Pressestimmen Schwäche des Leitwolfs

"Rückzug aus taktischen und persönlichen Gründen" lautet am Dienstag die Schlagzeile des in Wien herausgegebenen österreichischen Massenblattes "Kurier" über die Aufgabe des FPÖ-Vorsitzes durch den Rechtspopulisten Jörg Haider.

"Jetzt ist der Wechsel an der FP-Spitze vollzogen. Dass Haider geht, hat sicher nicht nur taktische, sondern auch persönliche Gründe. Für ihn und für seine Familie war die 'Belagerung' in einem Italo-Restaurant nach der Großdemonstration am Abend des 19. Februar ein Schock. Außerdem hat Haider seine Blamage beim 60.000-Schilling- Gehaltslimit nicht verwunden.

Das Schwächezeichen des freiheitlichen Leitwolfs könnte innerparteiliche Rivalen ermuntern, auf ihn loszugehen. Die Frage ist, ob und wann sich jemand aus der Deckung wagt. Mit Susanne Riess-Passer an der Spitze der FPÖ ist die Optik für Schwarzblau besser.(...)

Aber die Haider-Gegner sollten sich nicht zu früh freuen. Er wurde schon oft angezählt und hat sich immer wieder aufgerappelt. Es wäre kein Wunder, wenn der neben Kreisky erfolgreichste Politiker der 2. Republik ein triumphales Comeback feiert."

Die größte österreichische Zeitung, die in Wien herausgegebene "Kronenzeitung":

"Er war dem ärgsten Stress ausgesetzt. Dabei ist er sensibler, als man denkt. Wiederholt wollte er ja alles hinhauen. Wie er mit ein paar Sätzen weltweit Aufregungen verursacht, tut er das auch in seiner Partei. 'Schluss mit der Deutschtümelei!' oder 'Niemand von unseren Ministern und Abgeordneten darf mehr als 60.000 Schilling verdienen!' Das sind Sätze, die ihm auch in der eigenen Partei Schwierigkeiten machten. So proben dort schon seit einiger Zeit viele den 'Aufstand'. (...)

Wenn er aber wirklich geht, tut er es sicherlich nur in der Absicht, stärker an die Spitze zurückzukehren. Er weicht elastisch aus, doch wird sich erweisen, dass die Partei ohne ihn nichts ist; auch bevor er kam, war sie wenig. Auch de Gaulle hat sich einst in die Einsamkeit seines Dorfes zurückgezogen, um als 'Heiliger' erneut an die Macht geholt zu werden."

Die römische Tageszeitung "La Repubblica" kommentiert:

"Der Rücktritt Haiders signalisiert den ersten Erfolg der Europäischen Union, die in Sachen Politik nun fähig ist, über die rein technokratische Vision hinauszugehen, die lediglich auf dem Euro und wirtschaftlichen Parametern basiert. Die EU zeigt, dass sie in der Lage ist, jene moralischen Werte zu setzen, ohne die es nicht möglich ist, den qualitativen Sprung von Maastricht zur wirklichen politischen Union zu machen.

Seit Maastricht hat Europa versucht, sich eine Seele zu geben, hat es versucht, die kalten Regeln eines Vertrages zu beleben, der lediglich in der Lage ist, einen Bretterzaun nach außen zu errichten, aber nicht eine wirkliche Verfassung zu geben."

Der "Corriere della Sera" (Mailand) meint:

"Die Warnung Romano Prodis ('Macht Haider nicht zum Märtyrer') liegt noch in der Luft, und der Chef der österreichischen Rechtsaußen-Partei macht genau das, was Prodi befürchtet hat: Er macht sich zum 'Opfer' der ungerechten europäischen Diskriminierung, er stellt die 'Staatsräson' vor persönliche Belange, beweist 'Patriotismus', opfert sich, um der Regierung ein ruhigeres Arbeiten zu ermöglichen.

Man könnte aber in Europa und anderswo auch in Jubel ausbrechen und im Rückzug Haiders vom Vorsitz der FPÖ ein erstes wichtiges Ergebnis der Exkommunizierung von Seiten der Europäischen Union sehen. (...) Aber uns scheint, als habe Prodi Recht, und das heute noch mehr als vor einigen Tagen: Haider stoppt heute, um morgen besser voran zu kommen."

Die "Financial Times" (London) schreibt:

"Jörg Haider geht der Ruf voraus, einer der unberechenbarsten Politiker Europas zu sein. Ist sein Rücktritt der taktische Rückzug eines erfolgreichen Politikers? Oder ist es das Eingeständnis einer demütigenden Niederlage?

Haiders Beliebtheit ist seit Oktober gestiegen. Wenn jetzt Wahlen abgehalten würden, könnte die FPÖ zur größten Partei werden. Einige Beobachter sind der Ansicht, dass Haiders fortdauernde Kritik an der neuen Wiener Regierung nur ein taktischer Schritt war, um den Sturz der Regierung herbeizuführen und Neuwahlen zu veranlassen, bei denen die FPÖ einen triumphalen Sieg davontragen würde.

Haider ist jedoch geschickter als viele seiner politischen Feinde. Sein Rückzug aus dem Rampenlicht könnte Teil seines Plans sein, die Regierungsfähigkeit der FPÖ unter Beweis zu stellen."