Prominente Wahlkämpfer Stargedrängel in der Parteienwerbung

Zahlreiche mehr oder weniger berühmte Zeitgenossen mischen sich in den Bundestagswahlkampf ein. Während sich die SPD über einen Mangel an prominenter Unterstützung nicht beklagen kann, geht die CDU erst langsam auf Promifang.

Von Alva Gehrmann


Wahlwerbung für Schröder: Esther Schweins sagt "Ja"
DPA

Wahlwerbung für Schröder: Esther Schweins sagt "Ja"

Berlin - "Ich bin für Schröder, weil meine Frau mich nach (nur) vier Jahren Ehe auch nicht (gleich) verlassen hat", begründet Schauspieler Stefan Jürgens seinen Wunsch nach einer Fortsetzung der rot-grünen Koalition. Mit dieser hochpolitischen und scharfsinnigen Analogie schließt sich der Ex-"Tatort"-Kommissar der Initiative "1000 Gründe für Gerhard Schröder" an. Und ist damit nur einer von vielen aus der deutschen Stars- und Sternchen-Gilde, die zur Mehrung ihres Ruhmes die Politik entdeckt haben. Die von politisch interessierten Künstlern und Autoren gegründete Initiative ist eine von bundesweit rund 170 Unterstützergruppen für die SPD.

Deutsche Stars mögen den Kanzler: Über 50 Schauspieler unterstützen Schröder im Wahlkampf - darunter Senta Berger, Til Schweiger, Hannelore Elsner, Esther Schweins und Ottfried Fischer. Aber auch Sportler wie Fußball-Weltmeister Jürgen Klinsmann und Musiker wie Udo Lindenberg oder Teenie-Star Sasha sind mit dabei.

Bei den rund hundert prominenten Helfern darf natürlich auch nicht Schriftsteller Günter Grass fehlen. Der Literatur-Nobelpreisträger ist Langzeit-Promoter in Sachen SPD und hat sich schon 1969 für Willy Brandt eingesetzt - und heute für Gerhard Schröder. Die beiden gehen sogar zu Biolek, um über Rot-Grün zu plaudern.

"Der Ansturm von berühmten Wahlhelfern hat uns auch überrascht", freut sich denn auch Achim Post, Bereichsleiter für Unterstützertruppen in der Kampa 02, der Wahlkampfzentrale der SPD.

Stoiber auf der Suche nach Ost-Promis

Doch auch die Union legt seit vergangener Woche nach. "Köpfe für Stoiber" heißt die Aktion des Stoiber-Teams. Darin sollen Menschen aus ganz Deutschland zu Wort kommen, die in ihrem Bereich etwas Herausragendes geleistet haben. Gerade prominente Fürsprecher aus dem Osten kann die CDU gut gebrauchen, hat die Partei doch dort die wenigsten Anhänger. Deshalb präsentiert der Unions-Kanzlerkandidat auf seiner Internetseite Stoiber.de auch stolz den Fußballspieler Christian Beeck, Kapitän des 1. FC Energie Cottbus.

Weitere berühmte Persönlichkeiten sind Entertainer Joachim "Blacky" Fuchsberger, TV-Moderatorin Petra Schürmann, Schauspieler Hans Clarin und Georg Hackl - der Rennrodler. 19 sind bisher dabei - weitere sollen hinzukommen: Doch es gelte das Prinzip "Klasse statt Masse", sagt Hildegard Boucsein, die das Projekt "Köpfe für Stoiber" initiiert hat.

Der Mainzer Parteienforscher Jürgen Falter glaubt nicht, dass diese Bekenntnisse den Parteien viel bringen werden: "Der Nutzen von Prominentenwerbung für eine Partei ist umstritten, der Schaden eindeutig - zumindest für die Prominenten." Zum Beispiel Uschi Glas und Franz Beckenbauer. Die seien durch ihre Bekenntnisse für die CDU/CSU "gebrannte Kinder", denn Stars werden für politisches Engagement häufig angefeindet - auch im Freundeskreis. So geschehen bei Uschi Glas, nachdem sie Helmut Kohl während der CDU-Spendenaffäre finanziell unterstützt hat.

Fußballer sind eher konservativ

Schauspielerin Glas und FC-Bayern-Chef Beckenbauer sind bei "Köpfe für Stoiber" wohl auch darum nicht mit dabei. Für die Union kein Problem, schließlich sei bekannt, dass Glas ein Stoiber-Fan ist, und Beckenbauer müsse sich als Chef des Organisationskomitees zur WM 2006 ja zurückhalten, erklärt Stoiber-Helferin Bouscein. Auch Parteienforscher Falter sagt, dass man als Star nicht mutig sein muss, um sich jetzt zur CDU zu bekennen, schließlich läge die Union in den Umfragen ja vorne.

Dennoch gibt es gewisse Vorlieben, wer sich für welche Partei engagiert: "Bei der schreibenden Zunft lag die SPD immer vorne. Bei Fußballern, die meist junge Millionäre sind, sind es wohl eher die konservativen Parteien. Da achtet eben doch jeder auf seinen Geldbeutel", beobachtet Falter.

In der "Hörzu": "Das ist ein großes Potenzial"

In der "Hörzu": "Das ist ein großes Potenzial"

"Das Engagement der Prominenten wird allenfalls die Unpolitischen ansprechen", vermutet der Politik-Analyst. Doch genau die hofft die SPD für sich zu gewinnen. "Das ist ein großes Potenzial", ist sich SPD-Werber Post sicher. Und dafür sind berühmte Persönlichkeiten die idealen Vermittler, deshalb veröffentlichen die Sozialdemokraten am Freitag in der "Hörzu" und in 50 Regionalzeitungen auch per Anzeige das Bekenntnis einiger Schauspieler für Schröder.

Doch nur wenige kommen so frech rüber wie Stefan Jürgens oder die junge Schauspielerin Stefanie Stappenbeck, die, wie folgt, zitiert wird: "Ich unterstütze Gerhard Schröder, weil er der bessere König für Deutschland ist." Wegen solcher karikierenden Äußerungen sei die Aktion "Köpfe für Stoiber" gegründet worden, sagt die CDU. Frau Bouscein vom Stoiber-Team ist es wichtig, dass den Stars keine vorformulierten Worte in den Mund gelegt werden. Eine Anspielung auf die SPD.

Und tatsächlich hören sich die Mehrzahl der SPD-Statements staatstragend an - wie aus dem Parteiprogramm abgeschrieben. "Die Bundesregierung hat sich in den letzten vier Jahren für Familien stark gemacht. Ich will, dass sie diese Politik auch über den 22. September hinaus fortsetzen kann", lässt sich die sonst so scharfzüngige Kabarettistin Lisa Fitz zitieren. Auch die Protagonisten der CDU ziehen mit Formelsprache in den Wahlkampf: "Ich bin für Stoiber, weil ich will, dass Deutschland nicht nur beim Sport, sondern auch als Wirtschaftsstandort vorne liegt", sagt Rennrodler Georg Hackl.

Nur wenige Stars bleiben "neutral"

Sich für eine Partei zu engagieren heißt vor allem den Namen hergeben. Doch es gibt auch Schauspieler, die nicht vereinnahmt werden wollen: Zum Beispiel Veronica Ferres. Die weist es von sich, für Stoiber Wahlkampf zu machen, nur weil er ihrer Initiative Powerchild e.V. helfen will. Dennoch freut sich die Union darauf, dass Stoiber zwei Tage vor der Wahl mit Ferres auf einer Gala auftreten wird.

So zurückhaltend ist Dolly Buster nicht. Der Ex-Pornostar ist glühender FDP-Fan und unterstützt somit den dritten Kanzlerkandidaten: Guido Westerwelle. Buster hat für die Liberalen sogar mal den Werbespot "3 mal Sex" gedreht. Doch der ist schon vor der Flutkatastrophe versunken - im Archiv. Aber das stört Dolly Buster nicht, vergangene Woche war sie bei "TV Total" zu Gast und hat dort genau diesen Spot gezeigt: "Denken Sie auch dreimal am Tag an Sex? - Dann bitte auch an 18", haucht die 32-Jährige darin ins Mikrofon.

Weitere Promi-Hoffnung für die FDP und deren Kanzlerkandidat ist noch Modedesigner Wolfgang Joop. Der sagte in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung": "Dr. Guido Westerwelle scheint mir als Politiker von allen der unverbrauchteste zu sein. Ihm gebe ich meine Stimme." Die Wortwahl ist allerdings verräterisch. Was nur so scheint, entspricht ja zumeist nicht der Wahrheit. Herr Joop ist sich wohl nicht so sicher.

Schröder-Fan Schweiger: Essen mit dem Kanzler
DPA

Schröder-Fan Schweiger: Essen mit dem Kanzler

Unverbrauchte Ideen hat Til Schweiger auch nicht parat. Dennoch weiß der Schauspieler, der die meiste Zeit des Jahres im Ausland lebt, ganz genau, warum er sich für die SPD einsetzt: "Ich unterstütze Gerhard Schröder, weil wir einen guten Kanzler haben, und das soll auch so bleiben." Dafür durfte Schweiger dann am Sonntagabend nach dem TV-Duell noch mit dem Bundeskanzler essen gehen. Doch so sehr sich Til Schweiger auch für Schröder ins Zeug legt - er nutzt die Öffentlichkeit natürlich auch, um für seine Projekte Werbung zu machen: Schließlich ist ja gerade sein neuer Film "Auf Herz und Nieren" in den Kinos angelaufen.

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.