Pressestimmen zur Ehe für alle "Dilemma des Konservativen"

In der deutschsprachigen Presse sind die Meinungen zur Ehe für alle geteilt. Ein Überblick über die Kommentare zur Parlamentsentscheidung.

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Die "Süddeutsche Zeitung" ("SZ") kommentiert, zwar sei die Ehe für alle längst überfällig gewesen. Allerdings verschärfe sie ein lange ignoriertes Problem: die Privilegierung ausschließlich jener Paare, die heiraten. Denn nur sie würden vom Staat unterstützt, nur sie könnten ein Kind adoptieren, nur sie hätten ein Informationsrecht, etwa wenn der Partner in einem Krankenhaus behandelt werden müsse. Wer diese Vorteile nutzen wolle, müsse heiraten. Das ist für die "SZ" aber keine Gleichstellung, sondern Bevormundung. Stattdessen sollten die Privilegien auch auf jene Menschen ausgeweitet werden, die ohne Trauschein zusammenleben, so die Forderung.

In einem weiteren Kommentar schreibt die "SZ", das neue Gesetz nehme den heterosexuellen Ehen nichts und gebe den homosexuellen Paaren endlich die volle Anerkennung. Man werde sich wahrscheinlich schon bald wundern, dass das hierzulande jemals anders war, "so wie man heutzutage staunt, dass Frauen einst ihren Mann um Erlaubnis fragen mussten, wenn sie arbeiten gehen wollten".

Auch die "Tageszeitung" in Berlin ist der Meinung, das längerfristige Ziel müsse sein, die Eheprivilegien abzuschaffen. Auf dem Weg dahin sei die Gleichstellung von homosexuellen Paaren ein Erfolg im Sinne eines erreichten Etappenziels.

Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" bedauert, dass die Nein-Sager zur Ehe für alle nach der Abstimmung in die Rolle der Besiegten versetzt seien, "die künftig um Respekt für ihren Standpunkt geradezu flehen" müssten. Merkel sei nun Vertreterin einer neuen Minderheit, die es akzeptiere, dass die Gesellschaftspolitik über sie hinweggegangen sei. "Darin steckt nicht der Untergang des Abendlandes, sondern das Dilemma des Konservativen", so die "FAZ".

Die "Berliner Zeitung" erinnert daran, dass Männer, die Männer liebten, bis 1969 in der damaligen BRD nach Paragraf 175 im Strafgesetzbuch noch ins Gefängnis geworfen wurden - den Paragrafen gab es bis 1994. Der Kampf für Gleichberechtigung sei lang und noch lange nicht zu Ende, aber der Autor Nikolaus Bernau schreibt: "Am Freitag um neun Uhr fühlte ich mich nicht nur als vollgültiger Bürger dieser Republik. Zum ersten Mal in meinem Leben war ich es vor Gesetz und Staat auch wirklich."

"Die Zeit" räumt den Zweifeln von Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU) Platz ein: Dieser rechnet damit, dass das Gesetz zur Einführung der Ehe für alle vor dem Bundesverfassungsgericht landen werde. Die Begründung: Noch sei nicht geklärt, ob diese tatsächlich verfassungsrechtlich zulässig sei.

Merkel im Video: "Ich habe nicht zugestimmt!"

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hei

insgesamt 36 Beiträge
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frankenbaer 01.07.2017
1. Sz
Mein Gott, SZ, geht es auch eine Nummer kleiner?
Herkules67 01.07.2017
2. mein Kommentar zur SZ
Stimmt, die ständige Bevormundung vom Staat ist unerträglich, ich muss einen Führerschein machen, um Auto fahren zu dürfen, brauche einen Pass, um ins Ausland reisen zu können, eine Krankenversicherung, um zum Arzt zu gehen. Eigentlich besteht mein ganzes Leben aus Bevormundungen, wie gemein.......
bakero 01.07.2017
3.
Zitat von Herkules67Stimmt, die ständige Bevormundung vom Staat ist unerträglich, ich muss einen Führerschein machen, um Auto fahren zu dürfen, brauche einen Pass, um ins Ausland reisen zu können, eine Krankenversicherung, um zum Arzt zu gehen. Eigentlich besteht mein ganzes Leben aus Bevormundungen, wie gemein.......
Der Vergleich hinkt... hier stellt der Staat die Ehe vor alle anderen Beziehungsmodelle. Obwohl die Ehe nicht im geringsten automatisch für eine bessere Qualität des Zusammenlebens steht – weder für die Partner noch die möglichen Kinder. P.S. Einen Pass brauche ich in Europa nicht unbedingt und auch den Arzt "darf" ich bar bezahlen.
Immanuel K. 01.07.2017
4. Es fällt mir tatsächlich...
...manchmal schwer, nicht ein wenig (Schaden-)Freude zu empfinden, wenn gesellschaftliche Entwicklungen anders laufen, als es diejenigen gerne hätten, die auch jahrhundertelang behauptet haben, die Sonne drehe sich um die Erde... Das ist ja gerade in letzter Zeit, weltweit gesehen, eher die Ausnahme.
Rosenhag 01.07.2017
5.
Der heilige Bund der Ehe, und was der deutsche Staat so treibt sind sowieso völlig verschiedene Dinge.
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