Prognosen Bei den Kleinen waren die Wahlforscher chancenlos

Während die Meinungsforscher das Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen SPD und Union präzise vorhergesagt hatten, lagen die Institute bei den kleinen Parteien weit auseinander – und weit weg vom Ergebnis. Kein Wahlforscher hatte die Grünen vor der FDP gesehen.

Von Alva Gehrmann


Strategie aufgegangen: "Zweitstimme ist Joschkastimme"
DDP

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Berlin – In den vergangenen Wochen wurde viel über den Wahrheitsgehalt von Wahlprognosen diskutiert. Sonntagnacht schließlich standen die Ergebnisse fest, und Bürger sowie Politiker wunderten sich über den Ausgang der Bundestagswahl – zumindest was die kleinen Parteien angeht. Denn die Grünen waren plötzlich der Gewinner des Abends und die Liberalen deutlich schwächer als erwartet.

Dass es bei der Union und SPD auf ein Kopf-an-Kopf-Rennen hinauslaufen würde, darin waren sich fünf Meinungsforschungsinstitute kurz vor der Wahl einig. Auch dass die PDS kaum Chancen hatte über die Fünf-Prozent-Hürde zu kommen. Diese Prognosen sollten sich auch bestätigen, doch bei den anderen beiden Parteien lagen die Meinungsforscher kräftig daneben.

"Wir sind mit unserer Prognose nicht zufrieden. Aber wir hatten bei dem aktuellen Hin und Her für die Prognose ein Zeitproblem. Mit unseren Umfragen waren wir so nah dran wie möglich, doch die Außenfaktoren, wie zum Beispiel Möllemann, zogen sich noch bis in die letzten Tagen vor der Wahl hinein", sagte Edgar Piel vom CDU-nahen Institut für Demoskopie Allensbach. Die letzten vom Institut veröffentlichten Zahlen berücksichtigten Umfragen bis zum 17. September; dazu gab Allensbach am Freitag noch die Gesamtentwicklung der letzten Umfragen bekannt. Diese verzeichnete starke Bewegungen: Vor vier Wochen zum Beispiel sah das Institut die FDP noch bei 11,7 Prozent.

Die überparteilichen Konkurrenten von Infratest dimap, der Forschungsgruppe Wahlen (FGW) und Emnid hatten kurz vor der Wahl keine Prognosen mehr veröffentlicht. So waren die Umfrageergebnisse vom 13. September für Infratest dimap und FGW beziehungsweise der 14. September für Emnid die letzten Vergleichswerte vor der Bundestagswahl. Damit konnten die Institute den erneuten Streit um Möllemann sowie die Krise um Däubler-Gmelin nicht mehr berücksichtigen.

Grünen-Wähler sind taktische Wähler

Somit verwundert es auch nicht, dass alle Meinungsforschungsinstitute die Grünen in den Umfragen hinter der FDP sahen. Tatsächlich erreichten sie mit 8,6 Prozent über einen Prozentpunkt mehr als die Liberalen (7,4 Prozent) und fuhren somit ihr bestes Ergebnis bei Bundestagswahlen ein.

Die Forschungsgruppe Wahlen erklärte den Erfolg der Grünen damit, dass sich in der Woche vor der Wahl taktische Wähler, die Rot-Gelb verhindern wollten, verstärkt den Grünen zugewandt hätten. "30 Prozent der Grünen-Wähler - mehr als je zuvor - identifizieren sich mit der SPD, haben dann aber auf Grund koalitionstaktischer Überlegungen mit der Zweitstimme für die Grünen gestimmt", teilte die Forschungsgruppe Wahlen mit, die am Sonntag die aktuellen Prognosen für das ZDF ermittelt hatte. Und Grün wählen, das hieß definitiv die Union verhindern, zumal die SPD eine klare Koalitionsaussage gemacht hatte.

Möllemann: Unberechenbarer Einfluss auf Prognosen
DDP

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Der andere potenzielle Partner, die FDP, blieb nach Einschätzung der Forschungsgruppe Wahlen hauptsächlich deshalb unter den Erwartungen, weil die Strategie, keine Koalitionsaussage zu machen, fehlgeschlagenen sei.

Infratest dimap hingegen begründete das schwache Ergebnis auch mit dem rabiaten Kurs des nordrhein-westfälischen FDP-Chefs Jürgen Möllemann gegenüber Israel und dem Zentralrat der Juden in Deutschland. Bei jedem zweiten Wähler hätten die Liberalen auf Grund dessen an Glaubwürdigkeit verloren, erklärten die Berliner Meinungsforscher.

Doch das alles sind Versuche, ein Ergebnis zu erklären, das keines der Institute so vorausgesehen hat. Im Wettbewerb der besten Prognosen zur Bundestagswahl zeigt sich ein gemischtes Bild. Einen klaren Gewinner gibt es nicht: Mal liegt das eine Institut näher dran, mal ein anderes.

Zwei Kopf-an-Kopf-Rennen

Infratest dimap zum Beispiel legte mit 38,5 Prozent für die SPD immerhin als einziges Institut eine punktgenaue Prognose vor. Auch den Grünen traute das Institut mit acht Prozent am meisten zu, die FDP bewertete sie jedoch auch höher: mit 8,5 Prozent. "Es deutete sich schon an, dass es hier auch zu einem Kopf-an-Kopf-Rennen kommen würde", sagte Richard Hilmer, Leiter von Infratest dimap. Trotz der guten Treffer: Bei der Wahlberichterstattung für die ARD am Sonntag machte das Institut schlechtere Prognosen als die Konkurrenten im ZDF und bei den Privaten (Forsa Institut).

In der Prognose für die kleinen Parteien überschätzte auch Allensbach die FDP mit 9,5 Prozent. Schon im Wahlkampf hatten die Allensbacher Demoskopen der FDP stets Stimmenanteile vorhergesagt, die bei den anderen Instituten regelmäßig Kopfschütteln auslöste. Im August erzielten die Liberalen in den Allensbacher Prognosen noch 12,8 Prozent, während Konkurrent Infratest dimap der Partei im gleichen Zeitraum nur noch acht Prozent zugestand. Erst wenige Tage vor der Wahl vollzog das Institut von Elisabeth Noelle eine radikale Kehrtwende und wies für die FDP einen Wert unter zehn Prozent aus.

Die Grünen taxierte das Institut in der letzten veröffentlichen Umfrage auf 7,5 Prozent. "Wir waren überrascht, dass die Grünen so gut abgeschnitten haben. Es gab einen Austausch im Lager der SPD-Grünen-Wähler", so Edgar Piel.

Für Meinungsforscher sind die Grünen eine Partei, die in den vergangenen Jahren einen Wandel vollzogen hat. Beliebt war die ehemalige Öko-Partei schon in den achtziger Jahren, doch bisher gab es eher das Phänomen, dass mehr Menschen in den Umfragen angaben, die Grünen wählen zu wollen, als es dann tatsächlich getan haben. Das lag daran, dass die Partei "in" war. Um eine realistische Prognose für die Grünen zu machen, setzten Meinungsforscher auf ein Korrektiv – die Gewichtung der Aussagen von Befragten; und lagen damit bisher immer richtig.

Doch heute heißt das Korrektiv der Grünen Außenminister Fischer. Seit seine Partei an der Regierung ist, hat sie sich inzwischen bei der Hälfte der Bevölkerung den Ruf eines verlässlichen Regierungspartners erworben.

Einen guten Ruf ist auch den Meinungsforschern wichtig – und den erarbeiten sich die Institute durch genaue Wahlvorhersagen. Die sind das Aushängeschild, mit denen sie Aufträge aus der Wirtschaft holen, denn den Großteil ihres Umsatzes machen die meisten Institute mit der Markt- und Sozialforschung.

Für die Wähler ist das eher unwichtig. Sie nehmen die Prognosen ohnehin nicht so ernst. Das hat zumindest Kommunikationswissenschaftler Frank Brettschneider mit einer langjährigen Untersuchung herausgefunden. Vielmehr seien es die Medien ebenso wie die Politiker, die die Auswirkung der Umfragen auf die Wähler überschätzten.

Im Zweifel entscheidet der Bürger wohl spontan, wen er wählt, und daher kann auch die beste Prognose nicht voraussagen, wie die Wahl wirklich ausgeht.



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