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14. Juli 2019, 12:59 Uhr

Debatte über Sexkaufverbot

"Aussteigen? Das sagt sich so leicht"

Ein Interview von

Sollen wir Sexkauf verbieten? Nein, sagt die Leiterin einer Beratungsstelle in Hamburg. Lieber sollte die Politik Alternativen für Frauen finden, die aus Armut anschaffen gehen.

Soll Deutschland sich Schweden zum Vorbild nehmen? Das Land verbot vor 20 Jahren käuflichen Sex. Die Idee: Das Verhalten der Freier sollte kriminalisiert werden, nicht die Prostituierten. Nun denken die SPD-Bundestagsabgeordnete Leni Breymaier und die Europaabgeordnete Maria Noichl offen darüber nach, ob solch ein Verbot auch hierzulande gut wäre. Das Prostituiertenschutzgesetz, seit Juli 2017 in Kraft, hat aus ihrer Sicht nicht die gewünschte Wirkung erzielt (mehr dazu lesen Sie hier).

Julia Buntenbach-Henke sieht ein Verbot kritisch. Sie leitet seit Januar 2017 die Fachberatungsstelle Prostitution der Diakonie in Hamburg und hat mitbekommen, wie das neue Gesetz wirkt. 550 Frauen haben sich hier im vergangenen Jahr beraten lassen.

SPIEGEL ONLINE: Frau Buntenbach-Henke, was halten Sie von einem Sexkaufverbot?

Buntenbach-Henke: Alles, was Menschen in der Sexarbeit weiter kriminalisiert, ist schwierig. Erfahrungen aus Schweden zeigen, dass Sexarbeit nach einem Verbot im Verdeckten stattfindet. Außerdem können sich die Frauen dann nicht mehr untereinander in Wohnungsgemeinschaften zusammentun, um sich zu unterstützen.

SPIEGEL ONLINE: Befürworter des Verbots sagen, sie wollen nicht, dass in der Gesellschaft das Bild vorherrscht, ein Mann könne sich eine Frau kaufen.

Buntenbach-Henke: Die Frau ist nicht käuflich. Die Frau bietet eine Dienstleistung an. Das ist ein Unterschied.

SPIEGEL ONLINE: Ist Prostitution immer selbst bestimmte Sexarbeit? Wie geht das mit Zwangs- oder Armutsprostitution zusammen?

Buntenbach-Henke: Es ist auch dann eine selbst bestimmte Entscheidung, wenn man sagt: Ich habe nicht besonders viele Alternativen und prostituiere mich, um Geld zu verdienen. Von Zwangsprostitution muss man das trennen. Ich finde es schade, dass das immer über einen Kamm geschoren wird. Gerade von den Frauen, die jetzt das Sexkaufverbot fordern.

SPIEGEL ONLINE: Und die Frauen, die sich aus Armut heraus prostituieren? Wäre ihnen nicht besser geholfen, wenn man, wie von Maria Noichl gefordert, Ausstiegsprogramme fördern würde?

Buntenbach-Henke: "Wir fördern Ausstiegsprogramme", das sagt sich so leicht. Unsere Beratungsstelle hilft seit mehr als 40 Jahren Frauen beim Ausstieg, wenn sie das wollen. Aber für viele ist das ein äußerst schwieriger und langwieriger Prozess. Sie haben zum Beispiel keinen Anspruch auf Sozialleistungen, sie haben vielleicht keine Wohnung oder kaum Deutschkenntnisse. Und es muss für diese Frauen eben auch Alternativen zur Sexarbeit geben, eine Zwischenfinanzierung, bis sie andere Arbeit finden, sie müssen Zeit haben, sich zu bilden. Es ist auch ein Arbeitsmarktthema.

SPIEGEL ONLINE: Mit dem Prostituiertenschutzgesetz wurde versucht, die Situation der Sexarbeiterinnen zu verbessern. Hat das geklappt?

Buntenbach-Henke: Der Gedanke ist gut: Das Gesetz sollte die Sexarbeiterinnen vor Gewalt schützen und ihre Selbstbestimmung fördern. Die Maßnahmen, die mit dem Gesetz ergriffen wurden, dienen nur leider nicht dazu, dieses Ziel zu erreichen.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Buntenbach-Henke: Wir haben schon 2017 befürchtet, dass das Gesetz Personen, die tatsächlich Schutz und Unterstützung brauchen, nicht erreicht. Das bewahrheitet sich leider ein Stück weit. Es gibt Frauen, die sich nicht bei den Behörden anmelden können, weil ihnen eine Meldeadresse fehlt. Viele von ihnen kommen aus Afrika oder Osteuropa, haben keine Krankenversicherung. Die wissen von dem Gesetz, können seine Anforderungen aber nicht erfüllen.

SPIEGEL ONLINE: Was würde diesen Frauen aus Ihrer Sicht besser helfen?

Buntenbach-Henke: Wäre Prostitution als Beruf nicht so stigmatisiert, bräuchte es unsere Beratungsstelle nicht. Ich finde, dass es eine differenziertere Diskussion über Sexarbeit geben sollte. Die Debatte spielt sich immer an den Extremen ab: Menschenhandel auf der einen Seite und selbstbestimmte Sexarbeit auf der anderen. Aber was ist denn das Dazwischen? Da sollte man hingucken. Zu den Frauen, die auf dem Arbeitsmarkt für sich sonst keine Chancen sehen.

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