Präsidentschaftsanwärter Wulff Der kontrollierte Kandidat

Abwarten, lauern und zugreifen, wenn die Chance da ist: Das sind herausragende Eigenschaften von Christian Wulff. Der Unionskandidat für Schloss Bellevue ist kein Freund von spontanen Entschlüssen. Querschüsse à la Köhler sind von ihm nicht zu erwarten.

Niedersachse Wulff: "Wenn niemand mehr mit ihm rechnet, ist er plötzlich wieder da"
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Niedersachse Wulff: "Wenn niemand mehr mit ihm rechnet, ist er plötzlich wieder da"

Eine Analyse von


Roland Koch hat das getan, wofür Christian Wulff womöglich jahrelang nur der Mut fehlte. Im Mai ist der hessische Ministerpräsident zurückgetreten, weil er keine Lust mehr auf Politik hatte und in die Wirtschaft wechseln wollte. Wulff wurden aus seinem Umfeld ähnliche Ambitionen schon seit langem nachgesagt. Selbst in seiner eigenen Partei klagten viele, es fehle in Niedersachsen an Führung und Gestaltungskraft, der Regierungschef sei häufig schlecht gelaunt und wenig präsent.

Statt die politische Auseinandersetzung suchte Wulff auffällig die Nähe zu Wirtschaftsbossen, Schauspielerinnen wie Veronika Ferres und - erst am vergangenen Wochenende - zur Sängerin Lena. Weil Kanzlerin Angela Merkel zudem keine politische Verwendung für ihn in Berlin hatte, gab Wulff beleidigte Interviews, in denen er behauptete, ihm fehle der Wille zur Macht.

Jeder, der Wulff näher kennt, weiß freilich, dass das nur eine kokette Geschichtsklitterung war. So freundlich lächelnd und bedächtig er nämlich in der Öffentlichkeit auftritt, so laut und unfreundlich agiert er oftmals hinter den Kulissen. Nur so lässt sich auch erklären, dass es Wulff gelang, trotz zweier Wahlniederlagen gegen Gerhard Schröder noch eine dritte Chance als Spitzenkandidat in Hannover zu bekommen.

Wulffs beste Eigenschaft: er bleibt lieber kalkuliert in der Deckung

Als Wulff 2003 dann schließlich doch noch Regierungschef wurde, konnte er sein Glück lange selber kaum fassen. Er setze Reformen durch, doch später verlor er zunehmend die Lust, mit einem Kofferraum voller Aktentaschen durch die Provinz zu reisen und das Wahlvolk von Meppen bis Uelzen bei Laune zu halten. Als Wulff vor zwei Jahren den Landesvorsitz der CDU an seinen designierten Nachfolger David McAllister abgab, angeblich um sich stärker in die Bundespolitik einzumischen, dort aber nicht auftauchte, war klar: Wulff ist fertig in Niedersachsen.

Doch dann kam Wulffs herausragende Eigenschaft zur Geltung. Er wartet einfach kühl ab - und wenn niemand mehr mit ihm rechnet, ist er plötzlich wieder da. Der Mann neigt nicht zu spontanen Entschlüssen und vorschnellen Äußerungen, er bleibt lieber kalkuliert in der Deckung. Dass so einer einmal wie Horst Köhler die Brocken hinschmeißt, ist deshalb nicht zu erwarten.

Auch seine Nominierung zum Bundespräsidentenkandidaten erscheint da seltsam geplant. Als in Niedersachsen fast niemand mehr damit rechnete, bildete Wulff im April doch noch sein Kabinett um. Für seine Landtagsfraktion war das ein Affront, weil er die neuen Minister lieber aus anderen Bundesländern holte. Für die Medien freilich war der Schritt ein Coup, vor allem, weil Wulff die Hamburger Türkin Aygül Özkan zur Sozialministerin berief.

Präsidial wirkte sein Regierungsstil schon in Niedersachsen

"Wird Christian Wulff der nächste Bundespräsident?", fragte daraufhin überschwänglich schon im April die "Bild"-Zeitung. Dem Boulevardblatt wird eine besondere Nähe zu Wulff nachgesagt, seit es exklusiv Wulffs Eheende und den fliegenden Wechsel zu einer neuen Freundin (und jetzigen Ehefrau) melden durfte. Auch die "FAZ", stets über die Gedanken in der Staatskanzlei in Hannover gut im Bilde, bemerkt, der "Glanz" der neuen Regierungsmannschaft falle auf Wulff selber zurück, der nun "schlagfertiger, selbstbewusster und kraftvoller" als zuvor gewirkt habe.

Als Koch ging, schickte Wulff noch einmal eine eindeutige Bewerbung an Merkel: "Man muss sich schon Gedanken machen, wenn man gute Leute verliert", sagte er. Die Kanzlerin hat das Signal verstanden.

Wulff wird künftig im Schloss Bellevue ausharren und zweifellos eine gute Figur abgeben: Präsidial wirkte sein Regierungsstil schon in Niedersachsen. Er lächelt freundlich, schreitet würdevoll und sagt mit wichtiger Miene nicht sehr bedeutende Dinge. Ruck-Reden sind von ihm nicht zu erwarten. Er gilt nicht gerade als begnadeter Rhetoriker, und weil er die Worte so nasal hervorpresst, hat er an der Leine den Spitznamen "Knödel". Aus seinen sieben Jahren an der Spitze der Regierung in Niedersachsen sind keine bedeutenden Äußerungen in Erinnerungen. Wulff war einfach da, hat gelächelt und abgewartet.



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Seite 1
Der Dexter 05.06.2010
1. Wenn es Gauck wird ziehe ich meinen Hut vor der CDU
Wulff ist zwar ein respektabler Politiker, doch Gauck wäre die bessere Wahl als Bundespräsident. Es wäre als wahre Größe zu interpretieren, wenn sich Unionspolitiker, dazu entschließem könnten, sich der Vorgabe von "oben" zu entziehen und für Gauck zu stimmen. Doch diese Erkenntnis ist von den CDU-Politikern nicht zu erwarten. Die CDU wird nicht verstehen, dass sie mit der Wahl von Gauck bei der Bevölkerung punkten kann. Stattdessen wird sich alles in den bekannten Bahnen abspielen. Das heißt Wulff bekommt den Posten und langfristig wird er der Koalition nicht den erhofften Glanz bringen. Wenn es doch am Ende Gauck wird, dann ziehe ich meinen Hut vor der CDU.
hardnoxanddurtysox 05.06.2010
2. Es wird also sehr ....
Zitat von sysopAbwarten, lauern und zugreifen, wenn die Chance da ist: Das sind herausragende Eigenschaften von Christian Wulff. Der Unionskandidat für Schloss Bellevue ist kein Freund von spontanen Entschlüssen. Querschüsse à la Köhler sind von ihm nicht zu erwarten. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,698738,00.html
.. sehr langweilig werden. Passend zu Merkels Mehltau-Politik bzw. Politik der Toten Hand. Es rührt sich gar nichts. Für Kabarettisten ist Wulff die undankbarste Figur, die es gibt. Nicht einmal seine permananent verschnupfte Stimme (Polypen?) ist so originell wie die von Po-Faller.
Geziefer 05.06.2010
3. Abgreifen!
Zitat von sysopAbwarten, lauern und zugreifen, wenn die Chance da ist: Das sind herausragende Eigenschaften von Christian Wulff. Der Unionskandidat für Schloss Bellevue ist kein Freund von spontanen Entschlüssen. Querschüsse à la Köhler sind von ihm nicht zu erwarten. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,698738,00.html
Zugreifen? Abgreifen! Wenn die Chance da ist: "Der Bundespräsident erhält Amtsbezüge in Höhe von 10/9 des Amtsgehalts der Bundeskanzlerin. Sie sind im Bundeshaushalt 2010 mit 199.000 Euro ausgewiesen zuzüglich 78.000 Euro Aufwandsgeld (Aufwandsentschädigung), aus dem auch die Löhne des Hauspersonals für die freie, voll eingerichtete Amtswohnung des Bundespräsidenten zu zahlen sind. Nach dem Ausscheiden aus dem Amt werden die Amtsbezüge mit Ausnahme der Aufwandsgelder auf Lebenszeit als Ehrensold weitergezahlt. Der Altpräsident behält weiterhin ein Büro/Sekretariat im Bundespräsidialamt." Quelle: Wikipedia
Meckerliese 05.06.2010
4. warum?
Mit welcher Berechtigung kriegt ein BP sein Gehalt und alle anderen Vergünstigungen bis ans Lebensende? Die Herrschaften könnten sich auch mit Rente wie jeder normale Arbeitnehmer begnügen. Dann wüssten sie vielleicht mal wie es dem deutschen Durchschnittsrentner im Alter dreckig geht. Da könnte man schon anfangen zu sparen.
Hennes 05.06.2010
5. Zweierlei Maß
Dass Wulff seine zweite Partnerschaft von den vier Buchstaben begleiten ließ, hatte womöglich auch mit Seehofer zu tun. Der wurde bekanntlich wegen seiner außerehelichen Beziehung von Diekmanns Knechten medial 'hingerichtet'.
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