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Sexuelle Belästigung bei der Bundeswehr Grenzüberschreitung in der Pampa

Sexuelle Belästigung? Kein spezielles Problem der Bundeswehr, heißt es in der Truppe. Das komme genauso oft vor wie in anderen Unternehmen. Doch das Militär ist kein normaler Arbeitgeber. Eine Ex-Soldatin berichtet von Witzchen, Zoten, Übergriffen - und dem Befehl zur Verschwiegenheit.
Frauen bei der Bundeswehr: Kein Arbeitgeber wie jeder andere

Frauen bei der Bundeswehr: Kein Arbeitgeber wie jeder andere

Foto: Peter Endig/ picture alliance / dpa
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Berlin - Frauen bei der Bundeswehr sind in den Augen ihrer männlichen Kollegen oft nicht mehr als "Titten und Arsch". So hat es zumindest Marina Baus* erlebt, die fast zehn Jahre bei der Bundewehr diente. Offen diskutierten ihre männlichen Kameraden in ihrem Beisein, wie "geil" die "Schlampen" in ihrer Einheit sind. So ein Niveau sei "an der Tagesordnung", sagt Baus. Auch dass die Hand ihres Kollegen bei einer Übung im Trainingslager an ihrem Körper wie selbstverständlich nach unten wanderte, sei fast normal gewesen.

Auch wenn schwere Fälle wie Vergewaltigung wohl die Ausnahme darstellen, kann sexuelle Belästigung im Bund nicht mehr als Seltenheit dargestellt werden, wie es die Bundeswehr gerne tat. Dabei steht es in ihrer eigenen Studie: 55 Prozent der befragten Soldatinnen haben schon einmal sexuelle Belästigung in der Truppe erlebt. Trotzdem heißt es jetzt aus der Bundeswehr: Ist doch ganz normal. "Es gibt kein Indiz, dass sexuelle Belästigung in der Bundeswehr ein größeres Problem wäre als in anderen Unternehmen", so Gerhard Kümmel, Leiter der Studie.

Die Bundeswehr - ein Arbeitgeber wie jeder andere? Die ehemalige Soldatin Baus macht das wütend. "Zeigen Sie mir eine Firma, wo die Kollegen zusammen arbeiten, essen, schlafen", sagt sie. Wenn sie mit ihrer Einheit auf Übung "in die Pampa" gefahren ist, war sie sechs Wochen lang 24 Stunden am Tag mit ihrer Truppe zusammen. Zu zehnt wohnten sie in kleinen Holzbaracken.

Keine Kollegen, nur Kameraden

Unter solchen Bedingungen komme es schneller zu "Grenzüberschreitungen", sagt die Militärsoziologin Christiane Bender von der Bundeswehr-Universität Hamburg. Vor allem, weil die meisten Soldaten 18-jährige Jungs seien, die noch nicht gelernt hätten, souverän mit dem anderen Geschlecht umzugehen. In nur wenigen Unternehmen bestehe eine solche Nähe zwischen Arbeitskollegen.

"Arbeitskollege", die ehemalige Soldatin Baus betont süffisant jede Silbe. Bei der Bundeswehr gebe es keine Kollegen, nur Kameraden. "Wer was gegen die Gruppe sagt, ist raus", sagt sie. Beschwert sich eine Soldatin über die Hand am Hinterteil, gilt sie als "Verräter". Schließlich geht es bei der Bundeswehr nicht darum, mehr Rendite zu erreichen oder besonders viele Schuhe zu verkaufen. Im Einsatz geht es um Leben und Tod. Wer "immer gleich zum Chef" rennt, gilt als "Kameradenschwein", sagt Baus. "Dem geht es schlecht in der Truppe." Oft saßen die wenigen Frauen in ihrer Einheit zusammen, um zu besprechen, was man tun soll, wenn ein Soldat zu weit gegangen ist. Meistens sagten sie nichts.

Der Grund für das kollektive Schweigen der Soldatinnen liegt noch in einer anderen Eigenart des Arbeitgebers Bundeswehr begründet, so Baus. Sie ist nur 1,60 Meter groß und auch noch attraktiv. Es hat lange gedauert, bis die damals 21-Jährige ihren Ruf als "Frischfleisch" los hatte und als "echte" Soldatin galt. "Du musst stark sein", sagt sie. "Erst recht als Frau." Da fällt es schwer, sich als Opfer zu "outen".

Befehl und Gehorsam lautet das System

Außerdem lege es nahe, dass sich Soldaten von Frauen in der Bundeswehr bedroht fühlten, so Gender-Forscherin Christine Eifler von der Universität Bremen. Nicht nur, weil Frauen in Uniform ihre Männlichkeitsvorstellungen auf den Kopf stellten. Sondern auch, weil sie den Männern seit 2001 professionelle Konkurrenz machten. Sexuelle Belästigung sei eine Strategie, um die "alte Geschlechterordnung" wieder herzustellen, so Eifler. Das gelte für alle Arbeitsgebiete. Doch in keinem anderen Berufsfeld seien Frauen so lange ausgenommen gewesen - und in nur wenigen dürften sich die traditionellen Geschlechterrollen so zäh halten wie in der Bundeswehr.

Der wohl größte Unterschied: In der Bundeswehr gilt das System Befehl und Gehorsam. "Der Soldat muss seinen Vorgesetzten gehorchen", so steht es im Soldatengesetz . Dadurch entstehen "größere Abhängigkeiten" als in anderen Unternehmen, sagt der Wehrbeauftragte Hellmut Königshaus SPIEGEL ONLINE. Die absolute Befehlsgewalt und der Umgang mit der Waffe schaffe besondere Bedingungen für Gewaltanwendung, die mit kaum einem anderen Unternehmen zu vergleichen seien, sagt Forscherin Eifler.

Doch das Prinzip von "oben nach unten" funktioniere nicht im Kampf gegen sexuelle Belästigung, sagt Soziologin Bender. Sie fordert Soldatinnen auf, sich zu einem eigenen Netzwerk zusammen zu schließen, wie es auch Homosexuelle in der Bundeswehr  vor zwölf Jahren getan haben.

Die ehemalige Soldatin Baus ist da skeptisch. Alle Soldatinnen, die sie kannte, versuchten alles, um möglichst männlich zu wirken. Sie sagt: "Soldatinnen werden den Teufel tun und ihr Frausein auch noch betonen."

* Name geändert