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07. April 2009, 11:20 Uhr

Prekariat-Studie

Wieso die kleinen Leute verbittert sind

Von Franz Walter

Wirtschaftskrise, Politikverdruss, Misstrauen gegenüber der Demokratie: Im unteren Drittel der Gesellschaft nistet sich ein tiefer Pessimismus ein, zeigt eine neue Sozialstudie. Die Älteren sind verbittert, Jüngere ergreift Hass und Fatalismus - vor allem Männer sehen sich im Stolz getroffen.

Als sich vor drei Jahren die wirtschaftliche Lage zu bessern schien, da leistete sich die deutsche Gesellschaft auch den Blick auf die Verlierer der vergangenen drei Jahrzehnte. Selbst einen prätentiös klingenden Gattungsbegriff fand man für diese Gruppe: "Prekariat".

Jobsuchende: Von der Politik wird nichts mehr erwartet
DDP

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In dem Moment jedoch, da die ersten dunklen Wolken am Konjunkturhimmel aufzogen, geriet das Prekariat wieder aus dem Visier der nun selbst ängstlich gewordenen Mitte der Republik. Daher haben sich kürzlich Göttinger Politologen und Heidelberger Lebensweltforscher neuerlich in die Prekariatszonen der deutschen Gesellschaft begeben.

Es existiert im unteren Drittel der Gesellschaft die Vorstellung von einer "an sich richtigen" Politik, von generell unzweifelhaften Lösungen gesellschaftlicher Probleme - und dadurch auch von dem einen unstrittig richtigen Lösungsweg.

Daher bleibt ihnen unverständlich, warum in der Politik dieser Weg nicht unverzüglich und zielstrebig beschritten wird, warum alles so lange dauert, vor allem: warum die Parteien überhaupt ständig streiten.

Konflikte sind in dieser Perspektive - die auch und gerade in der gesellschaftlichen Mitte zu finden ist - nicht Ausdruck verschiedener Interessen und legitimer unterschiedlicher Sichtweisen. Sondern Profilgehabe, Deformation einer politischen Klasse, der es gut geht und die sich schon deshalb keine Gedanken darüber machen muss, welche Folgen ihre in die Länge gezogenen Querelen für den Rest des Volkes haben.

Hauptsächlich bei den älteren Zugehörigen der unteren Schichten herrscht ein (auch in anderen Fragen immer wieder durchschimmerndes) Streben nach Harmonie: "Alle Parteien an einen Tisch" - das trifft die Projektion dieser Menschen wohl am besten.

Geld ist ein zentrales Thema in den unteren Schichten. Denn in der Regel reicht es nicht oder kaum. Und die Sorge, dass der Lohn oder die Rente, die man derzeit noch bekommt, bald gemindert werden oder gar wegfallen könnte, ist durch die aktuelle ökonomische Krise übermächtig. Das führt zu einer massiven Einigelung in das unmittelbare Lebensumfeld - bei erheblichen Aggressionen gegen "die Ausländer".

Ältere Frauen aus der Unterschicht mit altbundesdeutscher Biografie äußern sich außerdem denkbar erregt über Rentnerinnen aus der ehemaligen DDR, die eine weit höhere Altersversorgung genießen: "Die konnten ihre Kinder damals bei Honecker ja einfach wegeben." Es ist bemerkenswert, welch immense Aggression hier schwelt.

Von der Politik erhofft man sich nichts mehr

In dieser Lebenswelt sind konstruktive Ideen, wie man es politisch oder gesellschaftlich denn anders machen könnte, kaum bis gar nicht vorhanden. Von der Politik erhofft man sich mittlerweile überwiegend nichts mehr.

Es kann auch kein Ansehenszuwachs der Politik durch die Diskreditierung von Wirtschaftsführern und Bankern während der vergangenen Monate zu verzeichnet werden. Sie alle, Unternehmer, Politiker und Medienmenschen, gelten als ein miteinander verbandelter Haufen, der sich gegen "die da unten", den "kleinen Mann" oder "die kleine Frau", unheilvoll verschworen hat.

Konspirationsvermutungen solcher Art zirkulieren in der Vorstellungswelt der unteren Schichten in einem opulenten Ausmaß. Dass Deutschland noch eine "wirkliche Demokratie" ist, glauben die meisten dort jedenfalls nicht mehr.

Immer wieder dokumentieren die "Prekarisierten" ihre Müdigkeit und Hoffnungslosigkeit. Selbst die wenigen Freuden, die ihnen geblieben waren, insbesondere das Rauchen, wurde ihnen von denen, die überall das Sagen haben, durch Verbote genommen. Bemerkenswert ist, dass sie sich an die Zeit vor zehn oder fünfzehn Jahren als noch "normal" erinnern. Seither aber sind geradezu pausenlos Unsicherheiten, Zumutungen, Bedrohungen über sie hereingebrochen. Es ist signifikant die Zeit sozialdemokratischer Regierungsbeteiligung, in der sie sich mehr denn je zuvor abgewertet, bedrängt, ja bedroht fühlen.

"Das darf doch nicht sein"

Allerdings sind Generationsdifferenzen erkennbar. Diejenigen, die seit den sechziger Jahren geboren wurden, lassen ihrer Wut ungezügelt freien Lauf. Diejenigen hingegen, die zumindest als Kinder noch Krieg, Vertreibung und unmittelbare Nachkriegszeit erlebt haben, treten besonnener auf, wirken dem Staat und der Demokratie nach wie vor positiver zugewandt.

Doch sind viele Ältere bitter darüber, dass sie trotz eines seinerzeit soliden Schulabschlusses, trotz oft auch ordentlich absolvierter Lehre und dann jahrzehntelanger harter Arbeit nun eine lediglich marginale, fragile Stellung in der Gesellschaft zugewiesen bekommen haben. Dass es zutiefst ungerecht ist, im letzten Fünftel des Lebens nach vielen beschwerlichen Jahren der Kindererziehung und der oft körperlich anstrengenden Erwerbsarbeit nun von "jungen Schnöseln" als überflüssige Vergangenheitslasten verworfen zu werden, das deprimiert sie zutiefst.

Das oft leise vorgetragene Satzfragment dafür lautet: "Das darf doch nicht sein." Dieser Legitimitätskern von hart erbrachten Erwerbsleistungen fehlt den meisten jüngeren Zugehörigen dieser Schicht. Deshalb kommen bei ihnen Resignation, sarkastischer Fatalismus oder auch ziellos wirkende Hasstiraden weitaus häufiger vor, ebenso eine massive Krise der Männlichkeit. Alles, was einst den "starken Mann" ausgemacht hat, ist in der gesellschaftlichen Bedeutung während der vergangenen Jahre geschrumpft: das Manuelle, die kesse Lippe, Sexprotzereien, die Kraft der Faust, die vitale körperliche Unmittelbarkeit.

Stattdessen wird nun wertgeschätzt: Wissen, Bildung, Kultur, Sprachfähigkeit, körperlose Interaktivität. Das Gros der politischen und interpretierenden Klasse steht dafür, verkörpert und postuliert also all das, was das Selbstwertgefühl des männlichen Teils der unteren Schichten täglich in Frage stellt.

Noch herrscht dort die Stimmung vor, es gerade so schaffen zu können. Doch wächst die Furcht, dass bald "gar nichts mehr geht". Und alle ahnen, dass sie dann den oft langen Rest ihres Lebens nicht mehr aus der Aussichtslosigkeit herauskommen.

Dennoch findet man keine Bereitschaft, auch keine organisatorische oder ideelle Grundlage zur Gegenwehr. Dafür ist der Fatalismus dominant ("es hat keinen Sinn, sich aufzuregen", "man kann eh nichts machen"). Die kleinteilige Binnenperspektive überwiegt: Man grübelt nicht über die Umwelt, erregt sich nicht einmal über die Finanzkrise, hofft erst recht nicht auf Chancen durch Bildung, glaubt auch nicht an die segensreiche Wirkung von Konjunkturprogrammen. Im Gegenteil: Darin sehen sie ein weiteres raffiniertes Manöver von Politikern und Wirtschaftsbossen, sich selbst die Taschen zu füllen.

Jauch als Wunschfigur für die politische Arena

Politiker sind für etliche von ihnen schlicht "Drecksäue". Als personelle Alternative kann man sich dafür TV-Moderator Günther Jauch vorstellen; der sei "seriös", "hört zu", "gibt einem immer eine Chance". Jauch als Kandidat in einer plebiszitären Demokratie hätte allerbeste Chancen. Denn auch in der Mitte der Gesellschaft wird er gern als Wunschfigur für die politische Arena genannt.

Wie ein roter Faden durch all die Frustrationen und Erbostheiten im unteren Segment der Gesellschaft zieht sich das Gefühl, überhaupt nicht mehr zu überblicken, wohin das alles führen mag, ob das, was jetzt noch gilt oder zugesagt wird, auch morgen Bestand hat. Die Vermehrung von Komplexität ist bekanntlich ein Signum der Moderne. Sie macht auch anderen Milieus zu schaffen - die aber durch ihr kulturelles Kapital über Methoden und soziale Verhaltensweisen verfügen, um die Problemvielfalt im Alltag handhabbar zu machen.

Diese Fähigkeiten fehlen den meisten Zugehörigen der niedriger angesiedelten Milieus. Daher sind für diese Milieus im Prinzip Institutionen oder Personen, die Maßstäbe von längerer Gültigkeitsdauer begründen und Ziele weisen können, elementar wichtig.

Dass die Politik diese Repräsentanz- und Orientierungsfunktion nicht mehr verlässlich ausfüllt, ist sicher konstitutiv für das Beziehungsdesaster zwischen dem "politischen Oben" und dem "sozialen Unten". Dieses Defizit muss sich nicht zuletzt die politische Linke zurechnen.

Einst hatte sie Begriffe, Erklärungen und Erzählungen zur analytischen Beschreibung der Gegenwart und zur Skizzierung der Zukunft. Die Linke deutete dadurch den unteren Schichten die Lebensrealität, kollektivierte die sonst vereinzelten Individuen durch einleuchtende Narrative, bindende Organisationen und sinnstiftende Alltagskulturen.

Die Sozialdemokraten des Franz Müntefering haben von alledem nichts mehr. Und auch die Partei, die sich Die Linke nennt, fällt in der Krise 2009 durch Sprachlosigkeit, Interpretationsunfähigkeit und Mobilisierungsschwäche auf.

Das Prekariat in Deutschland ist sozial und kulturell verwaist - und in dieser Beziehung buchstäblich obdachlos.

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