Problemkiez Neukölln "Ich dachte, das ist cool"

In einem Moment bedrohen sie Journalisten, im nächsten zeigen sie sich reumütig - und bedrückt vom Leben im Ghetto. Wer sind die "bösen" Schüler der Rütli-Schule wirklich und was denken sie? Versuch einer Annäherung.
Von Yassin Musharbash und Sebastian Fischer

Berlin – Ein 14-jähriger türkisch-stämmiger Schüler erklärt einem russischen Fernsehteam gerade die Welt von Berlin-Neukölln. Nein, so schlimm wie von den Medien dargestellt seien die Probleme an "unserer Schule" wirklich nicht.

Der Reporter ist verdutzt: "Du kannst ganz offen zu uns sein, das wird nur in Russland gesendet."

Nein, sagt der Junge wieder, alles sei in Ordnung: "Unsere Lehrer kommen immer pünktlich in den Unterricht, dann reden sie mit uns." Der Reporter versteht Neukölln nicht mehr, es gehe doch um die Gewalttätigkeit der Schüler, nicht um die Lehrer, versucht er es ein letztes Mal. Der 14-Jährige darauf diplomatisch: "Unsere Schule ist eine Schule wie alle anderen auch", sicher, Probleme gebe es "ein bisschen, die muss man noch beheben, aber dann ist alles okay".

In Woche zwei des Skandals um die Berliner Rütli-Schule im Berliner Problembezirk Neukölln haben die Schüler viel gelernt übers Mediensystem und seine Funktionsweise. Rollen haben sich herauskristallisiert, manche Schüler zeigen sich als Rütli-Öffentlichkeitsarbeiter. Man dürfe nicht alles schlecht reden, sagen sie: "Immerhin geht es um unsere Ausbildungsplätze."

Für den Zehntklässler Walid* etwa geht es um alles, für den Sommer sucht er einen Ausbildungplatz: "Ich habe 30 Bewerbungen geschrieben, die sind alle abgelehnt worden", sagt er und dreht den Fernsehteams und Fotografen vor dem Schulgebäude den Rücken zu: "Kommste hier raus, biste morgen in 'B.Z'." Die einen haben Angst vor dem Berliner Boulevard, die anderen lassen sich in Macho-Posen ablichten. Den Fotografen kennen sie schon, "Schweinekotelett" nennen sie ihn. Walids Kumpel erzählt, dass ihm "so Fernsehleute Geld geben wollten, damit ich 'nen Mülleimer aus dem Fenster werfe".

"Ich bin eine Schande für meine Familie"

Was ist hier Spiel, was ist Show, was kann man glauben? Farid, Murad, Mehmet und Ali* verlassen die Rütli-Schule heute besonders schnell und nehmen sich keine Zeit für die Medien. Sie drehen sich nicht einmal um, als ihnen drei Polizeiwagen mit Blaulicht entgegen kommen, die zur Schule gerufen wurden, weil ein Fotograf sich bedroht fühlte. "Alter, diese Scheiße muss ein Ende haben", sagt der 16-jährige Farid und zieht seine drei Kumpels weiter. Farid hat das Gefühl, dass die Show langsam gefährlich wird: Gestern war er im Fernsehen zu sehen, auf einem Privatsender, wie er einem Kameramann Prügel angedroht hat. "Ich habe von meinem Vater so einen Ärger bekommen", erzählt er. "Ich bin eine Schande für meine Familie. Ich hätte das nicht tun sollen."

Warum hat er es dann getan?

"Ich weiß nicht, ich dachte, das ist cool", sagt er. 

Ghetto-Gangster mit schlechtem Gewissen: Ist das jetzt die neue Show? Oder ein Teil der Wirklichkeit? 

Farid, Murad, Mehmet und Ali gehören zu denen, die über Jahre daran mitgewirkt haben, dass die Lehrer der Rütli-Schule das Handtuch geworfen haben. "Man macht erst Faxen in der Grundschule, dann landet man auf der Hauptschule. Und wenn du merkst, dass du total verkackt hast, ist es zu spät und du machst weiter", erklärt Ali die typische Massivstörer-Karriere. So ähnlich geht es ihnen allen. Sie wissen, dass sie sich um ihre Chancen gebracht haben. "Alter, ich will nicht als Penner enden", sagt Mehmet. Aber dass er wohl nie eine Lehrstelle finden wird, weiß er auch.

"Mal ein Picknick, ohne Stress"

Wer eine oder zwei Stunden mit den vier Jungs durch Neukölln zieht, dem wird klar, dass es in dieser Gegend einfacher ist, in den Ärger abzugleiten, als ihn zu verhindern. Wer an Massenschlägereien nicht teilnehmen will, braucht hier manchmal ein Alibi. Sie alle haben Verwandte und Bekannte, die im Knast sitzen oder saßen: wegen Drogen, Raub, Körperverletzung. Ständig ziehen sie von einem Hauseingang in den nächsten, wollen nicht gesehen werden mit einem Journalisten oder einem Polizisten auffallen.

Die vier tragen Kapuzenpullis, Schirmmützen und Gold- und Silberkettchen. Doch das ist nicht etwa coole Ghetto-Kluft. Es ist nur so cool, wie sie es sich leisten können: "Wir werden jeden Tag von Älteren auf der Straße wegen unserer Anziehsachen angemacht", sagt Murad. Und dann? "Dann wehren wir uns, bevor wir geschlagen werden", sagen sie. "Oder wir versuchen wegzukommen." Das Problem ist hier nicht nur die Schule. "Bleib auf dem rechten Weg!": Ohne diesen Satz lässt die Mutter von Mehmet ihn nie aus dem Haus. 

In den Songs der Rapper-Szene Neuköllns wird das Ghetto oft verherrlicht. Farid kann damit nichts anfangen. Sein Traum sieht anders aus: "Ich will raus hier, mich mit Freunden treffen, aber richtig, ohne Stress, so mit Picknick vielleicht." Er spart auf einen Roller, die Freunde auch. Damit es nicht immer Neukölln sein muss. "Ich hab zu meiner Mutter gesagt: Wenn ich mal Kinder habe, ziehe ich hier raus", ergänzt Ali.

Disco? Verwerflich!

Die vier Kumpels sind sicher, dass die wirklich schlimmen Fälle, die mit den Vorstrafen und den Waffen, aus Familien stammen, in denen alles aus dem Fugen ist "und die Väter auf dem Sofa sitzen" - also die Vorbilder fehlen. Ihre Väter haben Arbeit: Einer führt ein Antiquitätengeschäft, die anderen Imbisse. Die Jungs helfen aus. Das machen sie, wenn sie betont vieldeutig von "Geschäften" reden: Döner schnippeln, fünf Mal die Woche. Und bei der Tante nebenan beten. In die Disco würden sie nie gehen: Das sei "Eeb", sagen sie auf Arabisch: "Verwerflich!"

Genau die Jungs, die sonst vor dem Schultor die Testosteron-Monster geben und "Hurentochter" schreien, haben in Wahrheit noch nicht einmal Erfahrung mit Mädchen. "Na klar, ich hatte tausend Frauen", behauptet Ali erst noch. Dann aber sagt Farid: "Ich hatte keine einzige, ehrlich. Noch nicht mal geküsst." Erst sind die anderen ob dieser freiwillig zugegebenen Blöße baff. Dann finden sie es gut, dass er ehrlich ist. Ihnen geht es ja nicht anders.

Wahrheit oder Dichtung?

Lauter liebe, harmlose Jungs also? Nur Opfer, keine Täter? Natürlich will keiner der Böse sein. "Es gibt schlimmere als uns und bessere als uns", meint Farid über sich und seine Kumpels. Sie schwören: Sie haben keine Waffen und schlagen sich nicht. Aber um Lehrer in den Wahnsinn zu treiben und Unterricht unmöglich zu machen, braucht man das auch nicht.

Farid erzählt, dass er sich neulich mit einem Blumenstrauß bei seiner Lehrerin entschuldigte, "bei der ich etwas übertrieben habe". Und die Gewaltvideos vom Handy seines Bruders habe er auch gelöscht. Dass er es gut fände, wenn die Lehrer strenger wären, wenn es mehr Freizeitangebote für Jugendliche gebe, mehr Förderung.

Ist das die Wahrheit? Oder wird man hier auf unverfrorene Art verladen?

Mit den Eltern, mit den großen Brüdern reden: Leider unmöglich, erklären die Jungs. "Ey, Alter, wir verarschen dich nicht", beteuern sie jedoch zum Abschied. "Echt nicht."

Zurück am Schultor: Der Ärger um die Rütli-Schule zieht mittlerweile auch ehemalige Schüler an. Ihnen ist der Ruf der Schule egal, für die Öffentlichkeitsarbeit ihrer Ex-Mitschüler haben sie nur Spott übrig. Einer von ihnen ist Momo. Der 16-Jährige springt auf ein kleines Holzpodest, dann erklärt er den Reportern, dass dies "eine Scheiß-Schule" sei, wo Lehrer "auch mal nen Tritt oder 'ne Schelle verpasst kriegen". Er frage sich schon lange, erzählt Momo, warum die Lehrer sich nicht wirklich wehren würden: "Noch nie ist einer von uns angezeigt worden." Deshalb müsse sich die Schule auch nicht über ihre Probleme wundern.

Immerhin eins scheint klar: Die Schüler haben an Kuschelpädagogik am wenigsten Interesse.

*Auf Wunsch der Betreffenden wurden einige Namen geändert

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