Protest gegen die AfD Diese Demos sind auch eine Zumutung
Demonstration gegen die AfD in Nürnberg
Foto: Moritz Schlenk / IMAGODieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde.
Auf politische Demonstrationen gehe ich eigentlich nie, irgendetwas hemmt mich da, denn als Journalist sollte man ja auch kein Parteibuch haben. Von der Trennung zwischen »als Bürger« und »als Journalist« halte ich auch nichts, ich bin schließlich nicht schizophren. Außerdem kann unsereiner seine Meinung privilegierterweise anders zum Ausdruck bringen, zum Beispiel hier.
Einmal habe ich eine Ausnahme gemacht, das war für eine allgemeine Pro-Europa-Demo im März 2017, also nach der Brexit-Abstimmung. Angetrieben hatte mich die Wut auf die ganze verlogene Bande von Tory-Täuschern. Und nun sind wir dieser Tage wieder losgegangen. Wir haben uns in einem Vorort von Berlin die dortige Demo angeschaut. Rund tausend Teilnehmer waren da, auf den ersten Blick überwiegend ganz normale Leute. Umgerechnet wären das in Berlin knapp 200.000 Teilnehmer. Nicht schlecht also.
Aber die gute Sache hat ihren Preis: Schräg vor einem weht das schwarze Tuch der Antifa. Die SPD hat rote Fahnen mitgebracht, sie sind weithin zu sehen, vielleicht ist ja Fernsehen da. Yogi-Flyer sind gekommen, Fridays for Future sowieso, dazu klingende Klangschalen, bibabunte Regenbogen, viele kleine Kinder und Pappschilder »Omas gegen Rechts«. Später tritt jemand von einer türkischen Gemeinde aufs Podium und erklärt, dass der Grund für den Aufstieg der AfD die ungleiche Einkommensverteilung sei und man deshalb etwas dagegen tun müsse, nie wieder sei doch jetzt. Mit Verlaub, das sehe ich wirklich anders, was für ein altlinker Quark. Trotzdem hört man sich das alles an, klatscht hier und da, es ist ja für einen größeren Zweck. Aber einiges ist definitiv not in my name. Hafte ich trotzdem dafür, gleichsam qua Anwesenheit? Wenig später gehen wir, die Sonne ist auch schon weg.
Man wird also für einen schönen Moment Teil von etwas, ohne auch nur annähernd von allen Teilen etwas zu halten. Das geht, aber es bleibt ein Unbehagen, weil eine Zumutung darin steckt. Große Menschenmengen sind mir ohnehin suspekt.
Damit wir uns richtig verstehen: Weder möchte ich wie die desinteressierte Vorstadt-Mittelklasse klingen noch wie der konservative Snob, der auf die Leute herabschaut, die sich nach Kräften mühen. Die kleinen und großen Demonstrationen im Land sind eine gute Nachricht, so viel steht fest für mich. Den Leuten gehen die Augen auf, was die AfD alles täte, wenn sie nur könnte, wie sie will. Es wurde Zeit. Es wirkt.
Plötzlich kann man die AfDler strampeln sehen wie Nichtschwimmer im Tiefen. Sie haben sich den Nimbus der Unaufhaltsamen so lange selbst herbeifantasiert, dass sie jetzt reale Angst haben, er könne verfliegen. Zum ersten Mal seit Monaten sind sie also in der Defensive, und um in die Offensive zurückzukommen, greifen sie zu den krassesten Mitteln. Es wird verbreitet, die Millionen Demonstranten seien irgendwie von der Bundesregierung bestellt oder bezahlt. Die journalistischen Recherchen hinter verschlossenen Türen sollen »Stasi« sein, eine Verschwörung und ruchlose Kampagne gegen die arme AfD. Ach, Gottchen, dabei hat der Spaß gerade erst angefangen.
Trotzdem: Schwarze Antifa macht mir schlechte Laune, wenn ich die Leute nur sehe. Klangschalen finde ich bestenfalls zum Kichern, »Omas gegen Links« würde ich gern mal sehen, und Fridays for Future kleben sich inzwischen überall mit dran. Auf einmal sitzt man mit Figuren wie Frau Bosetti, Tilo Jung oder Frau Chebli in einem Boot, und auf dem Podium vor dem Reichstag hält Luisa Neubauer schon wieder eine Rede. Das mag für den Moment in Ordnung sein, weil unvermeidlich, aber im Ernst: Befremdlich finde ich es schon. Wie lange kann das so gehen? Könnte man bei diesen Demos nicht lieber schweigen? Schweigen wie ein deutscher Wald, der einfach still und fest dasteht und nicht weicht. Wie eine Mahnwache. Denn darum geht es doch.
Rund 1300 Organisationen haben zu der Berliner Kundgebung am Samstag aufgerufen, chapeau, das ist enorm, man schuldet ihnen großen Dank. Aber wahr ist auch: ProAsyl, der Paritätische Wohlfahrtsverband oder die klingenden Klangschalen würden es niemals vermögen, für ihr Anliegen 150.000 Leute auf die Straße zu holen. Die Größe der Menge nicht einfach dem eigenen Anliegen gutzuschreiben wäre das überfällige Zeichen, dass die Linke auch einmal Demut und Respekt kann. Denn was immer der gesellschaftliche Großtrend derzeit ist: Links ist er jedenfalls nicht.
Man glaubt dem Bundeskanzler zwar sofort, dass er sich über die vielen Demonstranten freut, die endlich einmal nicht seine Regierung aufs Korn nehmen. Freilich hat er die Partei, gegen die da protestiert wird, mit seinem Ampel-Gegurke erst gemästet. Nein, die SPD sollte weniger Fahnen schwenken auf den Demos »gegen rechts« und stattdessen besser regieren.
Diese Kolumne heißt nämlich nicht umsonst »Jetzt erst recht(s)«, und ich habe keine Lust, mich im September nach fünf Jahren zum zweiten Mal fragen zu müssen, ob ich den SPD-Ministerpräsidenten von Brandenburg wählen soll, damit die Braunhemden von der AfD nicht stärkste Kraft werden. Nichts ist mehr einfach, wenn sich die Politik nur noch in zwei Lager teilt. Es ist ziemlich unbequem.