Pressestimmen "Der Kanzler konnte Ängste zerstreuen"

Die Rede von Gerhard Schröder zum Jahrestag des Warschauer Aufstandes ist in der polnischen, französischen, britischen und deutschen Presse überwiegend positiv aufgenommen worden. SPIEGEL ONLINE dokumentiert die Kommentare von ausgewählten Zeitungen:


"Rzeczpospolita" (Warschau)

"Die Ansprache von Bundeskanzler Schröder auf dem Platz der Aufständischen war besonders erwartet worden. Die Beziehungen zwischen unseren Ländern sind die schlechtesten in der kurzen Geschichte der III. Republik (seit 1989), und mehr noch, die Gespenster der Vergangenheit erhoben sich erneut, ob in Form des provozierenden Projekts des Zentrums gegen Vertreibungen in Berlin oder in Form von Entschädigungsforderungen gegen Polen. In dieser Hinsicht konnte die eindeutige Rede des Kanzlers alle Ängste zerstreuen. (...) Gleichzeitig erklangen Worte der Anerkennung der deutschen Schuld und Verantwortung für den Krieg, in dem Polen Opfer war."

"Dernières Nouvelles d'Alsace" (Paris)

"Sicherlich unterstreicht dieser Besuch den Geist der Versöhnung, der in Europa herrscht. In seinen Worten geht der Kanzler indessen über die Symbolik noch hinaus. Seine Rede zeugt von wahrhaftigem Mut angesichts der politischen Lage in Deutschland. Mit ein paar Worten hat der Regierungschef die Ansprüche der Vertriebenen hinweggefegt. Obwohl an die Polen gerichtet, werden seine Worte auch in Tschechien ein Echo finden. Seit langem werfen ähnliche Ansprüche der Sudetendeutschen ihren Schatten auf die Beziehungen zwischen Prag und Berlin. In Warschau hat Schröder am Sonntag zweifellos das letzte deutsche Kapitel, den Zweiten Weltkrieg betreffend, abgeschlossen."

"The Times" (London)

"Gerhard Schröder hat versucht, eines der blutigsten Kapitel der europäischen Geschichte abzuschließen, indem er deutsche Scham angesichts der Ermordung hunderttausender Polen während des Warschauer Aufstands von 1944 bekundet hat. Die kurze Rede hat viele, wenn auch nicht alle Polen zufrieden gestellt. Der Zorn über die deutschen Kriegsmassaker scheint abzunehmen. Die Zehntausenden von uniformierten Veteranen, die sich durch das Zentrum von Warschau bewegten, äußerten sich vor allem verbittert über Russland. (...) Während das moderne Deutschland neue Brücken gebaut hat, indem es sich entschuldigte und seine Verbrechen offen diskutierte, wird der Aufstand in russischen Schulbüchern kaum erwähnt."

"The Daily Telegraph" (London)

"Bundeskanzler Gerhard Schröder hat eine leidenschaftliche Entschuldigung für das "unendliche Leid" der Polen vorgetragen. Seine Anwesenheit wird als wichtiger Schritt im Versöhnungsprozess der ehemaligen Feinde betrachtet. Die gestrigen Versöhnungsversuche wurden jedoch von polnischen Ängsten wegen des zunehmenden Einflusses von Interessengruppen jener Deutscher überschattet, die ihr Land verloren, als sie am Ende des Krieges vertrieben wurden oder flohen. Sie fordern jetzt Wiedergutmachung. Schröder stand deshalb unter großem Druck, dieses Thema anzuschneiden, und versicherte den Polen in einer lang erwarteten Ankündigung, dass die Regierung die Vertriebenenforderungen nicht unterstützen wird."

"Frankfurter Rundschau"

"Verneigung vor den Opfern und Helden des Warschauer Aufstands, Scham über die Verbrechen Nazi-Deutschlands, klare Absage an materielle und ideelle Relativierungsforderungen, Hoffnung auf eine gedeihliche Partnerschaft in der Europäischen Union? Es war ein Pflichtprogramm, das der Bundeskanzler in seiner Warschauer Rede absolviert hat. Pflicht nicht im Sinne einer lästigen Formvorschrift, sondern im Sinne der Gebote "HS1" historischen Anstands. Dieser Pflicht hat sich Gerhard Schröder in angemessener Weise unterzogen. Es spricht nicht gegen den Kanzler, es spricht allenfalls für frühere Repräsentanten des deutschen Staates, dass er an dieser Stelle und bei dieser Gelegenheit nichts grundstürzend Neues zu sagen hatte. ... Die vom Kanzler mit erfreulicher Deutlichkeit vorgenommene Distanzierung von Ansprüchen aus dem Vertriebenenlager wird standhalten und sich bewähren müssen, wenn es in den kommenden Wahlkämpfen um Stimmen geht."

"Stuttgarter Zeitung"

"Scham und Schande sind abgegriffene Vokabeln, wenn es um die Benennung von Schuld der Deutschen in der Vergangenheit geht. Als Gerhard Schröder auf dem Platz der Warschauer Aufständischen sprach, klangen sie jedoch beklemmend aktuell. Der Kanzler verband seine Worte über Scham und Schande mit einer klaren, schnörkellosen und notwendigen Botschaft: Es darf keinen Raum mehr geben für Restitutionsansprüche aus Deutschland an Polen. Schröder sagte auch, beide Völker seien Freunde geworden. Gute Nachbarn mögen sie sein, doch von wirklicher Freundschaft sind beide noch weit entfernt. Vielleicht ist es dafür auch zu früh. Gerade deshalb war Schröders Erinnerung an deutsche Scham und Schande und seine Mahnung nach innen, die Geschichte nicht auf den Kopf zu stellen, so wichtig."

"Badische Zeitung"

Sollen deutsche Vertriebene in Polen Entschädigung beanspruchen dürfen? Vom Kanzler war dazu in Warschau ein klares Wort erwartet worden, und er hat es gesagt: Nein. Es wird Vertriebenenfunktionäre geben, die das wieder als Anbiederei denunzieren, Parteien, die es wahltaktisch ausschlachten und auch Betroffene, die von Schröder ehrlich enttäuscht sind. Das kann aber keinen Zweifel daran aufkommen lassen: Dieses "Nein" eines deutschen Regierungschef ist notwendig für eine gute Nachbarschaft der Deutschen zu ihrem zweitgrößte Nachbarvolk. Es ist deutsche Staatsräson und europäische dazu. Und ist es nicht auch historisch folgerichtig? (...) Es muss in der Entschädigungsfrage eine zentrale Rolle spielen, wer dieses arme Land 1939 überfallen hat, jahrelang besetzt hielt und am Schluss völlig verwüstet zurückließ - mit der prozentual höchsten Zahl an Toten aller am Krieg beteiligten Länder. Entschädigungsforderungen haben immer etwas mit Revanche zu tun..."

"Bild-Zeitung" (Hamburg)

"Manchmal ist es gut, auf seine Nachbarn zu hören. Der Bundeskanzler hat das in Warschau getan. Die Polen wollten ein klares Wort zu Vergangenheit und Zukunft. Schröder: Wir Deutschen wissen sehr wohl, wer den Krieg angefangen hat und wer seine ersten Opfer waren. Berlin hat Warschau einen Zukunftspakt angeboten. Etwas Besseres können wir gar nicht tun, wenn wir und die kommenden Generationen mit den Polen im Osten wie mit den Franzosen im Westen in guter Partnerschaft zusammenleben wollen. Der deutsche Kanzler 2004 hat sich an die weise Erkenntnis des ersten deutschen Bundespräsidenten, Theodor Heuss, gehalten: Es gibt keine kollektive Schuld der Deutschen, aber es muss eine kollektive Scham geben. Die Vertriebenen, die ebenfalls viel Leid haben ertragen müssen, werden nicht mit jedem Satz Schröders einverstanden sein. Der Verzicht auf Entschädigungsansprüche fällt ihnen schwer..."



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