Interview mit Wolfgang Thierse "So proper wie in Schwaben wird es in Berlin nie!"

Die Schwaben in Prenzlauer Berg nerven! Für diese Kritik muss Bundestagsvizepräsident Thierse reichlich Prügel einstecken. Im Interview erklärt er, wie seine Schelte wirklich gemeint ist - und warum er trotz der vermeintlichen Schwabenflut in seinem Berliner Kiez wohnen bleiben will.
SPD-Politiker Thierse: "Da bin ich Verteidiger des Berlinerischen"

SPD-Politiker Thierse: "Da bin ich Verteidiger des Berlinerischen"

Foto: dapd

SPIEGEL ONLINE: Herr Thierse, Sie beklagen, dass die Schwaben Ihrem Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg ihre eigene Sprache aufdrängen - Schrippen heißen jetzt Wecken - und so das Gesicht des Bezirks verändern. Minister Niebel nannte Sie daraufhin einen "pietistischen Zickenbart", es gibt viel Kritik und Häme. Fühlen Sie sich missverstanden?

Thierse: Es hat mich überrascht, mit welcher Humorlosigkeit und mit welcher preußischen Schärfe Schwaben auf ein paar ironisch formulierte Bemerkungen reagieren. Ich habe üble Beschimpfungen bekommen - angefangen mit Herrn Niebel. Wer das ganze Interview in der "Berliner Morgenpost" gelesen hat, weiß, dass es mit meiner ironischen Feststellung begonnen hat, dass ich in meinem Stadtteil eigentlich unter Artenschutz gestellt werden müsste, weil mehr als 90 Prozent der Menschen dort in den letzten zwanzig Jahren zugezogen sind. Ich gehöre also zu den letzten "Heimatverbliebenen".

SPIEGEL ONLINE: Wissen Sie, wie viele Schwaben in Prenzlauer Berg leben?

Thierse: Nicht genau, und natürlich sind auch sie nur das Sinnbild der aus vielen anderen Teilen Deutschlands Zugezogenen.

SPIEGEL ONLINE: Sie wünschen sich, dass die Schwaben begreifen, dass sie jetzt in Berlin seien und nicht mehr in ihrer Kleinstadt mit Kehrwoche, sagten Sie. Was haben Sie gegen die Kehrwoche?

Thierse: Das ist die falsche Frage. Für mich geht es hier um einen Widerspruch: Junge Schwaben kommen auch deshalb nach Berlin und besonders gerne nach Prenzlauer Berg, weil es quirlig ist und manchmal eben auch widersprüchlich und ein bisschen schmutzig. Es dann wieder so sauber und idyllisch haben zu wollen wie in Süddeutschland, das passt nicht zusammen - diese Erwartung, dass es hier so aufgeräumt sein soll wie zu Hause, die kann nicht erfüllt werden. So proper wie in Schwaben wird es in Berlin nie werden.

SPIEGEL ONLINE: Die Schwaben machen den Stadtteil spießig?

Thierse: Ich möchte mich nicht an dem Prenzlauer-Berg-Bashing, das auch in Medien üblich geworden ist, beteiligen. Trotz allem ist es schön hier. Und dennoch möchte ich eben Schrippen kaufen und keine Wecken und Pflaumenkuchen statt Pflaumendatschi. Da bin ich Verteidiger des Berlinerischen.

SPIEGEL ONLINE: Aber die vielen Zugezogenen haben Geld gebracht.

Thierse: Darüber, dass die Häuser seit 1990 schöner geworden sind, möchte ich mich auch nicht beklagen, auch nicht darüber, dass der Wohlstand gestiegen ist. Aber die Veränderung geht mit Schmerzhaftem einher: Wenn neunzig Prozent der Menschen hier zugezogen sind, müssen eben auch andere verdrängt worden sein. Früher hatte der Prenzlauer Berg eine sehr bunte Mischung, es gab Reste des Proletariats, es gab viele Künstler. Heute leben besonders viele junge Mittelschichtler hier. Den Verlust an Buntheit muss man aussprechen dürfen, auch ironisch distanziert, ohne dass einem daraus ein Vorwurf gemacht wird.

SPIEGEL ONLINE: Kann man diese Homogenität aufweichen?

Thierse: Es muss wohnungspolitische Maßnahmen geben, die eine stärkere soziale Mischung ermöglichen - das ist in vielen Großstadtgegenden notwendig, besonders aber am Prenzlauer Berg. Es darf nicht sein, dass es hier nur noch teure Wohnungen gibt, immer mehr Eigentum und dass Wohnhäuser zu Spekulationsobjekten ausländischer Investoren werden.

SPIEGEL ONLINE: Mussten Sie sich bereits von der Seele Ihres Stadtteils verabschieden?

Thierse: In Teilen sicherlich, aber man konnte ja nach der Wende auch keine Käseglocke über den Prenzlauer Berg stülpen und ein Museum des real existierenden Verfalls aus ihm machen. Alles hat sich sehr verändert. Aber bis zur Unkenntlichkeit ist der Wandel noch nicht gekommen. Die Struktur der Straßen ist dieselbe, den jüdischen Friedhof gibt es noch - nur um einige Beispiele zu nennen. Und ich habe hier auch noch alte Bekannte und Freunde. Menschen, deren Gesichter ich auf der Straße erkenne, sind allerdings in den letzten Jahren weniger geworden.

SPIEGEL ONLINE: Warum ziehen Sie nicht um, irgendwohin, wo es mehr Berliner gibt?

Thierse: Mich hält die Gewohnheit und die soziale Bodenhaftung, die ich habe, weil ich bereits seit 40 Jahren hier lebe. Ich bekomme jede Veränderung mit, das gibt auch ein Gefühl des Zuhauseseins. Im Übrigen ist es auch Bequemlichkeit. Wenn man so viele Bücher hat wie ich, möchte man nicht noch mal umziehen.

Das Interview führte Anna Reimann