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15. Juni 2010, 14:19 Uhr

Präsidentschaftskandidat

Gauck warnt vor Rot-Rot-Grün

Joachim Gaucks Kandidatur als Bundespräsident hat so viel Begeisterung entfacht, dass er selbst erschrickt. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview verrät er seine Agenda für das höchste Staatsamt - und geht hart mit der Linkspartei ins Gericht. Obwohl er sie für die Wahl in der Bundesversammlung eigentlich braucht.

Berlin - Joachim Gauck, rot-grüner Kandidat für das Bundespräsidentenamt, spricht sich gegen eine mögliche Koalition von SPD und Grünen mit der Linken im Bund aus. "Rot-Rot-Grün wünsche ich mir nicht und kann es mir auch überhaupt nicht vorstellen", sagt er im Interview mit SPIEGEL ONLINE. Gleichzeitig greift Gauck die Linke scharf an: "Der Linkspartei fehlt die programmatische Verlässlichkeit." Von führenden Linken, die seine Wahl ablehnen, grenzt sich Gauck klar ab. "Mit Herrn Gysi verbindet mich persönlich eher wenig - um nicht zu sagen, nichts." Er hoffe auf die Jüngeren in der Partei.

Sollte Gauck am 30. Juni gewählt werden, will er sich als Bundespräsident vor allem dafür einsetzen, "dass die Regierung ihre Politik besser erklärt." Beispiel Afghanistan. "Warum sagen wir nicht in klaren Worten, was los ist? Dass unsere Soldaten dort im Auftrag der Vereinten Nationen Terrorismus bekämpfen und daneben noch eine Menge Gutes für die Menschen in Afghanistan tun", sagt er.

Scharf kritisiert Gauck das Sparpaket von Schwarz-Gelb. "Ich finde es richtig zu sparen", sagt er. "Aber ich kann es nicht fair finden, dass diejenigen, die beim Sparen kaum etwas merken würden, rücksichtsvoller behandelt werden als die anderen, die es empfindlich trifft."

Lesen Sie hier das vollständige SPIEGEL-ONLINE-Interview mit Joachim Gauck und sehen Sie oben im Video ein Gespräch mit SPIEGEL TV.

SPIEGEL ONLINE: Herr Gauck, wie fühlt man sich als deutscher Obama?

Gauck: Dieser Vergleich ist doch abwegig.

SPIEGEL ONLINE: Versuchen wir es anders: Die Kommentierung und Aufnahme ihrer Nominierung als Bundespräsidenten-Kandidat war sehr freundlich. Fühlen Sie sich geschmeichelt?

Gauck: Natürlich reagieren Menschen glücklich auf Zustimmung und Bejahung, auch ich. Natürlich bin ich auch überrascht, weil ich mit einer solchen Zustimmung nicht gerechnet habe.

SPIEGEL ONLINE: Und wie geht es Ihnen nun als Bundespräsidenten-Kandidat?

Gauck: Das ist schon etwas ganz Neues für mich. Ich war ja auch zuvor sehr beschäftigt, nicht zuletzt wegen der Arbeit an meiner Biografie - und sie hat mich ausgefüllt. Der entscheidende Punkt für mich ist allerdings: So gut, wie mich meine Unterstützer nach der Nominierung als Bundespräsidenten-Kandidat machen, bin ich vielleicht gar nicht. Diese Hoffnungen, die sich im Internet und anderswo ausdrücken - die kann ein Einzelner gar nicht einlösen. Die Welle hat mich fast ein bisschen erschreckt.

SPIEGEL ONLINE: Sie wollen also keine positiven Schlagzeilen mehr?

Gauck: Natürlich will ich die. Aber ich stelle mir folgende Frage: Woher kommt die Begeisterung über meine Nominierung? Ich kenne die meisten meiner Unterstützer gar nicht. Mein Sohn hat mich neulich gefragt, wann ich eigentlich Kontakt zu der Szene im Internet hatte - ich habe geantwortet: Nie, ich bin nicht bei Facebook und in diesen vielen Netzwerken. Die meisten Unterstützer sind doch viel zu jung um etwas über mögliche Verdienste aus der Vergangenheit zu wissen. Andererseits ist es auch toll: Da melden sich Leute zu Wort - und sprechen sich für ihre Demokratie aus! Sie wollen an ihr Land glauben. Das ist beeindruckend und ermutigend.

SPIEGEL ONLINE: Inwieweit hilft Ihnen die aktuelle politische und wirtschaftliche Krise?

Gauck: Viele Menschen in diesem Land sind im Moment unzufrieden mit der Situation. Deshalb sind da auch rationale Gründe für den Wunsch nach einer Instanz, die anders sein soll. Dabei ist ja das Interessante: Der Bundespräsident ist nun wirklich keine Machtinstanz. Aber unsere Gesellschaft will sich nicht nur über die Ratio des Parteienstaats definieren. Die Bürger suchen nach einer umfassenderen, tiefer begründeten Haltung zu unserem Land.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie nachvollziehen, warum Kanzlerin Merkel Sie nicht als gemeinsamen Kandidaten von Regierung und Opposition akzeptieren wollte?

Gauck: Ich bin ja kein politischer Romantiker. Natürlich kann ich mir die Beweggründe für ihre Entscheidung erklären, die Zwänge einer Kanzlerin und Parteichefin liegen mir klar vor Augen. Was da alles auszugleichen ist! Die Suche nach dem inneren Ausgleich innerhalb der Koalition wird wohl handlungsleitend gewesen sein.

SPIEGEL ONLINE: Angela Merkel hat nachgewiesenermaßen eine hohe Meinung von Ihnen.

Gauck: Das wird hoffentlich auch so bleiben. Ich habe keinen Grund, an der Wertschätzung von Frau Merkel zu zweifeln. Und ich weiß, dass man im schwarz-gelben Lager viele Sympathien für mich hegt.

SPIEGEL ONLINE: Hat die Kanzlerin Ihnen zur Nominierung gratuliert?

Gauck: Nein. Es gab keinen Kontakt zwischen uns. Aber das ist aus ihrer Sicht doch völlig nachvollziehbar. Und die Situation ist ja nun eine ganz andere als rund um meinen 70. Geburtstag im Januar, als sie diese tolle Laudatio auf mich hielt.

SPIEGEL ONLINE: Könnten Sie es verstehen, wenn die Kanzlerin Sie als Verräter sehen würde?

Gauck: Ach, der Verratsvorwurf trifft doch schon deshalb nicht, weil Frau Merkel in Kenntnis davon gesetzt wurde, dass die Opposition mich als gemeinsamen Kandidaten vorschlägt.

Warum Joachim Gauck sich nicht als Vorbote von Rot-Rot-Grün sieht - und was er am 2. Juli tun wird

SPIEGEL ONLINE: Hat sich Ihre Einschätzung, ob Sie Präsident werden können, seit der Nominierung und dem anhaltenden Trubel geändert?

Gauck: Ein wenig schon. Und dennoch werde ich nicht abheben - das an all meine alten Bekannten.

SPIEGEL ONLINE: Angenommen, Sie würden tatsächlich gewählt - dann wären Sie möglicherweise der Vorbote einer rot-rot-grünen Regierung. Seit wann ist das Ihre Wunschkoalition?

Gauck: Rot-Rot-Grün wünsche ich mir nicht und kann es mir auch überhaupt nicht vorstellen. Die SPD ist nicht so verfasst, in der schwierigen, aktuellen Situation so etwas zu versuchen. Darauf würde ich eine Menge wetten. Ein Bündnis mit der Linken scheint mir im Moment in der SPD auch gar nicht durchsetzbar zu sein. Der Linkspartei fehlt die programmatische Verlässlichkeit.

SPIEGEL ONLINE: Die Linkspartei will Sie aus mehreren Gründen nicht wählen. Beispielsweise wirft Ihnen die Linken-nahe Schriftstellerin Daniela Dahn vor, Sie würden die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze verweigern. Trifft das zu?

Gauck: Ich habe in einem Nachwort zum "Schwarzbuch des Kommunismus" die Akzeptanzprobleme der kommunistischen Herrschaft nach 1945 im Osten Deutschlands besprochen und in diesem Zusammenhang auch die Proteste und das Unverständnis der Menschen gegen die neue Grenze erwähnt. Bis weit in die SED hinein gingen damals die Proteste. Und noch 1961 hatte die SPD im Wahlkampf im Westen formuliert "Dreigeteilt - niemals". Aus einem Bericht über Lebensgefühle der Damaligen leitet Frau Dahn die Auffassung des heutigen Joachim Gauck ab. Ich empfinde das als infam. Wenn das von eingefleischten Parteikadern käme - ich könnte damit leben. Aber die als Intellektuelle geltende Dahn erwähnt Zitate von mir, die völlig aus dem Zusammenhang gerissen sind. Das ist nicht zu akzeptieren, weder menschlich noch intellektuell.

SPIEGEL ONLINE: Ihnen wird auch Antikommunismus vorgeworfen.

Gauck: Ich habe kommunistische Bewegungen, wenn sie beispielsweise in Südamerika gegen Unterdrückung gekämpft haben, immer als Verbündete gesehen. Ich habe dort Kommunisten getroffen, die für freie Gewerkschaften gekämpft haben, für Menschenrechte. Aber überall dort, wo Kommunisten herrschten und herrschen, gab und gibt es keine freien Gewerkschaften und auch keine freie Presse und keine freie Meinung. Mit dieser Art Kommunisten habe ich nichts gemeinsam.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Verhältnis zur Linken ist vor allem wegen Ihres schwierigen Verhältnisses zu Bundestagsfraktionschef Gregor Gysi zerrüttet.

Gauck: Mit Herrn Gysi verbindet mich persönlich eher wenig - um nicht zu sagen, nichts. Aber es gibt in dieser Partei durchaus Leute, mit denen ich mich verstehen könnte. Wobei der eine oder andere von denen inzwischen auch nicht mehr Mitglied ist. Und gerade bei den Jungen in der Linkspartei gibt es viele, die nicht vom alten Kommunismus träumen, sondern eine gerechtere Gesellschaft wollen. Da habe ich durchaus Sympathie, weil diese Leute mit der DDR nichts mehr zu tun haben.

SPIEGEL ONLINE: Angenommen, Sie würden am 30. Juni tatsächlich gewählt - worin sähe der Bundespräsident Gauck seine zentrale Aufgabe?

Gauck: Eines hätte ich jedenfalls vor: Darauf hinzuwirken, dass die Regierung ihre Politik besser erklärt. Beispiel Afghanistan: Warum sagen wir nicht in klaren Worten, was los ist? Dass unsere Soldaten dort im Auftrag der Vereinten Nationen Terrorismus bekämpfen und daneben noch eine Menge Gutes für die Menschen in Afghanistan tun. Oder das Sparpaket: Natürlich muss gespart werden - aber das muss der Bevölkerung vermittelbar sein.

SPIEGEL ONLINE: Sie finden das Sparpaket also richtig?

Gauck: Ich finde es richtig, zu sparen. Aber ich kann es nicht fair finden, dass diejenigen, die beim Sparen kaum etwas merken würden, rücksichtsvoller behandelt werden als die anderen, die es empfindlich trifft.

SPIEGEL ONLINE: Sollte es mit der Wahl zum Bundespräsidenten nicht klappen - was ist dann ihr Plan für den 1. Juli?

Gauck: Erstmal würde dann mein Urlaub in Wustrow an der Ostsee feststehen. Ich könnte da ungefragt an jede Stelle des Strands gehen, müsste keine Kleidungsfragen erörtern. Und auf jeden Fall werde ich am 2. Juli auf dem Sommerfest des Bundespräsidenten erscheinen. Ich habe schon eine Einladung.

Interview: Florian Gathmann

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