Pressestimmen zum TV-Duell "Muster eines Boxchampionats"

Die Kommentatoren begrüßen es mehrheitlich, dass Kanzler und Kandidat erstmals ihre Kräfte in einem Fernsehduell messen. Doch nur die ausländischen Zeitungen wagen schon eine Prognose über dessen Ausgang.


Bild am Sonntag

"Am wichtigsten sind immer noch die Inhalte, nicht deren Verpackung oder die elegante Präsentation. Aber das Duell ist dennoch wichtig: Es erzeugt riesige Aufmerksamkeit in einem Wahlkampf, in dem bisher noch keiner keinem wehtun wollte. Noch ist unklar, wer am Ende als Sieger aus dem Studio kommt. Aber ein Gewinner steht jetzt schon fest: Es ist der Wähler, der mit dem spektakulären Schlagabtausch wieder Lust auf die deutsche Politik bekommt."

Aufwärmtraining: Schröder und Stoiber bei einem Streitgespräch in der Berliner Redaktion der "Süddeutschen Zeitung"
DPA

Aufwärmtraining: Schröder und Stoiber bei einem Streitgespräch in der Berliner Redaktion der "Süddeutschen Zeitung"

Süddeutsche Zeitung

"Das Duell ist eine Mischung aus Information und Show, aus Talkrunde und 'Wetten, dass...?' Man mag dies verwerflich finden, wenn man an den hehren Zielen des politischen Diskurses orientiert ist. Andererseits ist es einfach so, dass Spitzenleute in der Politik ihre Herausragenden Positionen nicht haben, weil sich große Programmatiker sind, sondern weil ihnen Dinge zu Eigen sind, über die andere nicht in dem Ausmaß verfügen: Charisma, Duchsetzungskraft, Intrigenbegabung, Überredungskunst und anderes mehr."

Frankfurter Allgemeine Zeitung

"Spannender könnte der Moment kaum sein, in dem der Wahlkampf mit dem "Fernsehduell" zwischen Schröder und Stoiber seinem ersten Höhepunkt entgegengeht. Man mag es bedauern, dass in der Mediendemokratie das parlamentarische Kräftemessen mit Geringschätzung gestraft wird, eine Inszenierung dagegen, die nach dem Muster eines Boxchampionats arrangiert wird, Millionen anzieht. Demokratie lebt nun einmal von Zuspitzung. Beide Kandidaten haben die Chance, die Stimmungen in Stimmen umzumünzen, wenn sie nicht um Sympathien buhlen, sondern Perspektiven eröffnen, auf die sich Wahlentscheidungen gründen lassen."

Frankenpost (Hof)

"Ein Schauspiel ist's, nicht mehr. (...) Zwei Männer werden vor Fernsehkameras zu ihrer Meinung über scheinbar wichtige Probleme befragt, und keiner von ihnen wird die ganze, reine Wahrheit von sich geben. Zweck des Auftritts ist es allein, nach außen besser zu wirken als der Kontrahent."

Nürnberger Nachrichten

"Ist der aktuelle Aufschwung von Schröder und seiner SPD ein Zwischen-Hoch, das leicht von den wenig erquicklichen Arbeitsmarkt- Daten verdrängt werden kann, die Anfang September in Nürnberg präsentiert werden? Oder beginnt mit der Flut eine tatsächliche Trendwende? Schröder wird jedenfalls keine Gelegenheit auslassen, sein wiedergewonnenes Image des Krisen-Managers zu pflegen - beim TV- Schlagabtausch, am nächsten Donnerstag bei der Bundestags- Sondersitzung zur Fluthilfe oder bei seinem Abstecher zum Umwelt- Gipfel von Johannesburg kurz darauf. Und es fällt Stoiber in der Opposition zwangsläufig schwer, solche Auftritte zu kontern. Dieses Dauer-Duell der Rivalen wird deshalb noch einmal spannend - und wohl auch wahlentscheidend."

Darmstädter Echo

"Wenn also mancher Bürger nach einem Vorwand gesucht hat, doch noch Schröders SPD zu wählen, könnte er ihn im Hochwasser gefunden haben. Und wer kein rechtes Bild von Stoiber besaß, der ist auch im Wahlkampf nicht schlauer geworden. Die Umfragen jedenfalls, die über Monate glauben machen wollten, die Wahl sei bereits entschieden, sind keinen Cent mehr wert. Nur beim Fernsehduell morgen hat Stoiber absprachegemäß das letzte Wort. Die Wahl selbst ist noch längst nicht entschieden."

Deister- und Weserzeitung (Hameln)

"Wie stellen sich die Spitzenbewerber dar? Das ist die Frage bei diesem mehr der Unterhaltung als der politischen Aufklärung dienenden Schlagabtausch. Dabei ist Stoiber zunächst einmal im Vorteil - nicht nur, weil er jenseits aller Worte mit dem Erfolgsbeispiel Bayern prunken kann, sondern auch, weil schon jeder weiß: Schröder macht im Fernsehen die bessere Figur, er kann glänzender reden, spritziger spotten und schöner lachen. Das ist nichts Neues mehr. Von Stoiber wird in diesem Duell von vornherein weit weniger verlangt, weil TV- Auftritte - man weiß es ja - nicht seine Stärke sind. Es reicht, wenn er einigermaßen gelassen bleibt und seine Sätze mit passenden Verben beendet. Und die Zuschauer? Prüfen die wirklich in ruhiger Unvorein- genommenheit? Natürlich nicht. Die meisten werden dem Kandidaten, den sie ohnehin bevorzugen, einen Bonus geben und bei ihm viele Schwächen übersehen, während sie dem anderen jeden Lapsus ankreiden."

Münchner Merkur

"Endlich treten auch bei uns die Kandidaten zusammen in den Fernseh-Ring. Gerhard Schröder oder Edmund Stoiber: Wer wird politischer Meister aller Klassen? Es fehlt nicht an ernst zu nehmenden Warnungen, dass sich die Demokratie mit dieser Verschauspielerung des Wahlkampfes auf ein gefährliches Gleis begibt. In keinem anderen Medium entfaltet die manipulierte Oberfläche eine ähnliche Dominanz wie im Fernsehen. Bei einem Kopf-an-Kopf-Rennen mit hoher Zahl unentschlossener Wähler können aus grotesken Nebensächlichkeiten im TV-Duell tatsächlich mitentscheidende Wirkungen auf die politische Stimmung entstehen. Dass dieser Effekt beide Kandidaten gleichermaßen treffen kann, macht die Sache nicht besser."

La Repubblica (Rom)

"Da stehen sich zwei extrem unterschiedliche politische Führer gegenüber. Der brillante Fernsehkanzler der Linken ist zum vierten Mal verheiratet, liebt gute Rotweine und italienische Herrenmode und hat eine sehr junge und unabhängige Ehefrau neben sich. (...) Der Herausforderer dagegen ist ernsthaft und mit dunkler Miene, Zeit seines Lebens mit ein und derselben Frau verheiratet und stets gleich angezogen, immer blau oder grau, wie es sich in München gehört. Aber sein Ansehen als vertrauenswürdiger politischer Führer hat sich durch sein Zögern während des Hochwassers verdüstert."

De Standaard (Brüssel)

"Der Wahlkampf wird in den fünf Wochen bis zum 22. September zunehmend eine Auseinandersetzung um Personen werden, was auch gute Neuigkeiten für Schröder sind. Nach den letzten Umfragen wollen 55 Prozent der Deutschen Schröder als Bundeskanzler, gegenüber 36 Prozent für Stoiber. Und vor allem in Ostdeutschland, wo aus historischen Gründen mehr Wechselwähler leben, kann Schröder punkten: Seit dem Fall der Mauer gibt es dort kaum noch eine Parteitreue."



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