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24. Januar 2011, 07:11 Uhr

Protest gegen US-Todesstrafe

Ärzte drängen Pharmafirmen zu Gift-Lieferboykott

In den USA wird der Giftcocktail für die Vollstreckung der Todesstrafe knapp - woher kommt der Ersatz? Jedenfalls nicht aus Deutschland, fordern nun Ärzte in einem eindringlichen Appell und machen Druck auf heimische Pharmakonzerne.  

Passau - In den USA geht ein Bestandteil des Hinrichtungscocktails aus, weil der Hersteller es nicht mehr produziert - zahlreiche Exekutionstermine sind plötzlich ungewiss. Dass neues Narkosemittel aus Deutschland nachgeliefert wird, will die deutsche Ärzteschaft jetzt verhindern und unterstützt einen Lieferboykott des Giftes. "Die deutsche Pharmaindustrie kann zeigen, dass sie ethisch handelt, wenn sie sich hier beteiligt", sagte der Vizepräsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, der "Passauer Neuen Presse".

Damit folgen die deutschen Ärzte einem Appell von Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP). Nach einem Bericht der "Süddeutschen Zeitung" hatte Rösler die Pharmafirmen in einem Brief gebeten, Lieferanfragen aus den USA zu ignorieren: "Soweit Ihre Firma Thiopental-Natrium enthaltende Arzneimittel in Verkehr bringt, möchte ich Sie eindringlich bitten, solchen Lieferungsersuchen nicht zu entsprechen." Röslers Initiative sei eine tolle Idee, erklärte jetzt Vize-Ärztepräsident Montgomery. Es gebe Beschlüsse der American Medical Association ebenso wie deutscher Ärzte, nicht an Todesstrafen mitzuwirken.

Hintergrund des Boykotts: Mehrere US-Bundesstaaten mussten zuletzt die Vollstreckung von Todesurteilen aufschieben, weil das bei Hinrichtungen verwendete Betäubungsmittel Thiopental-Natrium nicht mehr lieferbar ist. Der einzige in den USA zugelassene Hersteller will den Stoff nicht mehr produzieren. Das Unternehmen Hospira aus dem Gliedstaat Illinois wollte die Herstellung des Narkosemittels Thiopental-Natrium eigentlich in Italien fortsetzen, nachdem ein Engpass die Produktion vorübergehend gestoppt hatte. Doch das EU-Land habe die Ausfuhr des Medikaments untersagt, weil es in den USA zu Hinrichtungen verwendet werde, berichteten amerikanische Medien am Samstag. Ersatz für das Hinrichtungsgift bietet in den USA derzeit nur ein Tiernarkosemittel, dessen Anwendung heftig umstritten ist.

Thiopental-Natrium ist einer von drei Bestandteilen des Giftcocktails, der für Hinrichtungen in den USA verwendet wird. Dabei wird zunächst das Thiopental-Natrium verabreicht, um den Todeskandidaten bewusstlos zu machen. Zwei danach verwendete Mittel führen zur Lähmung und schließlich zum Herzstillstand.

Die Todesstrafe wird in 35 US-Bundesstaaten verhängt. Fast alle davon richten ihre Häftlinge mit der Giftspritze hin.

anr/dpa

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