Pressestimmen zu Exit-Vorschlägen "Die Ungeduld ist groß"

Die Professoren der Leopoldina raten in der Coronakrise zum schrittweisen Neustart des öffentlichen Lebens. Die meisten Kommentatoren begrüßen das - doch einer findet das Vorgehen "dreist".
Biergarten ohne Gäste: Wann ist der richtige Zeitpunkt gekommen, die Einschränkungen zu lockern?

Biergarten ohne Gäste: Wann ist der richtige Zeitpunkt gekommen, die Einschränkungen zu lockern?

Foto: Bernd Feil/M.i.S./ imago images/MiS

"Tagesschau" 

Die Wissenschaftler blicken aber auch auf die Schäden, die der Ausnahmezustand in anderen Teilen der Gesellschaft anrichtet. Auf die Gefährdung vieler Wirtschaftsbereiche durch den wegbrechenden Umsatz, oder auf den Stress in den Familien durch die zusätzliche Kinderbetreuung. Der Appell an die Politik lautet deshalb: Wenn die Gesellschaft all das aushalten soll, dann braucht sie eine klare Perspektive, wie lange. Und sie braucht Lockerungen der Auflagen überall da, wo das gefahrlos möglich ist.

Nachvollziehbarkeit ist wichtig bei allen Einschränkungen - und bald auch bei deren schrittweiser Aufhebung. Wenn die kleine Buchhandlung schließen musste und der Weinhändler nebenan offen bleiben durfte, dann hat das auch bisher niemand verstanden. Und es wird Zeit für eine vernünftige Regelung: Wo immer der ausreichende Abstand zwischen den Kunden und zum Personal gewährleistet ist, so heißt es in der Empfehlung der Leopoldina, sollen Geschäfte und auch Gastronomiebetriebe wieder öffnen dürfen. Auch den Publikumsverkehr auf Ämtern und Behörden kann man so gestalten, dass es eine Alternative gibt zum absoluten Shutdown.

"Frankfurter Allgemeine Zeitung" 

Die Leopoldina in Halle ist die "Nationale Akademie der Wissenschaften". Es wird in ihr aber nicht geforscht. Sie ist vielmehr eine Versammlung reputierter Professoren, die sich Politikberatung zutrauen. Ihre jüngste Stellungnahme zeigt, was das heißt. Es ist die dritte "Ad-Hoc-Stellungnahme" der Akademie zur Corona-Pandemie.

Ad hoc, das heißt: nicht auf Forschung beruhend. Wie auch anders, denn es gibt gar keine Forschung zu dem, wovon nun die Professoren dreist behaupten, sie hätten einen Begriff davon: die Wiederinbetriebnahme des öffentlichen Lebens. Tatsächlich versammelt ihr Text fast nur Allgemeinplätze, Wertebeschwörungen und wohlfeile Forderungen, die von Theologen, Werkstofftechnikern, Katalyseforschern und Sozialhistorikern unterschrieben worden sind.

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"Süddeutsche Zeitung"

Die Ungeduld ist groß und verständlich, die Fragen sind es auch: Wie lässt sich die Gesundheit der Schüler schützen, ihrer Eltern, Großeltern, Lehrer? Haben Abstandsregeln im Klassenzimmer eine Chance? Die Wissenschaftler der Leopoldina raten der Bundesregierung, die Schulen so früh wie möglich wieder zu öffnen. Das ist richtig, aber fast trivial - wann das ist, ist ja genau die Frage. Richtig, aber gar nicht trivial ist dagegen die Anregung, die Klassen schrittweise wieder aufzumachen, und zwar von unten nach oben. Denn je jünger die Kinder, desto weniger hilft die Technik - und desto mehr fehlt die Schule.

"Bild" 

Die besten Experten des Landes haben der Politik ein Zeugnis ihres Corona-Managements ausgestellt. Ihr Urteil: mangelhaft!

Seit Wochen verkündet die Regierung täglich die Zahl der Infizierten und Verstorbenen. Aber wie viele der Erkrankten nur leichte Symptome haben, ist völlig unklar. Wie viele der Verstorbenen tatsächlich an Corona gestorben sind, weiß niemand. Das Experten-Fazit über die Aussagekraft der Corona-Tests: "verzerrend".

Was für die Professoren außer Frage steht, sind hingegen die Konsequenzen der Corona-Maßnahmen: für die Wirtschaft, das soziale Gefüge und die Demokratie. Die "Leopoldina"-Studie ist ein Weckruf: Alle Zahlen müssen auf den Prüfstand gestellt, die Corona-Gefahr vernünftig eingeordnet werden. Denn eins steht fest: Jeder Tag Stillstand kostet Deutschland Milliarden von Euro, Tausende Arbeitsplätze - und, auch davor warnen die Experten, ein Stück Demokratie.

"Rheinpfalz", Ludwigshafen

Die in Deutschland erlassenen Beschränkungen im Kampf gegen die Corona-Pandemie wirken. Das haben die vergangenen Tage gezeigt. (...) Nun hat die Nationalakademie Leopoldina konkrete Vorschläge für eine Lockerung der Verbote auf den Tisch gelegt. Das ist auch gut so. Denn es ist wichtig, dass die Menschen einen Silberstreif sehen, dass sie bemerken, dass es aufwärts geht. Das ist wichtig, damit die Motivation der Bürger aufrecht erhalten wird. (...)

Was die Leopoldina am Montag vorgelegt hat, ist ein sehr durchdachtes Paket an Vorschlägen für den weiteren Umgang mit der Pandemie. Experten aus den unterschiedlichsten Gebieten haben sich dafür eingebracht und einen Konsens gesucht. Die Politik wird wohl kaum wagen, sich allzu weit davon zu entfernen. Aber das bedeutet nicht, dass sich jeder Vorschlag in der Praxis auch als sinnvoll erweisen wird. Das ist kaum zu erwarten angesichts dieser beispiellosen Krise. Daher wird es den Mut brauchen, sich immer wieder dort zu korrigieren, wo es nötig ist. So lässt sich der bestmögliche Weg durch diese schwere Zeit finden.

"Frankfurter Neue Presse"

Während frühere Generationen ganz selbstverständlich meistens zu Hause waren, ist das heute für viele ein schwer zu ertragender Ausnahmezustand. Wer aber als Erwachsener über das Leben zu Hause klagt, muss sich grundsätzliche Fragen stellen. Denn wenn seine Partnerschaft, seine Familie oder auch sein Single-Dasein sonst nur mit Dauer-Ablenkung zu ertragen ist, führt er das falsche Leben im vermeintlich richtigen. Die Ungeduld erwächst aus dem Unbehagen an der Gegenwart. Der Rückzug kann zur Quelle für Selbstreflexion, Kreativität und Geduld werden. Viele haben in der Zeit vor Corona jedoch verlernt, mit sich selbst allein zu sein - das liegt nicht nur an der Dauerpräsenz sozialer Medien. Auch das analoge Leben war darauf ausgerichtet, stets woanders zu sein, woanders zu essen, sich woanders zu treffen. All das soll und wird irgendwann wieder möglich sein - das Bedürfnis danach ist so groß, dass es immer einen Markt dafür geben wird. Die Krise wird uns also keinesfalls in die Steinzeit zurückwerfen. Aber, sofern wir gesund bleiben, hoffentlich auf uns selbst.

oka/dpa
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