Projekt Seehaus Leonberg Härter als Knast - aber ohne Gitter

Sie haben geklaut, gelogen und geschlagen - jetzt räumen sie auf, diskutieren und rackern in der Berufsschule: Das Seehaus Leonberg ist für straffällig gewordene Jugendliche Alternative zum Knast und Eintrittskarte in ein geregeltes Leben zugleich. Ohne Drill.

Von Oliver Rezec, Leonberg


Leonberg - Am Tag, als Andreas seiner Freundin den Heiratsantrag machen wollte, haben sie ihn festgenommen. Drei Jahre wegen gefährlicher Körperverletzung bekam er. Elf Monate davon hat er erst abgesessen. Jetzt verbringt der 18-Jährige die restliche Zeit im Seehaus Leonberg, zehn Autominuten von Stuttgart, und erzählt mit verschämtem Grinsen von der "Schlägerei" damals, bei der "irgendwann halt auch Waffen dazugekommen" seien - Baseballschläger und Schlagstöcke.

Das Seehaus ist, was das Gesetz eine "Einrichtung des Jugendstrafvollzuges in freien Formen" nennt. Andreas könnte jederzeit weglaufen, wenn er wollte, durch die Wälder gleich hinterm Haus. Die Türen stehen offen für alle der acht Straftäter hier, Jungs zwischen 16 und 21.

Das Projekt, mit dem die Jugendlichen langsam in ein normales Leben draußen finden sollen, versetzte die draußen zunächst in helle Aufregung. Häftlinge ohne Gitter - als die Anwohner von den Plänen hörten, sammelten sie Unterschriften gegen die Einrichtung. Solch einen Widerstand möchte wohl kaum eine Kommune provozieren, was einer der Hauptgründe dafür sein dürfte, dass es bundesweit bislang nur drei Häuser wie das Seehaus Leonberg gibt. An einer mangelnden Gesetzesgrundlage liegt es jedenfalls nicht: Das Jugendgerichtsgesetz erlaubt schon seit 1953 solch einen Strafvollzug "in freien Formen". Davon nahm die Öffentlichkeit bislang wenig Notiz - bis zu den jüngsten Knochenbrechereien in Deutschlands U-Bahnen, rechtzeitig zum Wahlkampf.

Im schlimmsten Fall zurück in den Knast

Während jetzt die einen längere Gefängnisstrafen und ein verschärftes Jugendstrafrecht fordern, glauben die anderen nicht daran, dass längere Haft bessere Menschen hervorbringt - und sehen sich nach anderen Ideen um. Das Seehaus Leonberg ist einer dieser raren Gegenentwürfe. Es möchte genau jenen Teufelskreis aus Verrohung und Stigmatisierung aufbrechen, in den jugendliche Straftäter gelangen, wenn sie einmal im Gefängnis landen. Oder, wie es die Jungs hier im Seehaus sagen: Sie wollen den Stempel "Einmal Knacki, immer Knacki" loswerden.

Betrieben wird das Seehaus Leonberg vom Jugendhilfe-Verein "Prisma". Das baden-württembergische Justizministerium hat es als Gefängnisersatz zugelassen. Der Stand nach vier Jahren: Die Sorgen der Anwohner haben sich als unbegründet erwiesen. Bis heute sei noch keiner aus dem Seehaus abgehauen, sagt Tobias Merckle, der Gründer und Leiter des Projekts. Die Erziehungsidee ist so einfach wie überraschend: Wenn man ohnehin nicht verhindern kann, dass Häftlinge eine Hierarchie untereinander aufbauen, dann sollte man die wenigstens positiv nutzen.

Andreas etwa hat sich inzwischen zum "Löwe-Anwärter" hochgearbeitet, der zweithöchsten Stufe in Leonberg. Damit darf er seine Freundin und seine Familie jede Woche anrufen und alle zwei Wochen sehen. Neulinge dürfen noch nicht mal ohne Begleitung zur Toilette. Täglich benoten die "Haus-Eltern", Lehrer und Mitarbeiter die Jugendlichen in Sachen Sauberkeit, Sozialverhalten, Arbeitstempo in der Werkstatt und so fort. Wer sich bewährt, steigt auf. Wer sich daneben benimmt, wird degradiert. Im schlimmsten Fall geht's zurück in den Knast.

Manche gehen auch freiwillig zurück, denn der Tagesplan in Leonberg ist härter als der hinter Gittern: Zweimal die Woche beginnt der Tag mit Frühsport um 5.45 Uhr, Unpünktlichkeit gibt Punktabzug. Danach "Zeit der Stille", Frühstück, Putzen, ab 8.15 Uhr geht es "auf den Bau": Die Jungs renovieren das alte Haus nebenan, als Teil der hauseigenen Berufsschule. Was sie hier lernen, liegt sogar über dem Niveau gleichaltriger Berufsschüler - denn nur mit besonderer Qualifikation können sie den Fleck in ihrem Lebenslauf wettmachen.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.