Presseschau "Feige in die weiß-blauen Büsche"

Mit viel Häme haben die Zeitungen die Entscheidung von Edmund Stoiber kommentiert, nicht in Angela Merkels Kabinett einzutreten, sondern in München zu bleiben.


"Bild"-Zeitung:

"Der eine (Müntefering) begeht Polit-Harakiri, der andere (Stoiber) kneift und schlägt sich feige in die weiß-blauen Büsche. Das unrühmliche Ende einer Dienstfahrt von München nach Berlin und wieder zurück. Und Angela Merkel? Keiner weiß, wohin für sie die Reise geht: Ins Kanzleramt oder ins politische Nirwana? Seit Schröders Neuwahl- Coup vom Mai regiert in Berlin das Chaos. BRD - Bananenrepublik Deutschland! Ohne Rücksicht auf das Land, das ungebremst an die Wand fährt, werden Verantwortungslosigkeit, Feigheit, persönliche Eitelkeit, Kläglichkeit und Chaos zur Maxime politischen Handelns erhoben. Deutschland kann sich seine Politiker nicht aussuchen. Aber es hätte gewiss bessere verdient! Solche, die nicht fragen, was das Land für sie tun kann - sondern die fragen, was sie für das Land tun können. Es stinkt in Berlin - und zwar gewaltig!"

"Welt": "Deutschlands politischer Apparat verrät Züge eines Hühnerhaufens. Der großen Koalition bröckelt das Führungspersonal weg, eine Art Ego- Shooting sucht die Volksparteien heim. Die SPD windet und wendet sich gegen ihren Vorsitzenden. CSU-Chef Stoiber zieht sich gekränkt aus Berlin zurück, angeblich weil sein sozialdemokratischer Seelenverwandter Müntefering geht, der doch nicht geht. Bemerkenswert ist der Grad an persönlicher Eitelkeit, der den überreizten Reaktionen zugrunde liegt. Allerdings sind die Ereignisse auch symptomatisch für ein Land, dessen politische Klasse nicht an einem Übermaß an Bodenhaftung leidet. Dem Volk wird wenig zugetraut. Die Spitzenfunktionäre folgen den Regungen ihrer Apparate lieber als den Pflichten zur Regierungsbildung."

"taz": "Dass Stoiber die 24 Stunden der Unsicherheit über Franz Münteferings Eintritt in ein künftiges Bundeskabinett zum schnellen Absprung nach München nutzte, ist vor allem ein Unglück für ihn selbst und in zweiter Linie für die Bayern, aber keineswegs im Hinblick auf Berlin. So nachhaltig wie einst Franz Josef Strauß wird er den Gang der Berliner Regierungsgeschäfte von der bayerischen Staatskanzlei aus gar nicht stören können. Dafür ist sein politisches Gewicht durch das Hin und Her um den möglichen Wechsel nach Berlin allzu sehr geschrumpft. Nach dem monatelangen Egotrip wird Stoiber vollauf damit beschäftigt sein, die Lage in München wieder unter Kontrolle zu bekommen. Dauerhaft wird ihm das wohl kaum gelingen."

"Neue Osnabrücker Zeitung": Stoiber "Welch klägliches Ende einer Dienstfahrt: Da steht er nun, 'der Stoiber Edmund', zerzaust vom rauhen Berliner Wind, und wärmt sich erst einmal am heimeligen bayerischen Herd. Doch wahre Freude über den Rückkehrer will nicht aufkommen. Dafür hat das Hin und Her über einen Wechsel in die Bundesregierung zu viele Nerven zermürbt - und dem Ansehen des angeblich doch so starken Bayern zu schweren Schaden zugefügt. Schließlich kehrt kein bajuwarischer Triumphator der Bundespolitik den Rücken, sondern ein Mann, der schon als «Oskar von der Isar» verspottet wird. Zu Recht. Denn statt für seine Positionen zu kämpfen und wenigstens einen Hauch von Risikobereitschaft zu zeigen, ist er - wie einst Lafontaine - beim kleinsten Gegenwind eingeknickt und überlässt das schwierige Geschäft in Berlin nun anderen. Alles Herumreden nutzt nichts: Dies ist einfach feige."

"Lübecker Nachrichten": "Was für eine Eierei. Was für eine blamable Vorstellung. Lafontaine hat's ja wenigstens versucht, ehe er verlogen stiften ging. Aber Edmund Stoiber? Zum Gotterbarmen. Nein, so einen können wir nicht gebrauchen in Berlin, wenn es darum geht, mit kraftvollen, mutigen Strichen Perspektiven für dieses Land aufzuzeichnen. Zwei Schritte vor, drei zurück, das hatten wir lange genug. Wolfratshausen, Gemeinderat, das wäre vielleicht die richtige Aufgabe - falls er sich denn dafür entscheiden könnte."

"Münchner Merkur": "Manch einem, der jetzt mit dem nervigen Hin-und-Her hadert, wird Stoibers Entscheidungs-Logik verschlossen bleiben. Dabei liegt sie glasklar auf der Hand. Hier hat nicht Bayerns Ministerpräsident entschieden, sondern der Parteichef der CSU - einer, dem der wichtigste Partner in der Großen Koalition unverschuldet abhanden kam. Das geplante Bündnis in Berlin ist nun erheblich labiler geworden, weil sich neue Hintertüren eröffnen. Schon bisher war ja zu sehen, dass auf den Tischen verhandelt, unter ihnen aber Schwarze Peter ausgetauscht wurden. Stoiber konnte sich auf dieses Spiel nicht länger einlassen, weil mit der SPD das Risiko für ihn unkalkulierbar wurde. Nun kehrt der Kopf der bayerischen Politik zurück. Vieles hat sich in dieser Zeit verändert - Edmund Stoiber, aber auch die CSU. Es bleibt spannend."

"Salzburger Nachrichten": "Der Bayer Edmund Stoiber (hat) endlich das getan, was er schon seit langem tun wollte. Er hat einen Vorwand gefunden, um sich aus der Regierungsverantwortung davonzuschleichen. Jetzt will er sich wieder in seiner Münchner Staatskanzlei zurücklehnen und die Regierungspolitik in Berlin kommentieren. Stoiber trägt ein gerüttelt Maß an Schuld am mageren Wahlergebnis der Unionsparteien bei der Bundestagswahl. Er konnte es nicht ertragen, dass er als Minister unter dem Kommando Angela Merkels stehen sollte. Kein Wunder, dass er die erstbeste Gelegenheit ergriff, um Berlin wieder zu verlassen."



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