss Bellevue gehievt - erst im dritten Wahlgang wurde Christian Wulff zum Bundespräsidenten gewählt. Wird er ein gutes Staatsoberhaupt?
Möglicherweise, das wird sich zeigen; Ich sehe aber noch keinen zwingenden Grund, warum er ein besonders guter oder aber ein besonders schlechter Präsident sein sollte. Gauck hätte Präsident werden können, wenn sich Gabriel nicht so verzockt hätte. Als Kompromisskandidat wäre er auch für die Union wählbar gewesen, hätte ihn Gabriel nicht lange genug zurückgehalten bis die Union sich auf Wulff geeinigt hatte. Gauck hätte auch im ersten Wahlgang mit den Stimmen der Linken gewählt werden können, aber auch dort kam keine Einigung zustande. Ob Gauck oder Wulff, scheint mir kein grosser Unterschied zu sein, aber immerhin ist es erfreulich, das tatsächlich eine Wahl bestand! In den vergangenen Bundesversammlungen hat die jeweilige Opposition nie einen ernsthaften, gelungenen Kandidaten aufgestellt, besonders zweimal Schwan war wirklich unerträglich. Die Entscheidung zwischen Gauck und Wulff hat dem Wahlprozess insgesamt gut getan
Schroekel 01.07.2010
2. Merkel und Wulff
Zitat von sysopMit Hängen und Würgen hat die Koalition ihren Kandidaten ins Schloss Bellevue gehievt - erst im dritten Wahlgang wurde Christian Wulff zum Bundespräsidenten gewählt. Wird er ein gutes Staatsoberhaupt?
Wulff hat Erfahrung in der Politik und wohl auch Lebenserfahrung, aber durch was hat er sich für dieses Amt qualifiziert? Gibt es irgendeine wirklich richtungsweisende Äusserung oder Handlung oder einen entsprechenden Vorschlag von ihm? Irgendetwas von Bedeutung? Mir fällt da nichts ein. Wulff ist in erster Linie Parteisoldat und gehört als solcher zu den abgeschliffenen und weich gekochten Politikern, die viele Menschen satt haben. Ein Kompromiss. Die Chancen, dass er ein gutes Staatsoberhaupt wird, sind begrenzt. Die Chance, die sich mit dem Rücktritt seines Vorgängers (sorry, name schon vergessen) ergab, wurde nicht genutzt.
pwbaumann 01.07.2010
3.
Zitat von sysopMit Hängen und Würgen hat die Koalition ihren Kandidaten ins Schloss Bellevue gehievt - erst im dritten Wahlgang wurde Christian Wulff zum Bundespräsidenten gewählt. Wird er ein gutes Staatsoberhaupt?
gutes staatsoberhaupt aus welcher sicht? das merkel würde zz evtl. noch mit "ja" antworten. alle anderen wissen, was wulff selbst von sich sagte: er ist schon immer 3.wahl gewesen.
zaphod1965 01.07.2010
4. Die Linke ist gestorben
Ich bin relativ lange optimistisch geblieben, dass Die Linke die Kurve noch kriegen könnte und sich zu einer ernsthaften und vor allem ernst zu nehmenden politischen Alternative entwickelt. Das Kasperletheater der Linken bei der Wahl des Bundespräsidenten hat mich auch meiner letzten Hoffnung beraubt und ich bin heute aus der Partei wieder ausgetreten (war übrigens ursprünglich in die WASG eingetreten, nicht in Die Linke!). Zusammen mit dem Programm-Debakel und dem kindischen Verhalten der Linken Fraktion in NRW haben die 123 Enthaltungen von gestern das Fass einfach zum Überlaufen gebracht.
Der-Gande 01.07.2010
5. Meine Meinung!
Zitat von sysopMit Hängen und Würgen hat die Koalition ihren Kandidaten ins Schloss Bellevue gehievt - erst im dritten Wahlgang wurde Christian Wulff zum Bundespräsidenten gewählt. Wird er ein gutes Staatsoberhaupt?
Die Zukunft erst wird es zeigen, ob diese verpfuschte Wahl was gebracht hat. Den Stimmen nach hat Herr Wulff ja gewonnen, aber ob er auch ein "Volks"-Bundespräsident werden wird oder ob er der Bundespräsident der CDU/FDP-Regierung sein wird, wird sich noch herausstellen. DIE LINKEN haben nun wirklich gezeigt, dass sie nicht regierungsfähig sind. Kindergartengruppe wäre eine Beleidigung für die Kinder!!
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