Presseschau "Eine unselige Entscheidung"

Selten befasste sich die Presse derart mit der Ferienplanung eines Einzelnen. Die Entscheidung des Kanzlers, seinen Italien-Urlaub abzublasen, stößt bei vielen Kommentatoren auf Kritik. Vom deutschen Weg und wiedererwachten nationalistischen Ressentiments ist die Rede. Nur Deutschlands größtes Boulevardblatt hat Verständnis.

Die "Süddeutsche Zeitung" (München) schreibt:

"Sein Bauch und die 'Bild'-Zeitung sind manchmal Gerhard Schröders wirkmächtigste außenpolitische Berater. Dies ist jetzt wieder einmal an des Kanzlers unseliger Entscheidung zu erkennen, seinen Italien-Urlaub abzusagen. Als der italienische Stammtisch-Politiker Stefani öffentlich Dummheiten über deutsche Touristen abließ, glaubte Schröder in einer Weise darauf reagieren zu müssen, dass aus dem Blödsinn fast eine Staatsaffäre geworden ist. Wie man es besser machen kann, hatten die erprobten Italienfahrer Schily und Fischer vorexerziert. Hart mit dem Narren von der Lega Nord ins Gericht gehen, dabei aber nicht so tun als müsse man durch Toskana-Abstinenz die Ehre des deutschen Volkes retten."

In der "Frankfurter Allgemeine Zeitung" steht:

"Der auch mit deutscher Hilfe, womöglich sogar in kalter Berechnung inszenierte Streit mit dem italienischen Ministerpräsidenten zeigt wieder, was man spätestens seit Schröders hart geführtem Konflikt mit Bush weiß: Dieser Kanzler sieht sich auf einem 'deutschen Weg'. Ohne Rücksicht auf Verluste - aber doch wohl nicht ohne Gewinn. (...) Europa und die Welt werden sich an den Stilwandel der deutschen Außenpolitik gewöhnen - oder auch nicht."

"Der Tagesspiegel" (Berlin) kommentiert:

"Gerhard Schröder hätte nach Italien fahren sollen. Nur ein erholter Kanzler ist ein guter Kanzler. Urlaub in Hannover - was da wohl rauskommt? Im Herbst wollen wir Reformen sehen. Worauf zielt Schröders Urlaubsverweigerung? Sollen Millionen Deutsche es ihm gleich tun und damit Italiens Hoteliers, Pizzabäcker und Eisverkäufer bestrafen? Er betreibt mal wieder seine Art populärer Außeninnenpolitik. Weil ihm die Nase sagt: Dieses Thema geht tief ins Volksempfinden. Er macht sich zum Anwalt der Nachkriegsgenerationen, die sich nicht mehr den Nazihut aufsetzen lassen. Mit vernunftgelenkter Außen- oder Europapolitik hat das wenig zu tun."

Schröders Heimatzeitung, die "Hannoversche Allgemeine Zeitung", meint:

"Angst und bange wird nur dem Europäer in uns, wenn er überlegt, welche diplomatischen Verwicklungen die blöden Äußerungen eines wenig bedeutsamen italienischen Staatssekretärs auslösen können. Wir wussten doch: Die spinnen, die Römer. Dass unser Kanzler die Sprüche irgendeines Staatssekretärs so ernst nimmt, hat uns doch verblüfft. Ob er da nicht überreagiert hat? Vielleicht hatte der Hannoveraner Schröder schlicht keine Lust wegzufahren."

Die "Bild" dagegen ist auf Schröders Seite:

"Ein Signore Stefano Stefani, Mitglied der italienischen Regierung, hat die Deutschen angepöbelt. Ohne Anlass, Grund und Not. Der Kanzler hat reagiert und seinen Italien-Urlaub abgesagt. Ist das jetzt eine 'Staatsaffäre'? Nein. Aber alles hat seine Grenzen. Das wissen die stilsicheren Italiener ganz genau. Kritik ertragen wir gern, beleidigen lassen wir uns nicht. Der Italo-Pöbler Stefani wird zurücktreten. Falls nicht, muss er entlassen werden. Politiker kommen und gehen. Die Völker bleiben. Deutsche und Italiener verbindet eine langjährige herzliche Freundschaft. Kein Mensch südlich oder nördlich der Alpen hat auch nur das geringste Interesse an weiteren «Eskalationen». Freunde in Italien! Amici! Übers Jahr trinken wir wieder ein Glas Wein zusammen. IHR ladet uns dazu ein."

Auch im Ausland stößt der Fall auf reges Interesse. Hier bewerten Kommentatoren die politische Dimension der Schröder'schen Urlaubsplanung teils noch höher. Von einem vergifteten Verhältnis zwischen Deutschland und Italien ist die Rede.

"Il Messaggero" (Rom) schreibt:

"Wenn ihr einen kalten Windstoß spürt, kommt er nicht aus der zu starken Klimaanlage, sondern aus Berlin. (...) Mit der Ankündigung Schröders, auf seine italienischen Ferien zu verzichten, ist der Frost in den Beziehungen zwischen Rom und Berlin zurück gekehrt. Ein Fels legt sich auf den Weg unserer unserer sechsmonatigen EU-Präsidentschaft. (...) Sicherlich lässt die neue Kältewelle zwischen Rom und Berlin keine ruhigen Szenarien vorstellen."

"Der Standard" (Wien) rät dem deutschen Kanzler:

"Schröder sollte souverän und subtil - also undeutsch - den Teufelskreis der künstlichen und berechnenden Empörung durchbrechen, seine moralische Überlegenheit über die Berlusconis dieser Welt zeigen und trotz bereits erfolgter Absage den Urlaub in Italien verbringen. Am besten träfe er sich dort demonstrativ mit Riccardo Illy, dem Hoffnungsträger der Linken Italiens, auf einen Cappuccino. Das wäre eine Einmischung in die italienische Innenpolitik. Aber der Fall Berlusconi zeigt deutlicher denn je, dass es in der EU den hermetisch abgegrenzten Bereich der 'Innenpolitik' nicht mehr gibt."

Der "Guardian" (London) kommentiert:

"Die Beziehungen zwischen Deutschland und Italien, zwei Hauptakteuren der Europäischen Union, sind auf den tiefsten Stand seit dem Zweiten Weltkrieg gesunken. Das Verhältnis ist auf ganz persönlicher Ebene vergiftet. Nachdem der deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder seinen Italien-Urlaub abgesagt hatte, tat der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi dies verächtlich ab. (...) Berlusconi sagte nur, es tue ihm leid für ihn (Schröder). Diese Bemerkung wird Schröder zur Weißglut bringen. Der neuerliche Streit zwischen zwei der vier großen Staaten Europas ist ernsthafter als die ursprüngliche Fehde. Dieses Mal hat es Berlusconi mit dem Regierungschef des mächtigsten Landes der Europäischen Union zu tun. Der Erfolg der sechsmonatigen italienischen EU-Präsidentschaft hängt wesentlich vom guten Willen Deutschlands ab. Bei deutschen Wählern, die die italienischen Beleidigungen durchaus persönlich nehmen, wird Schröders Entscheidung gut ankommen."

Die "Financial Times" erkennt eine neue Urlaubspolitik unter Schröder:

"Seit Schröder und seine Kabinettskollegen aus der 'Toskana-Fraktion' 1998 an die Macht kamen, haben sie auch eine neue Urlaubspolitik gemacht: Die einfachen, rustikalen Orte, die der frühere Kanzler Helmut Kohl bevorzugte, haben sie gegen Sonne und Wein eingetauscht. Trotz ihres Rufes, am Strand immer die ersten zu sein, haben die Deutschen solchen Hedonismus nicht immer ganz unkritisch gesehen. Vielleicht ist Hannover deshalb doch gar nicht so unattraktiv für den Kanzler."

Und auch "Der Bund" (Bern) beschäftigt sich mit dem deutsch-italienischen Zerwürfnis:

"Die Verunglimpfungen von Ministerpräsident Berlusconi und Staatssekretär Stefani sind in der Tat lächerlich und die Umfragen nicht wirklich ernst zu nehmen. Aber sie zeigen gleichzeitig, wie wenig es auch nach 50 Jahren Frieden und europäischer Friedenspolitik braucht, um nationalistische Ressentiments wieder zu wecken. Wer hätte das gedacht."