Protestwelle Merkel nimmt den Papst in Schutz

"Schamlos, beleidigend, blasphemisch" - Benedikt XVI. hat mit seiner umstrittenen Rede unter Muslimen einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. In Deutschland verteidigten Unionspolitiker den Papst. Wer ihn kritisiere, verkenne die Intention seiner Rede, sagte Bundeskanzlerin Merkel.


Kairo/Rom/Berlin - Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) nahm Papst Benedikt XVI. in Schutz. Die Rede des Papstes sei eine Einladung zum Dialog der Religionen, sagte Merkel der "Bild"-Zeitung. Auch sie halte dies für dringend nötig. "Was Benedikt XVI. deutlich macht, ist die entschiedene und kompromisslose Absage an jegliche Anwendung von Gewalt im Namen der Religion." Wer den Papst kritisiere, verkenne die Intention seiner Rede, sagte die CDU-Chefin.

Auch Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber sieht "überhaupt keinen Grund für Kritik". Die klare Absage des Papstes an jede religiös motivierte Gewalt sei gerade angesichts der Auseinandersetzungen in der heutigen Zeit hochaktuell und sollte überall auf der Welt sehr ernst genommen werden, sagte der CSU-Vorsitzende dem "Münchner Merkur".

Benedikt XVI. war während einer Vorlesung in Regensburg am Dienstag auf das Verhältnis von Religion und Gewalt eingegangen. Im Zusammenhang mit dem sogenannten Heiligen Krieg zitierte er einen christlich-byzantinischen Kaiser aus dem 14. Jahrhundert mit einer scharfen Kritik an der Aufforderung des Islams, der Glaube solle mit dem Schwert verbreitet werden. Sprecher des Vatikans erklärten, dem Papst sei es um eine "klare und radikale Zurückweisung einer religiösen Motivation von Gewalt" gegangen. Der Papst habe die "Sensibilität islamischer Gläubiger" nicht verletzen wollen.

Die Äußerungen des Papstes über den Propheten lösten in der islamischen Welt jedoch einen Sturm der Entrüstung aus, der Erinnerungen an den Streit um die Mohammed-Karikaturen weckt. Die Islamische Konferenzorganisation OIC, der 57 Staaten angehören, warf dem Oberhaupt der katholischen Kirche eine "Verleumdungskampagne" gegen den Islam vor. In verschiedenen Ländern sprachen Religionsvertreter heute von Beleidigung und Gotteslästerung und forderten eine Entschuldigung des Vatikans.

Die OIC kritisierte auf einer Tagung im saudi-arabischen Dschidda, der Papst habe Mohammed als "böse und unmenschlich" dargestellt. In einer Erklärung heißt es: "Die OIC hofft, dass diese Kampagne nicht der Prolog für eine neue Politik des Vatikans gegenüber dem Islam ist, besonders nach den vielen Jahrzehnten des Dialoges, der die Kleriker des Vatikans und die führenden Denker und Religionsgelehrten der Muslime einander näher gebracht hat."

Der Vizechef der türkischen Regierungspartei AKP, Salih Kapusuz, sagte der Nachrichtenagentur Anadolu, der Papst werde wegen seiner Äußerung als negative Figur in die Geschichte eingehen wie Hitler und Mussolini. Der oberste islamische Geistliche in der Türkei, Ali Bardakoglu, erklärte, nicht der Islam, sondern das Christentum habe das Schwert zur Bekehrung genutzt. Davon zeugten die Kreuzzüge. Der Papst will am 28. November die Türkei besuchen.

"Wacht auf, Muslime"

Der palästinensische Regierungschef Ismail Hanija forderte den Papst auf, seine Angriffe gegen die Religion von mehr als 1,5 Milliarden Menschen weltweit einzustellen. Die Äußerungen seien unwahr und rührten "an den Kern unseres Glaubens", sagte er in Gaza. Dort explodierte am Nachmittag ein Sprengsatz vor einer christlichen Kirche. Es entstand geringer Sachstand, Menschen wurden nicht verletzt. Rund 2.000 Palästinenser demonstrierten am Abend vor dem Parlamentsgebäude in Gaza gegen die Islam-Äußerungen des Papstes. Sie warfen ihm vor, einen neuen Kreuzzug gegen die muslimische Welt anzuführen. Bei der Demonstration sagte ein Hamas-Vertreter, der neue Kreuzzug gegen die arabisch-islamische Welt trete in verschiedenen Formen auf: "in Karikaturen oder Vorlesungen ... sie hassen unsere Religion". Auch örtliche griechisch-orthodoxe Geistliche verurteilten die Äußerungen Benedikts.

Papst Bendikt XVI. in Regensburg: Muslime werfen ihm eine Verleumdungskampagne vor
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Papst Bendikt XVI. in Regensburg: Muslime werfen ihm eine Verleumdungskampagne vor

Die ägyptische islamische Arbeitspartei attackierte den Papst und rief zu Protesten auf. Die Partei erklärte: "Wacht auf Muslime, der Papst beleidigt den Propheten und bezeichnet den Islam in seiner Ahnungslosigkeit als möglichen Feind." Die radikale ägyptische Moslembruderschaft verlangte eine Entschuldigung. Benedikt XVI. gieße "Öl aufs Feuer". Ein iranischer Kleriker und Mitglied des höchsten islamischen Gremiums des Landes bezeichnete die Papst-Äußerungen als "unerhört".

Das pakistanische Parlament verabschiedete einstimmig eine Resolution, in der es heißt, die Äußerungen Benedikts verletzten die Gefühle der Muslime, erzeugten eine Kluft zwischen den Religionen und stellten einen Verstoß gegen die Uno-Menschenrechtskonvention dar. Die Parlamentarier forderten eine Zurücknahme der Worte. Der Botschafter des Vatikanstaats in Pakistan wurde einbestellt. Muslimische Gelehrte in Indien kritisierten die Äußerungen des Papstes als "unverantwortlich" und "blasphemisch". Im mehrheitlich muslimischen indischen Bundesstaat Jammu und Kaschmir beschlagnahmten Polizisten vorsorglich Tageszeitungen, in denen über die Äußerungen berichtet wurde, um Unruhen zu verhindern. Dennoch kam es zu Protestdemonstrationen.

Der Großmufti in Syrien forderte Benedikt auf, seine kritischen Äußerungen zum Islam zu klären. Auch die britischen Muslime drangen auf eine Klarstellung. Der Muslim Council of Britain (MCB) - die Dachorganisation der rund 250 muslimischen Gruppen in Großbritannien - erklärte: "Von einem religiösen Führer wie dem Papst hätte man erwarten können, dass er mit Verantwortungsbewusstsein handelt und spricht und im Interesse von Wahrheit und Harmonie zwischen den Anhängern des Islams und des Katholizismus die Ansichten des byzantinischen Kaisers zurückweist."

Verständnis von den Grünen

Scharfe Kritik kam auch vom Zentralrat der Muslime in Deutschland. "Wir sind empört über diese Äußerungen - insbesondere nach dem intensiven Dialog, den wir geführt haben", sagte der Vorsitzende Ayyub Axel Köhler der "Mitteldeutschen Zeitung". Köhler rief die Muslime in Deutschland jedoch zugleich zur Mäßigung auf. "Uns muss es als deutsche Staatsbürger um einen respektvollen Umgang miteinander gehen", sagte er dem "Hamburger Abendblatt". "Unsere Waffe sind nicht die Muslime mit der erhobenen Faust." Köhler fürchtet, dass der Konflikt sich nun aufschaukeln werde. Er gehe davon aus, dass die Aussagen des Papstes, "die Islamophobie in Europa, insbesondere hier in Deutschland" verstärken werde und forderte vom Oberhaupt der katholischen Kirche eine Entschuldigung.

Grünen-Fraktionsgeschäftsführer Beck äußerte Verständnis für die Kritik an den Papst-Äußerungen und bezeichnete die Papst-Worte als "merkwürdig einseitig und geschichtsblind". Alle drei großen monotheistischen Religionen hätten sich die Akzeptanz von Religionsfreiheit und Pluralismus erst erarbeiten müssen. FDP- Kirchenexperte Hans-Michael Goldmann sagte der "Netzeitung": "Wir dürfen nicht islamistische Terroristen mit dem Islam gleichsetzen. Es war daher ungeschickt vom Papst, den Eindruck zu erwecken, als habe der Islam grundsätzlich ein höheres Gewaltpotenzial als das Christentum."

phw/AFP/dpa/reuters

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