Protest-Nacht im Wendland Blockieren, räumen, blockieren

Traktoren stehen quer auf Kreuzungen, Demonstranten übernachten auf Bahnschienen, bis die Polizei ihre Blockade räumt: Im Wendland ist der Protest gegen den Castortransport voll entbrannt. Nun greifen auch die Bauern ein. Die größte Gefahr für den Atomtransport könnte aber das Wetter werden.

REUTERS

Von , Harlingen/Dannenberg


Der Castor lässt auf sich warten. Seit Samstagabend steht der Zug mit den elf Atommüllbehältern auf dem Rangierbahnhof Maschen bei Hamburg. Schon zuvor musste er öfter anhalten. Teils weil ihn Protestaktionen dazu zwingen. Teils aus taktischen Überlegungen der Organisatoren. Noch ist nicht klar, wann der Transport Dannenberg erreichen wird. Dort werden die Castor-Behälter von der Schiene auf die Straße gebracht. Die letzten 20 Kilometer bis Gorleben übernehmen spezielle Schwerlasttransporter. Das Verwirrspiel rund um den genauen Ankunftstermin lässt den Wendländern viel Zeit, ihren Protest zu organisieren - es war eine turbulente Nacht.

Mehr als 4000 Menschen hatten es meist schon am Samstagnachmittag auf die Castor-Gleise bei Harlingen geschafft. Dort harrten sie bis in die frühen Morgenstunden aus. Mit ihrem friedlichen Protest wollten sie die Ankunft des Zuges verzögern - und ein Zeichen gegen die Atomkraft setzen. Angst vor möglichen Repressalien äußerten die wenigsten Widerständler, die es sich auf der Trasse gemütlich gemacht hatten. In Decken gehüllt, von den Feuern am Streckenrand beleuchtet. Und sie beweisen Sitzfleisch.

Um 2.40 Uhr ergeht dann der erste Aufruf der Polizei, die Schienen zu verlassen. Wenig später beginnen Beamte, die Castor-Gegner vom Gleis zu tragen. Viele der Demonstranten werden nach Ablauf der Aktion in einem gigantischen Rondell aus Einsatzfahrzeugen festgesetzt. "Davor ist mir schon etwas mulmig", sagt ein junges Mädchen, sie ist in eine dicke Decke gehüllt. Auf 700 Meter Länge war die Blockade der mehr oder minder durchgefrorenen Menschen angewachsen, sagt ihr Sitznachbar stolz. Die Aktion der Polizei nimmt mehr als fünf Stunden in Anspruch - erst um 7.40 Uhr am Morgen ist die Strecke geräumt.

Zuletzt waren zwei an die Gleise gekettete Aktivisten der Umweltorganisation Robin Wood gelöst und in Gewahrsam genommen worden. Zudem hatte die Polizei zwei Umweltschützer von Bäumen geholt.

Fotostrecke

15  Bilder
Castor-Transport: Turbulente Nacht des Widerstands
Für weiteren Ärger sorgte eine Aktion der Umweltschutzorganisation Greenpeace. Aktivisten hatten sich an einem Schienenstrang bei Lüneburg festgekettet. Auch sie loszuschneiden beschäftigte die Sicherheitskräfte über Stunden.

Die Bauern greifen ein

Der Castor-Transport befindet sich mit dem Stopp in Maschen jedenfalls schon in der Nähe seines Bestimmungsorts. Und das bedeutet: Die Bäuerliche Notgemeinschaft tritt in Aktion. Die legendär geheimniskrämerischen Landwirte tragen jedes Mal entscheidend dazu bei, dass der Transport der Castor-Behälter massiv behindert wird. Am Sonntagmorgen ketten sich vier Mitglieder der Notgemeinschaft in Hitzacker an einer Betonpyramide auf der Bahnstrecke an. Spezialisten der Polizei sollten anrücken, um die Aktion zu beenden. Auch zwischen Lüneburg und Dannenberg machten sich am frühen Sonntagmorgen vier Atomkraftgegner an den Gleisen fest.

An neuralgischen Punkten positionieren die Bauern gern Straßensperren, meist nutzen die dazu ihr landwirtschaftliches Gerät. Auch in diesem Jahr ist es nicht einfach, sich kurz vor der voraussichtlichen Ankunft des Atommülls im Wendland fortzubewegen. Immer wieder stehen Anhänger oder Zugmaschinen auf Landstraßen und an Kreiseln. Sie sollen die Nachschubrouten der Polizei unterbrechen, ohne andere Verkehrsteilnehmer zu beeinträchtigen. Denn das ist der Kniff: Ein Pkw kommt an vielen der Hindernisse noch vorbei. Für die massigen Transportfahrzeuge der Polizei ist dagegen Endstation.

Noch nach 5 Uhr morgens sind Polizeieinheiten in Trebel bei Gorleben damit beschäftigt, mit Zement gefüllte Pyramiden und allerlei Landmaschinen von der Straße zu räumen - unter lautem Jubel einer kleinen Gruppe von Männern. "Der Widerstand schläft nicht, auch nicht um 5.11 Uhr. Wir sind zwar nicht viele - aber wir sind da", sagt einer. Auch hier das Konzept: Den Castor und seinen polizeilichen Begleitschutz so lange wie möglich aufhalten. "Heute haben vier Leute eine Hundertschaft der Polizei ausgiebig in Atem gehalten", freut sich einer der Organisatoren.

Eine weitere enorme Verspätung droht den Castoren jedoch nicht durch Demonstranten und Gegenaktionen - sondern durch das Wetter. Für Sonntag sind Böen der Stärke sieben bis acht angekündigt. Aus Sicherheitsgründen darf der Castor aber nur bis zu Windstärke sieben von Zügen auf Sattelschlepper verladen werden. Schon jetzt wird über eine Ankunft am Montag spekuliert. Die mögliche Bonus-Protestnacht dürften die Wendländer sinnvoll zu füllen wissen.

Mit Material von dapd und dpa



insgesamt 170 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
berpoc 27.11.2011
1. Ich finde,...
... die Atomkraftbefürworter - es soll ja tatsächlich noch welche geben - sollten den Geleitschutz für die Castoren stellen. Das gäb' richtig Gaudi.
rkinfo 27.11.2011
2. Wendland21
Die Wutbürger bekämpfen nun auch noch die Abwicklung der Atomkraftwerke. Wir haben nun mal ca. 10.000 to hochradioaktiven Abfall schon erzeugt seit Beginn der deutschen Atomära und der muß die nächsten 1 Mill. Jahre sicher gelagert werden. Da helfen auch keine Wutbürger21 Aktionen oder die Albi-Bekämpfung von Stuttgart21.
Maronno 27.11.2011
3. Gewalttäter
Eine Blockade wird als "Ordnungswidrigkeit" behandelt. Also bei rot über die Ampel gehen. Solange das der Fall ist, werden weiterhin zig Millionen Steuergelder für diese rücksichtslosen "Aktivisten" verpulvert. Der Staat muss einfach mal durchgreifen: Steine und Brandsätze werfen: versuchter Totschlag. Blockade: Nötigung. Haft- und hohe Geldstrafen schrecken ab. Sonst geht das Spiel der verwöhnten Wohlstandskinder immer so weiter.
dickebank, 27.11.2011
4. ohne
Zitat von sysopTraktoren stehen quer auf Kreuzungen, Demonstranten übernachten auf Bahnschienen, bis die Polizei ihre Blockade räumt: Im Wendland ist der Protest gegen den Castortransport voll entbrannt. Nun greifen auch die Bauern ein. Die größte Gefahr für den Atomtransport könnte aber das Wetter werden. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,800164,00.html
Polizei abziehen, Transport unbewacht stehen lassen, möglichst in der Nähe von urbanen Ballungsräumen. Wenn Zeit und Gelegenheit ist, dann Weiterfahrt bis zum Zwischenlager. Sollte der Schienenweg "geschottert sein", ganzen Zug eben entgleisen und vor Ort liegen lassen, die Castoren werden es aushalten.
imagine, 27.11.2011
5. Seltsam
wenn gegen Windräder protestiert wird, verstehen das alle. Aber wehe es geht gegen ein Atomklo. Die das ablehnen sind grundsätzlich kriminell. Sollen doch alle, die Atommüll für harmlos halten, ein Fässchen im eigenen Garten vergraben. Dann ist das Problem ganz schnell erledigt. Aber nicht vergessen, vorher die Nachbarn zu ínformieren.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.