Jan Fleischhauer

Land in Angst Wann sind wir so zimperlich geworden?

Früher musste man sich als Journalist die Kugeln um die Ohren pfeifen lassen, um als Held zu gelten, heute reicht ein Besuch im deutschen Osten. Die Empörung über das Getobe in Sachsen ist ebenso maßlos wie die Aufmärsche selbst.
Demonstration in Chemnitz am 27. August

Demonstration in Chemnitz am 27. August

Foto: Sean Gallup

Früher hatten wir Peter Scholl-Latour. Als junger Mann war Scholl-Latour in Vietnam, wo er erst Granatbeschuss und dann Gefangenschaft beim Vietcong überstand. Anschließend fuhr er im Schaufelboot den Kongo hinauf, trank Tee mit Ajatollah Khomeini und speiste beim Taliban. Im gesetzten Alter saß er dann in Talkshows und ließ die Zuschauer an seinem Weltwissen teilhaben. Wer halb Kalkutta aufnehme, rette nicht Kalkutta, sondern werde selbst Kalkutta, sagte er zum Beispiel, und alle schauten ungläubig, wie man so etwas sagen kann.

Peter Scholl-Latour (M.), damals ZDF-Korrespondent, in Vietnam, 1973

Peter Scholl-Latour (M.), damals ZDF-Korrespondent, in Vietnam, 1973

Foto: dpa

Heute haben wir Frontal 21. Das Kriegsgebiet, aus dem die Reporter berichten, sind nicht die Berge über Da Nang, sondern die Elbwiesen bei Dresden oder die Innenstadt von Chemnitz. An die Stelle des Vietcong sind die Mitläufer von Pegida und der "Gruppe Freital" getreten. Statt Kugeln droht heute eine in die Länge gezogene Passkontrolle durch die Polizei oder der Verlust eines Handys bei einer Rangelei mit den Ostnazis. Gefahrvolles Reporterleben: Wer die Frontberichte aus Sachsen liest, zieht unwillkürlich den Kopf ein.

Ist es in Ordnung, Journalisten bei ihrer Arbeit zu behindern? Nein, ist es natürlich nicht. So wie es grundsätzlich nicht in Ordnung ist, Menschen zu beschimpfen oder zu bedrohen, weil man ihre Anwesenheit nicht mag. Sind die Vorgänge so gravierend, dass sich Bundeskanzlerin und Bundespräsident einschalten müssen? Da habe ich meine Zweifel.

Erst die Presseschikanen in Dresden, dann das Versagen der Polizei in Chemnitz: Wenn man den Kommentaren glauben darf, dann wankt der Rechtsstaat. "Ungeheuerlich" sei das, was sich da in Sachsen zutrage, lese ich in der "Süddeutschen", einen "Hauch von Weimar" sieht der Kollege Roland Nelles durchs Land ziehen. Dass sich am Mittwoch der Uno-Hochkommissar für Menschenrechte einschaltete, war so gesehen nur eine Frage der Zeit. Schockiert beobachte die Weltgemeinschaft die Vorgänge in Deutschland, erklärte Seid Raad al-Hussein. Der Mann kommt übrigens aus Jordanien, einem Land, in das wir nicht einen Asylbewerber abschieben dürften, ohne dass die Grünen einen Veitstanz aufführten.

Ich habe bei jeder größeren Zusammenrottung ein schlechtes Gefühl. Wo Menschen sich mit Gleichgesinnten zusammenfinden, um ihre Überlegenheit über andere vorzuführen, suche ich das Weite. Ich käme nur nie auf die Idee, wegen solcher Demonstrationen die Demokratie am Abgrund zu sehen.

Versuchen Sie mal im Strahl eines Wasserwerfers den Hitlergruß

Wenn Sie mich fragen, dann sind die Naziaufmärsche im Osten kein Problem, das man nicht mit zwei, drei Wasserwerfern in den Griff bekommen könnte. Der Vorteil der Bierwampe ist ja, dass sie ein solides Ziel abgibt. Man muss nur drauf halten, dann fällt der Nazi um und das Plakat, das er hoch hält, gleich mit. Versuchen Sie mal, im Strahl eines "WaWe 10" den Arm zum Hitlergruß zu recken. Viel Spaß bei der Übung, kann ich nur sagen.

Das kurze Gedächtnis scheint das Signum unserer Zeit. Es mag vielen nicht mehr präsent sein, aber es ist gerade mal 14 Monate her, dass ein gewalttätiger Mob durch die Hansestadt Hamburg zog, um alles zu zerdeppern, was irgendwie nach Kapitalismus aussah. Erinnert sich noch jemand an die G-20-Proteste? Oder, unter den Älteren, an die Aufzüge in der Hamburger Hafenstraße? An Brokdorf, die Startbahn West, die jährlichen Umzüge in Kreuzberg? Auch damals brannte das bengalische Feuer. Auch damals war die Polizei so überrascht von der Übermacht der Demonstranten, dass es zwischenzeitlich so aussah, als würde die Straße regieren.

Ist deshalb der Rechtsstaat in die Knie gegangen? Ist er nicht.

Wenn man unbedingt nach geschichtlichen Parallelen zu heute suchen will, dann liegen die Siebzigerjahre sehr viel näher als die Dreißiger. Die Menschen standen sich unversöhnlich gegenüber. Es gab so viel Hass und Gewalt, dass sich die Regierung gezwungen sah, die Sicherheitsbehörden mit immer weiteren Befugnissen auszustatten. Rasterfahndung, Radikalenerlass: alles Ergebnisse der Siebziger.

Die Maßlosigkeit der Empörung korrespondiert mit der Maßlosigkeit der Proteste

Es ist übrigens auch nicht so, dass die Presse immer wohlgelitten war. Wo der schwarze Block aufmarschierte, war man gut beraten, sich nicht als Medienvertreter erkennen zu geben. Die "taz" war gerade noch geduldet. Wer vom SPIEGEL oder von der "Frankfurter Allgemeinen" kam, galt als Vertreter der "bürgerlichen Schweinepresse" und musste mit Prügel rechnen. Ich habe nie jemanden darüber klagen hören, dass die Pressefreiheit in Gefahr sei, weil Autonome einem Journalisten ein blaues Auge verpassten oder den Arm umdrehten.

Man soll nicht aufrechnen, ich weiß. Die eine Entgleisung macht die andere nicht besser.

Ich finde es nur bemerkenswert, wie sehr die Maßlosigkeit der Empörung mit der Maßlosigkeit der Proteste korrespondiert. Vielleicht entspringt die Angstlust, mit der auf jeden Naziaufmarsch im Osten reagiert wird, genau jenem Bedürfnis nach Imagination eines Feindes, das man der anderen Seite vorwirft. Alle Sachsen für die Umtriebe von ein paar Hundert Nazideppen in Haft zu nehmen, ist in etwa so plausibel wie von den G-20-Autonomen auf alle Hamburger zu schließen.

Wenn ich mir etwas für meinen Berufsstand wünschen dürfte, dann wäre es ein wenig mehr Coolness. Bei SPIEGEL TV war man immer stolz, wenn die Objekte der Betrachtung auf die Kamera zustürmten, um das Objektiv mit den Händen zuzuhalten, oder anderweitig aus der Rolle fielen. Ich erinnere mich, wie mir der Ver.di-Vorsitzende Frank Bsirske mal eine verpassen wollte, weil ihm meine Fragen nicht gefielen. Der Kameramann, den ich dabei hatte, konnte sein Glück kaum fassen. "1a-Fernsehen", sagt er, als Bsirske von mir abließ. "Ich hoffe nur, ich habe alles drauf."

Heute gilt es schon als schlimme Entgleisung, wenn sich die Feststellung der Personalien über Gebühr hinzieht. Eine "Entfremdung eines Teils unserer Sicherheitsbehörden vom Rechtsstaat und der grundgesetzlichen Ordnung"  glaubte der FDP-Innenpolitiker Konstantin Kuhle vergangene Woche feststellen zu müssen. Und das, weil die sächsische Polizei 45 Minuten gebraucht hatte, um bei einem ZDF-Team die Ausweise zu kontrollieren.

Wann sind wir so zimperlich geworden?