Proteste in Straßburg und Kehl Nato-Gegner werfen Brandbomben auf Polizei

In Straßburg gab es Krawalle, in Kehl eine Kundgebung mit Tausenden Teilnehmern: Demonstranten auf beiden Seiten des Rheins haben teils gewalttätig gegen den Nato-Gipfel protestiert - die Polizei setzte im großen Stil Tränengas ein. Bis zum Mittag wurden etwa 40 Menschen verhaftet.

Aus Kehl und Straßburg berichten und Malte Göbel


Straßburg/Kehl - Um sechs Uhr ist Straßburg an diesem Morgen fast menschenleer. Vor dem klassizistischen Universitäts-Hauptgebäude stehen ein paar frierende Gestalten, halten ein Banner hoch, neben sich eine Mauer aus Umzugskisten. Später wollen sie damit symbolisch die Straße absperren - das ist der "Block Nato"-Treffpunkt.

Immer wieder tauchen Grüppchen von Nato-Gegnern auf, die meisten jung, manche vermummt. Eine Samba-Band biegt um die Ecke, etwa 30 Leute mit Perücken, Boas und vielen Trommeln. Ein Hubschrauber knattert über die Köpfe der bald 400-köpfigen Menge, in einiger Entfernung stehen Wasserwerfer der Polizei und ein paar Beamte.

Um halb sieben macht sich ein Sprecher per Megafon bemerkbar. "Wir wollen das Nato-Treffen blockieren!"

Die eine Seite will demonstrieren, die andere positive Gipfelbilder produzieren: Am Morgen haben die Gastgeber Angela Merkel und Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy zunächst auf der Europabrücke am Rhein zu einem symbolischen Handschlag geladen. Später wollten die Staats- und Regierungschefs der Nato-Staaten in Straßburg ihre Beratungen fortsetzen.

In Straßburg setzen sich die Demonstranten in Bewegung, schräg über den Platz, Richtung Norden. Plötzlich ein Knall - Tränengas. Zunächst lässt sich die Demonstration zurückdrängen, über Umwege geht es dann doch nach Norden, in die Avenue de la Paix. Die Polizisten sind unruhig, hinter ihnen ist die Rue Oberlin, die bereits am Vortag weiträumig abgesperrt wurde: die Hauptverbindungsstraße zwischen dem Messegelände, wo der Gipfel stattfindet, und der Innenstadt, wo mittags diniert werden soll.

Die Blockierer sind genau daneben und schon in Sichtweite des Sicherheitskordons um das Messegelände. Monty Schädel, einer der deutschen Protestorganisatoren, ist zufrieden. "Wir sind schon viel weiter, als uns die Polizei wollte. Die Blockade ist schon jetzt ein Erfolg."

Etwas nördlich der Synagoge kommt es dann zu Rangeleien mit der Polizei. Dabei scheint es so, als suche hier niemand unter den Demonstranten den Konflikt. "Wir wollen ohne Gewalt demonstrieren, doch das wird uns verwehrt", sagt Schädel. Immer wieder singen im Hintergrund die Protestler "Happy Birthday, liebe Nato."

Polizisten setzen Blendschockgranaten ein

Zu schweren Krawallen kommt es zwischen Polizisten und Demonstranten aus dem Protest-Camp am Rande Straßburgs: Die Polizei setzt neben Tränengas auch Gummigeschosse und Blendschockgranaten ein. Laut Behörden haben rund 25 Demonstranten Baseballschläger und Stöcke bei sich. Mehrere Gipfelgegner werden bei dem Polizeieinsatz verletzt.

Demonstranten schleuderten im Osten der Stadt Brandbomben auf Sicherheitskräfte. Mit Holzlatten und Steinen griffen sie die Polizisten an. Sie errichteten Barrikaden aus Matratzen und Straßenschildern.

Auf der anderen Rheinseite ist von solchen Randalen auch am Samstagmorgen nichts zu sehen. Auch deshalb, weil die Polizei diesmal den Zugang in die Grenzstadt Kehl massiv eingeschränkt hat. Gegen neun Uhr stehen nur ein paar Anwohner gegenüber dem Kehler Bahnhof, wo die Europabrücke nach Frankreich hinüberführt. "Man will halt mal sehen, was hier so los ist", sagt Simone Brintz, die mit ihrem Mann an der Absperrung steht.

Zu sehen ist einige Minuten später die Kolonne von US-Präsident Barack Obama, die mit buntem Blinklicht von Straßburg herüberkommt und direkt hinter der Brück zum Rhein abbiegt. Dann rollt die Karawane aus Baden-Baden an: eine Limousine nach der anderen, immer wieder begleitet von Polizeiwagen oder -Motorrädern.

Marsch über die Rheinbrücke geplant

Als einige Minuten später Merkel ihre Gipfelkollegen mit Sarkozy auf der Fußgängerbrücke Passerelle zusammentreffen, schlummert der Protest auf dem Kehler Marktplatz noch. In Schlafsäcken liegen hier Dutzende Demonstranten, sie haben hier teilweise die Nacht verbracht, zahlreiche Transparente sind aufgehängt. Nur das Riesenaufgebot an Polizei stört hier die Idylle. Nach dem symbolischen Nato-Handschlag schießen französische Alpha-Jets hinweg, deren Kondensstreifen dem Ereignis angemessen in den Farben der Nato und nicht in denen der Trikolore gefärbt waren. Ein älterer Herr ruft: "Scheiß Nato".

Später demonstrieren in Kehl 4000 Menschen bei der bisher größten Kundgebung gegen den Nato-Gipfel auf deutscher Seite - gegen elf Uhr traf ein Sonderzug - die "Friedenslok" - mit Demonstranten aus ganz Deutschland am Bahnhof ein. Von einem unweit gelegenen Parkplatz ist später eine Großdemonstration Richtung Europabrücke geplant - und der Marsch nach Straßburg. Noch ist unklar, ob die französischen Grenzer die Protestierer durchlassen.



insgesamt 913 Beiträge
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Seite 1
Adran, 30.03.2009
1.
Chinesen werden selbstbewusst ohne ende, und rufen das chinesich Jahrtausend aus, nicht zu unrecht.. Russland wird mittlefristig wieder aufsteigen.. Und wir debattieren ob die Nato noch zeitgemäß ist? Bitte.. ich will hier raus ;)
Gandhi, 30.03.2009
2. Nein,
jedenfalls nicht in der alten form. Und wenn die "neue" Form darin besteht, die Wirtschaftsinteressen des Westen global durchzusetzen, dann geschieht dies ohne Legitimation. Doch ohne NATO ist nicht richtig moeglich, alle westlichen Staaten unter einen Hut zu bringen. Daher hat sich Sarko wohl entschlossen wieder ins militaerische Buendnis voll zurueckzukehren. Doch auch das wird der NATO langfristig nicht helfen. Die USA werden wegen der eigenen Finanzlage von den Europaeern mehr verlangen (und damit Einfluss abgeben), viele Europaeer sehen hingegen keinen Sinn mehr in der NATO.
R.Socke 30.03.2009
3.
Zitat von sysopAm Wochenende kommen die Mitgliedsstaaten zu ihrem Gipfel in Straßburg und Baden-Baden zusammen. Zehntausenden wollen dagegen demonstieren. Ist die Nato noch zeitgemäß?
Die NATO hat mit dem Kollaps der Sowjetunion und des Warschauer Pakts seine Existenzberichtigung verloren. Der schier unstillbare Hunger der mit den Regierungen und "Verteidigungs"ministerien verbandelten Waffen- und "Sicherheits"-Industrie nach immer mehr Regierungs(steuer)geldern hat Konsequenzen aus dieser Einsicht erfolgreich verhindert. Wir zahlen, die schießen, kassieren und bedrängen u.a. Russland. Das ist fatal, dämlich und kurzsichtig und wird uns allen auf die Füße fallen - die finanziellen Folgen sind da noch das geringste Problem.
Hans58 30.03.2009
4.
Zitat von sysopAm Wochenende kommen die Mitgliedsstaaten zu ihrem Gipfel in Straßburg und Baden-Baden zusammen. Zehntausenden wollen dagegen demonstieren. Ist die Nato noch zeitgemäß?
DIE NATO, also die NATO zum Zeitpunkt ihrer Gründung, ist nicht mehr zeitgemäß. Man hat das z.B. an dem juristischen Hick-Hack gesehen, der bei dem Beschluss über den Bündnisfall nach Art 5. des NATO-Vertrags anlässlich des 11. September 2001 gemacht wurde. Nur mit Müh' und Not hat man die Terrorangriffe als Angriffe auf einen Bündnispartner konstruieren können. Die NATO, die z.B. derzeit in Afghanistan im Auftrag und auf Beschluss des UN-Sicherheitsrates eine militärische Operation leitet, für deren Dauer der milit. NATO-Kommandostruktur sogar Truppen von Nicht-NATO-Staaten unterstellt sind, zeigt die heutige Ferne vom ursprünglichen Vertragswerk. Ergo, man möge unter dem geschichtlich bewährten Namen NATO eine neue Organisationsform und vor allem ein modernes Vertragswerk schaffen, dieses wie bisher auch mit "Doktrinen" untermauern und damit der NATO ein neues Gesicht verpassen. Ein WESTLICHES Bündnissystem muss es in irgendeiner Form weitergeben! Diejenigen, die jetzt demonstrieren werden, haben in der Masse von der NATO, ihren Regelwerken etc. so viel Ahnung wie die meisten Demonstranten in der jahrelangen Vergangenheit bei vergleichbaren NATO-Veranstaltungen.
sagichned 30.03.2009
5.
Zitat von AdranChinesen werden selbstbewusst ohne ende, und rufen das chinesich Jahrtausend aus, nicht zu unrecht.. Russland wird mittlefristig wieder aufsteigen.. Und wir debattieren ob die Nato noch zeitgemäß ist? Bitte.. ich will hier raus ;)
Wieso sollten chinesen oder russen den westen überfallen und/oder besetzen wollen? Damit sie ihre waren und gas umsonst liefern?
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