Presseschau zur Wulff-Erklärung "Ein Befreiungsschlag sieht anders aus"

Die Erklärung von Christian Wulff in der Kreditaffäre sollte Ruhe bringen - Vertreter der schwarz-gelben Koalition fordern ein Ende der Debatte. Doch reichen die Worte des Bundespräsidenten aus, um einen Schlussstrich zu ziehen? Die deutsche Presselandschaft ist gespalten.

Bundespräsident Christian Wulff: "Das hätte ich vermeiden können"
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Bundespräsident Christian Wulff: "Das hätte ich vermeiden können"


Berlin - Sein Hausdarlehen und zu enger Kontakte mit reichen Unternehmern in seiner Zeit als Ministerpräsident in Niedersachsen brachten Christian Wulff ins Dauerfeuer der Kritik - am Donnerstag hat sich der Bundespräsident für seinen zögerlichen Umgang mit der Kreditaffäre entschuldigt. Nach der persönlichen Erklärung soll nun Ruhe einkehren. Die Union versucht, die Debatte zu entschärfen. Doch die Opposition beharrt weiter auf detaillierter Aufklärung.

Doch reichen die Worte Wulffs aus, um einen Schlussstrich unter die Affäre zu ziehen? Die Kommentatoren deutscher Zeitungen sind geteilter Meinung.

Die "tageszeitung" lobt Wulff dafür, dass er sich offen entschuldigt habe. Wulff sei "sehr weit gegangen, dass muss man ihm zugutehalten. Die Frage ist, ob dieses späte Eingeständnis reicht, um das Vertrauen der BürgerInnen wiederzugewinnen." Wulff sei nun ein "Bundespräsident, den viele nicht mehr ernst nehmen werden, wenn er über Schulden, Finanzkrise oder Moral in der Politik redet".

Die "Stuttgarter Nachrichten" geißeln das mediale Dauerfeuer der vergangenen Tage: "Nie seit Gründung der Bundesrepublik war es hierzulande leichter, selbst auf dünnster Faktenbasis ein öffentliches Amt und seinen Inhaber zu ramponieren."

Für die "Aachener Zeitung" kommt Wulffs Erklärung zu spät: "Hätte er diese Erklärung vor einer Woche oder zehn Tagen abgegeben, man hätte es mit 'Alle Achtung!' aufgenommen. Die Sache wäre längst erledigt. Den richtigen Zeitpunkt hat Wulff verpasst. Deshalb wird es mit dem neuen Respekt noch dauern."

Ähnlich urteilt die "Neue Osnabrücker Zeitung: Wulff habe mit seiner Erklärung lediglich Zeit gewonnen. "Er war ein Getriebener, und er wird vorerst ein Getriebener bleiben. Die Recherchen über sein Privatleben werden vermutlich ebenso weitergehen wie die Forderungen an ihn. Ein Befreiungsschlag sieht anders aus als eine Erklärung, die viele Fragen offenlässt."

Die "Kieler Nachrichten" sehen den "enormen" Druck, der auf Wulff lastet, als Hauptmotiv für dessen Auftritt am Donnerstag. "Ein Rücktritt Wulffs wäre eine Katastrophe für die Koalition gewesen, nicht nur, weil ihr mittlerweile in der Bundesversammlung die Mehrheit fehlt. Die Erosion von Angela Merkels Machtbasis wäre für alle offenbar geworden. Wulff hat sich Entlastung verschafft. Aber Autorität und Glaubwürdigkeit bleiben beschädigt. Mit einer Erklärung in letzter Minute ist das nicht zu reparieren."

Für die "Nürnberger Nachrichten" ist Wulffs Erklärung kaum mehr als heiße Luft: "Wie kann ein Profi wie Wulff, der etliche gewichtigere Skandale anderer Politiker mit steilst erhobenem moralischen Zeigefinger kommentiert hat - wie kann ausgerechnet er, ausgerechnet im höchsten Amt, ernsthaft erwarten, er käme durch mit der von ihm gewählten Taktiererei?", empört sich die Zeitung.

Die "Süddeutsche Zeitung" hält Rücktrittsforderungen für überzogen. "So unappetitlich manches an der Kredit-und-Amigo-Affäre ist, so wenig taugt sie als hinreichender Rücktrittsgrund vom Amt des Bundespräsidenten."

Eine kleine Medienkritik übt die "Frankfurter Allgemeine Zeitung": "Als der Bundespräsident vor die Presse trat, lief in der ARD 'Sturm der Liebe', im ZDF 'Topfgeldjäger'. Mit Wulffs Erklärung hatte das öffentlich-rechtliche Fernsehen augenscheinlich nicht mehr gerechnet", kommentiert die FAZ. Wulff habe keine andere Wahl gehabt, als jetzt in die Offensive zu gehen: "Seine Stellungnahme in eigener Sache war unausweichlich geworden, nachdem er sich entschieden hatte, in seiner Weihnachtsansprache nicht darüber zu sprechen."

Für die "Frankfurter Rundschau" bleiben allerdings viele Fragen offen: "Was hat der Bundespräsident zur Sache gesagt? Hat er gesagt, es sei falsch gewesen, private Kredite anzunehmen? Es sei falsch gewesen, sich in luxuriöse Urlaubsdomizile einladen zu lassen? Nein. Das zeigt, dass Wulff nur die Hälfte verstanden hat. Er wird vielleicht in Zukunft vorsichtiger sein. Wirklich klüger ist er nicht."

Die "Welt" sieht in Wulffs Kreditaffäre ein misslungenes Finale für 2011 - es gäbe nach einem Jahr mit Arabischem Frühling, der Katastrophe von Fukushima und der Euro-Krise weit Wichtigeres zu tun, schreibt die Zeitung. "Es war gewissermaßen ein großes Jahr. Es ist ein Jammer, dass es in Deutschland so klein endet: mit einer Affäre, in der es um private Unsauberkeiten, dubiose Freundschaftsnetze und Verstocktheit geht (...) Gerade angesichts der gewaltigen Aufgaben, vor denen wir stehen, ist die Beschädigung des höchsten Amtes im Staat das Letzte, was wir jetzt brauchen. Es ist aber beschädigt. Christian Wulff hat nicht heilen können, was er heilen wollte."

amz

insgesamt 57 Beiträge
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Seite 1
RaMaDa 23.12.2011
1. Belügen Sie das Volk nicht länger!
Zitat von sysopDie Erklärung von Christian Wulff in der Kreditaffäre sollte Ruhe*bringen -*Vertreter der schwarz-gelben Koalition*fordern ein Ende der Debatte.*Doch reichen die Worte des Bundespräsidenten aus, um einen Schlussstrich zu ziehen? Die deutsche Presselandschaft ist gespalten. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,805522,00.html
--------------------------------------------------------------------- Wir, das Volk, sollten entscheiden, ob und wann Herr Wulff eine glaubhafte Antwort auf die offenen Fragen gegeben hat oder nicht. Für mich persönlich ist Herr Wulff so jedenfalls nicht mehr tragbar.
tollhans 23.12.2011
2. Keine Lösung
Eine "Klärung" in der Weihnachtsansprache wäre oberpeinlich und ein Eingeständnis von Getriebenheit gewesen. Eine "normale Weihnachtsansprache verbot sich angesichts der Vorwürfe. Sie hätte zu einer Dauerdebatte geführt. Also musste *vor* Weihnachten Entlastung her. Ohne wirklich etwas zuzugeben. Diese ebenso verzweifelte wie unverfrorene Reaktion wurde von den Hilfstruppen flugs zum Befreiungsschlag umgedeutet. Und musste wegen dieser maßlosen Übertreibung daneben gehen. Es wird keine Ruhe geben.
brasilpe 23.12.2011
3. Überzogen?
Zitat von sysopDie Erklärung von Christian Wulff in der Kreditaffäre sollte Ruhe*bringen -*Vertreter der schwarz-gelben Koalition*fordern ein Ende der Debatte.*Doch reichen die Worte des Bundespräsidenten aus, um einen Schlussstrich zu ziehen? Die deutsche Presselandschaft ist gespalten. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,805522,00.html
die "Süddeutsche" hällt Rücktrittsforderungen für überzogen. Handelte es sich um den Ministerpräsidenten eines Bundeslandes o.ä. könnte ich mich ihr anschließen. Bei einem Bundespräsidenten nicht. Die Väter des Grundgesetzes wollten keinen "Grüßaugust", bei dem es nicht so darauf ankommt. Nach dem Grundgesetz ist der Bundespräsident der höchste Repräsentant unseres Staates und als solcher gedacht auch als eine moralische Institution. Eine Figur, die den Durchschnitt unserer Republik abbildet, reicht an dieser Stelle nicht. Das hat die Bundeskanzlerin leider nicht erkannt oder, was ich eher annehme, aus Machtinteresse bewußt beiseite geschoben. Die Bundeskanzlerin ist in meinen Augen, leider, die Hauptschuldige dieser tiefgreifenden Krise, und durch Vertrauensbekundungen am laufenden Band hat sie alles nur noch schlimmer gemacht.
lena65 23.12.2011
4. Ja, die Worte reichten aus
Zitat von sysopDie Erklärung von Christian Wulff in der Kreditaffäre sollte Ruhe*bringen -*Vertreter der schwarz-gelben Koalition*fordern ein Ende der Debatte.*Doch reichen die Worte des Bundespräsidenten aus, um einen Schlussstrich zu ziehen? Die deutsche Presselandschaft ist gespalten. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,805522,00.html
Ja, Christian Wulffs Worte reichten aus, um einen Schlussstrich zu ziehen. Ich freue mich, dass Bettina Wulff auch in den kommenden Jahren weiterhin Bundespräsidentin sein wird, und die im Grunde ausschließlich von Männern geführte Debatte (ich weiß auch nicht, was die immer haben ...) nun endlich zu Ende kommt. Ich wünsche allen ein ruhiges und gesegnetes Weihnachtsfest und der Familie Wulff einen wunderschönen Urlaub im Geerkens-Anwesen in Florida.
phboerker 23.12.2011
5. ...
Wulff ist kein Präsident des Volkes, sondern ein Produkt der schwarz-gelben Tagespolitik. Er repräsentiert damit höchstens die aktuelle Regierung. Wie könnte man da schon moralische Vorbildfunktion erwarten? Klebrige Finger und Unschuldsmiene passen da schon besser.
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