Presseschau zum Schröder-Adieu "Sag zum Abschied leise basta"

Schröders Abschied vor Gewerkschaftern ist heute Gegenstand vieler Zeitungskommentare. In die Würdigung seiner Leistungen mischt sich auch Kritik. Der Grundtenor lautet jedoch: "Nach dem Ein-Mann-Wahlkampf der perfekte Verhandlungs-Poker mit Schröder-Joker."


"Die Welt"

(Berlin)

Schröder mit Tränen in den Augen: "Das war's also"
AP

Schröder mit Tränen in den Augen: "Das war's also"

"Anstatt in einem letzten, optimistischen Appell den Stolz der Arbeitnehmer wachzukitzeln, die sich nichts mehr schenken lassen wollen, fordert Schröder ein weiteres Mal, dass nun der Zumutungen genug sei. Sportlich wäre es gewesen, jetzt, da seine Partei in eine Große Koalition steigt, für diese zu werben, nicht nur als Notbehelf, sondern als echte Chance für die Republik. Statt noch einmal wirklich für die Reformen zu kämpfen, die er mutigerweise angefangen hat, und sie seinen Nachfolgern in die Hände zu legen, signalisiert der Bundeskanzler, dass nach ihm welche kommen, mit denen ein härterer Wind wehen wird. Auch Amerika kriegt noch mal einen mit. Feigheit vor dem Freund könnte man so etwas nennen. Echte Loyalität sieht jedenfalls anders aus."

"Neue Presse" (Hannover)

"Sag zum Abschied leise basta Das war's also. Kanzler Schröder hat sein Machtwort in eigener Sache gesprochen: Wie zunächst er selbst müssen nun seine Anhänger, seine Wähler, seine Partei begreifen, dass die Zeit des Hannoveraners in der Berliner Regierung abgelaufen ist. Er sei mit sich im Reinen, heißt es von Schröder. So entspannt wie er gestern hat wohl noch kein deutscher Kanzler Abschied von der Macht genommen. Schröder reklamiert für sich, die Weichen für Deutschland in die richtige Richtung gestellt zu haben. Das ist nicht viel, mag man sagen, wenn man die tatsächliche Lage des Landes analysiert. Das war entscheidend, wird man sagen, wenn andere den Weg konsequent weiter gehen."

"Rheinpfalz" (Ludwigshafen)

"Den größten Fehler hat Schröder gleich zu Beginn seiner Kanzlerschaft gemacht. Er hatte erkannt, dass er mit einer Sozialdemokratie, die sich ängstlich gegen jede Veränderung sperrte, schlecht werde regieren können. Sein Versuch, mit Hilfe des britischen Freundes Tony Blair das Programm seiner SPD zu reformieren, ist gründlich misslungen. Der Versuch war dilettantisch vorbereitet damals, gewiss. Aber einen neuen Anlauf hat Schröder, der bald darauf auch Parteichef wurde, nie unternommen, und deshalb musste er immer stärker gegen seine SPD anregieren, mit wachsendem Verdruss auf beiden Seiten. Das ist der Grund, warum er am Ende an der SPD gescheitert ist. Darüber kann auch die wunderliche Schröder-Romantik in diesen Tagen nicht hinwegtäuschen."

"Westfälischer Anzeiger" (Hamm)

"Wortwahl wie Szenario zeigen ein nach wie vor feines Gespür für Inszenierungen. Schröder war es, der die SPD mit seinem Reformkurs der Agenda 2010 fast spaltete, im offenen Streit nicht zuletzt mit den Gewerkschaften sogar den Vorsitz der Partei abgeben musste; für ihn persönlich die schmerzlichste Niederlage. Jetzt machte der nach eigenem Gefühl zu Unrecht Unverstandene an 'seiner' Basis Klarschiff: im Kreis jener Gewerkschaft, die ihm auch dann die Treue hielt, als sich viele von ihm abwandten. Ein Stück Symbolik, ein verzeihlicher Hauch von Dramatik. Dagegen steht das fast geschäftsmäßige Echo aus einer Partei, die weiter (mit-) regieren will und den Blick allein nach vorn richtet. Politik ist schnell; zumindest dann, wenn es um Abschiede geht."

"tz" (München)

"Gerhard Schröders Abschieds-Auftritt vor den Gewerkschaftern hatte die richtige Mischung aus Witz und Wehmut, wahrte die Balance zwischen stolzem Blick zurück und Treueschwur für die neue Regierung. Selbst wenn Schröder bei seinem "suboptimalen" TV-Auftritt in der Berliner Runde am Wahlabend noch glaubte, Kanzler bleiben zu können kurz danach musste auch ihm klar gewesen sein, dass es jetzt nur noch um den geglückten Abgang geht. Konkret: Rausholen für die SPD, was geht! Nach dem Ein-Mann-Wahlkampf der perfekte Verhandlungs-Poker mit Schröder-Joker: Der von seiner Partei nie wirklich geliebte Kanzler hat am Ende alles für sie gegeben. Joschka Fischer ging als Individualist, Schröder als Parteisoldat."

"Abendzeitung" (München)

"Das Stellengesuch 'Vizekanzler verzweifelt gesucht', das von der SPD derzeit fleißig geschaltet wird, ist ein Beleg dafür, wie sehr die Nachwuchspflege in der Ära Schröder vernachlässigt worden ist. Zwischen fahlen Altvorderen wie Struck und Schily und nassforschen Jungen wie Frau Nahles gähnt eine riesige Lücke. Jenseits aller Personalfragen wird es übrigens Zeit, dass Union und SPD endlich ihre Koalitionsverhandlungen aufnehmen. Dann haben die einigermaßen kindischen Scharmützel um die Richtlinienkompetenz der Kanzlerin hoffentlich ebenso ein Ende wie die albernen Veitstänze, die führende SPD-Politiker um die Wahl Angela Merkels herum aufführen."



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