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Projekt des Auswärtigen Amts Kein Geld für deutschen Seuchen-Flieger

Mitten in der Pandemie stoppt die Regierung nach SPIEGEL-Informationen ein Projekt zur Evakuierung von Virus-Infizierten. Spezielle Frachtflüge, um etwa Ebola-Erkrankte aus Krisenregionen zu holen, soll es nicht geben.
aus DER SPIEGEL 29/2021
Ankunft eines Corona-Kranken aus Frankreich in Dresden

Ankunft eines Corona-Kranken aus Frankreich in Dresden

Foto:

Robert Michael/ dpa

Ein medizinisches Hightechprojekt der Bundesregierung steht vor dem Aus. Das Auswärtige Amt hatte zusammen mit der Berliner Charité und der Lufthansa an Plänen gearbeitet, wie medizinisches Personal und Entwicklungshelfer, die sich in Krisengebieten mit gefährlichen Krankheiten wie Ebola infizieren, schnell und sicher ausgeflogen werden können. Die Idee: Mobile Infektionstransportmodule, die in herkömmliche Frachtflugzeuge eingebaut werden können.

Im vergangenen Jahr hatte die EU das Projekt ausgeschrieben und dem deutschen Vorschlag den Zuschlag erteilt.

Vergangene Woche wurde nach SPIEGEL-Informationen intern das Aus für das Projekt verkündet. Die Gründe: gestiegene Kosten, die weder die EU noch die Bundesregierung tragen wollten – dem Vernehmen nach 20 Millionen statt bisher zehn Millionen Euro.

Das Auswärtige Amt bestätigte dem SPIEGEL, dass das Projekt »nicht in der ursprünglich geplanten Form realisiert werden kann«. Im Gegensatz zur ursprünglichen Planung seien die Kosten und der administrative Umfang dieses komplexen Projekts deutlich gestiegen, heißt es aus dem Ministerium. Und: Die EU-Kommission sehe sich durch eine Änderung der Budget- und Antragslinie nicht mehr in der Lage, sämtliche Kosten für das Projekt zu tragen. Damit stoppt die Bundesregierung mitten in der Pandemie ein Projekt, das weltweit einzigartig gewesen wäre.

Normalerweise werden Schwerkranke aus Krisengebieten mit Ambulanz-Flugzeugen evakuiert. Die Bundeswehr benutzt sogenannte MedEvacs, um verwundete Soldaten auszufliegen. Bei ansteckenden Virus-Erkrankungen wie Ebola besteht jedoch die Gefahr, dass sich das medizinische Personal und die Flugzeugcrew ebenfalls infizieren. Sie müssen während des Fluges speziell isoliert werden – angesichts der Bedingungen an Bord eines Flugzeugs eine technische und logistische Herausforderung.

Ebola-Airbus »Robert Koch« erwies sich als zu teuer

Während der ersten großen Ebola-Epidemie 2014 in Westafrika beauftragte die Bundesregierung daher in aller Eile die Lufthansa, einen Airbus A340 umzubauen. Innerhalb von gut drei Monaten verwandelte die deutsche Fluggesellschaft zusammen mit dem Robert-Koch-Institut und der Berliner Charité den Großraum-Airbus in eine fliegende isolierte Intensivstation, sein Name: »Robert Koch«.

Die damaligen Minister Frank-Walter Steinmeier und Hermann Gröhe im mittlerweile ausrangierten Lufthansa Airbus "Robert Koch"

Die damaligen Minister Frank-Walter Steinmeier und Hermann Gröhe im mittlerweile ausrangierten Lufthansa Airbus "Robert Koch"

Foto: POOL/ REUTERS

Ein Jahr später wurde der Flieger aber wieder aus dem Verkehr gezogen. Sein Hauptproblem: Er war zu teuer. Die Unterhaltskosten beliefen sich auf etwa eine Million Euro pro Monat, auch weil eine Lufthansa-Crew rund um die Uhr für den Notfall bereitstehen musste. Seitdem tüftelte der damalige Leiter des Gesundheitsdiensts im Auswärtigen Amt, Gerhard Boecken, an einem Plan, wie die Regierung beispielsweise deutschen Hilfskräften maximalen Schutz zu vertretbaren Kosten gewähren kann.

Boeckens Idee: eine mobile modulare Evakuierungseinheit aus drei Modulen: einem Behandlungsmodul, in dem die Patienten auf dem Flug nach Deutschland intensivmedizinisch versorgt werden. Ein zweiter Container als Schleuse, in der Ärzte und medizinische Helfer ihre Schutzanzüge anlegen und auf dem Rückweg dekontaminiert werden. Ein drittes Modul sollte als Vorbereitungs- und Lagerraum dienen.

Container für alle gängigen Frachtflugzeuge

Als der SPIEGEL Anfang 2020 über das Projekt berichtete, war man im Auswärtigen Amt noch optimistisch. Die Modullösung habe viele Vorteile, sagte der Krisenbeauftragte des Ministeriums, Frank Hartmann, damals.

Mit einer geplanten Länge von 4 Metern und einer Breite von 2,40 Metern hätten die Container in jedes gängige Frachtflugzeug gepasst. Auch kleinere Maschinen wären dadurch infrage gekommen – so hätte man auch auf Flughäfen mit kürzeren Landebahnen oder Sandpisten landen und Patienten direkt aus entlegenen Gebieten abholen können. Das könnte wertvolle Zeit sparen, denn Ebola zerstört große Teile des Körpers innerhalb kurzer Zeit, Patienten sterben für gewöhnlich binnen zehn Tagen.

Krisenbeauftragter Hartmann hätte das Projekt wohl gerne vollendet, aber nun fiel die Entscheidung anders aus. Hartmann verlässt in diesen Tagen die Zentrale in Berlin, um als deutscher Botschafter nach Kairo zu gehen. Welche Prioritäten sein Nachfolger setzt, bleibt abzuwarten.

Allerdings werden medizinisches Personal und Entwicklungshelfer in Epidemieregionen von der Bundesregierung nicht im Stich gelassen. Wie bisher bestehe die Option, einzelne hochinfektiöse Patienten mit angemieteten, spezialisierten Transportkapazitäten zu evakuieren, heißt es aus dem Auswärtigen Amt.

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