Provokateure global Die anderen Sarrazins

Angst vor dem Islam, Integrationsprobleme, Ausländerfeindlichkeit: Nicht nur in Deutschland wird darüber heftig gestritten. In fast jedem Land gibt es Provokateure wie Thilo Sarrazin - SPIEGEL-ONLINE-Korrespondenten zeigen, wie Populisten weltweit gegen Minderheiten Stimmung machen.
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Falsche Volkshelden: Sarrazins überall

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Thilo Sarrazin

ist nicht allein. Fast jedes Land kann Provokateure vorweisen, die sich mit griffigen Thesen zu Lieblingen des Volkes aufschwingen - und oft sogar Wahlerfolge einfahren. Denn weltweit gibt es Ängste vor Überfremdung, falscher oder schlechter Integration von Migranten, verfehlter Zuwanderungspolitik.

Die Methode Volksheld funktioniert bestens: Wer die Themen Zuwanderung oder Integration anpackt, wird als unerschrockener Wahrheitssucher gefeiert. Viele Kritiker der sogenannten herrschenden Verhältnisse spielen nur zu gern die Rolle des Außenseiters, der sich mit dem verbohrten Establishment anlegt. Oftmals sind die Provokateure weit radikaler als Sarrazin, ihre Formeln platter und härter. Doch ähnlich wie er können sie durch Abgrenzung oder Ausgrenzung Punkte sammeln.

Mal sind es die Muslime, mal die Roma, mal die Ausländer ganz generell, die ins Visier der Populisten geraten. In Großbritannien ist es sogar die EU.

In manchen Staaten werden die Provokateure selbst zu den führenden Politikern. In anderen wie Russland bleiben die Populisten indes ewige Außenseiter. Die herrschenden Politiker lassen nicht zu, dass sie ihnen die Show stehlen. Wenn sie Unmut im Volk verspüren, präsentieren sie sich lieber selbst als Problemlöser.

Mit welchen Methoden arbeiten die anderen Sarrazins? Wer hat Erfolg? Wer nicht? SPIEGEL-ONLINE-Korrespondenten zeigen neun Beispiele, wie Populisten in anderen Ländern agieren:

Lou Dobbs, USA: Verschwörungstheoretiker

Der CNN-Veteran gab bis vor kurzem zur besten Sendezeit den amerikanischen Sarrazin - und erklärte sich selbst zum Tabubrecher, der Themen anspricht, die das Establishment totschweigt. Jetzt liebäugelt er mit dem Sprung in die Politik.

Im Film "Network", einem Hollywood-Hit der siebziger Jahre, steht der TV-Moderator Howard Beale kurz vor der Ablösung, die Quoten stimmen nicht mehr. Kurzerhand verwandelt er seine Sendung in ein Ventil für seinen Frust über die Gesellschaft. "I am mad as hell", er sei verdammt wütend, schreit Beale, er könne das alles einfach nicht mehr ertragen.

Die Zuschauer brüllen seinen Satz begeistert mit, und der Moderator avanciert zum Volkshelden.

Einwanderer

Auch das Amerika des 21. Jahrhunderts hat einen Howard Beale, er trägt einen mächtigen Bauch vor sich her, sein Gesicht ist meist gerötet und seine dröhnende Stimme beklagt den "Krieg gegen die Mittelklasse" und die "Invasion" der illegalen . Lou Dobbs ist ein Veteran des Nachrichtensenders CNN und damit eigentlich fest verankert in der US-Elite. Als Moderator einer erfolgreichen Wirtschaftssendung scheffelte er in den Boomjahren Millionen, seine Ranch in New Jersey ist 300 Hektar groß.

Doch Dobbs, 65, verwandelte sich in einen vorgeblichen Anwalt des kleinen Mannes - er gab zur besten Sendezeit den amerikanischen Sarrazin und schimpfte vor allem über die verfehlte US-Einwanderungspolitik. Laut Dobbs ist in Amerika das Boot längst voll, Einwanderer bringen fast nur noch Schlechtes: Drogen, Waffen, Gewalt und Verbrechen. Sogar für Tausende Fälle von Lepra auf amerikanischem Boden seien die Zuzügler verantwortlich. Dass seine Zahlen nicht stimmten, ficht Dobbs wenig an.

So weit geht Dobbs Obsession, dass er voriges Jahr in seinen Sendungen sogar Verschwörungstheorien breiten Raum einräumte, Präsident Barack Obama sei gar nicht in den USA geboren. Als die Empörung darüber hochkochte, beharrte der Moderator zwar nicht auf dieser These. Doch man werde darüber ja wohl noch reden dürfen, verteidigte er sich.

Dobbs Eskapaden wurden CNN immer peinlicher

CNN sind solche Eskapaden immer peinlicher geworden, der Nachrichtenkanal will sich in Abgrenzung zu den Kabel-Schreihälsen von rechts und links seriös und unparteiisch geben. Außerdem sorgte Dobbs zwar laufend für Debatten, doch seine Einschaltquoten schwächelten schließlich. Voriges Jahr schied Dobbs als CNN-Moderator aus, vorzeitig, acht Millionen Dollar Abfindung soll er eingestrichen haben.

Doch verstummt ist er keineswegs, er predigt nach wie vor im Radio, als Redner und Kommentator. Dobbs ist weiter "mad as hell" - und es gibt genug Leute, die ihm zuhören. Schließlich sind der Abstieg der Mittelklasse und die Einwanderungspolitik gerade heiße Eisen im US-Wahljahr. Der Bundesstaat Arizona, an der Grenze zu Mexiko, debattiert derzeit über ein knallhartes neues Gesetz, das Polizeikontrollen gegen illegale Einwanderer viel leichter machen soll.

Dobbs selbst liebäugelt mit einem Sprung in die Politik, natürlich als unabhängiger Bewerber. Die Republikanische Partei, der er lange angehörte, hat er verlassen. Ihr sei so wenig zu trauen wie Obamas Demokraten, so der Journalist. 2012 könnte er als Kandidat für einen Senatssitz in New Jersey antreten, heißt es, sogar eine Präsidentschaftskandidatur mag Dobbs nicht mehr ausschließen: "Ich kann nicht neutral bleiben, wenn es um die arbeitenden Männer und Frauen in unserem Land geht."

Wladimir Schirinowski, Russland: Polit-Clown des Kreml

Russischer Nationalpopulist Wladimir Schirinowski:

Russischer Nationalpopulist Wladimir Schirinowski:

Foto: A2800 epa Chirikov/ dpa

In Russland sind Populisten rar. Wer versucht, ein größeres Wählerpotential abzuschöpfen, bekommt es mit dem Kreml zu tun. Nur den Politclown Wladimir Schirinowski lässt man seit 20 Jahren den rechten Rand beackern.

In Russland widmete das staatliche Fernsehen den Thesen Sarrazins einen Drei-Minuten-Beitrag, in der Hauptnachrichtensendung "Westi". Der russische Deutschland-Korrespondent zitierte deutsche Blogger, die sich darüber echauffieren, dass "die nackte Wahrheit mit Rücksicht auf Political Correctness ignoriert" werde, obwohl Sarrazin Recht habe. Kritische Stimmen zu Sarrazins Äußerungen kamen nicht zu Wort.

Der prominent platzierte Bericht spiegelt eine bis weit in das liberale Lager verbreitete Meinung der Moskauer Machtelite wieder. Dort herrscht Unverständnis darüber, wie "sich die Westeuropäer durch die Zuwanderung von Millionen Muslimen Konflikte ins Land holen, die bei uns in Russland den Staat als solchen bedrohen".

Von Russlands 142 Millionen Einwohnern sind 16 Millionen Muslime. Im Kaukasus kämpfen islamistische Untergrundbewegungen für die Abspaltung von Moskau. Rechtspopulisten wie Wladimir Schirinowski, Chef der Liberaldemokratischen Partei (LDPR), punkten mit unverhohlen islamfeindlichen Parolen bei den Wählern. In seinem 2007 neu aufgelegten Werk "Der letzte Sprung nach Süden" schreibt Schirinowski etwa, es gelte "die islamische Gefahr zu bannen".

Der Kreml duldet Schirinowskis Tiraden

Er sei "verwundert von der negativen Reaktion der deutschen Gesellschaft", sagte Schirinowski nun SPIEGEL ONLINE. Sarrazins Warnung sei ja noch vorsichtig. "Die Probleme, die er beschreibt, sind nur leichte Symptome, ein Grippeanfall. Wenn man sie aber nicht beachtet, dann könnte die Pest ausbrechen."

Bei den russischen Präsidentschaftswahlen 2008 landete Schirinowski immerhin auf Rang drei, 9,3 Prozent der Wähler stimmten für ihn. Zwar dünnte Wladimir Putin im vergangenen Jahrzehnt Russlands Parteienspektrum stark aus. Schirinowski aber blieb. Auch, weil der Kreml seine Tiraden duldet, sammelt die LDPR doch große Teile des Wählerpotentials am rechten Rand, ohne für Russlands Führung eine Gefahr darzustellen.

Ein anderer dagegen überspannte den Bogen: Dmitrij Rogosin, heute Nato-Botschafter Moskaus in Brüssel, 2003 aber Mitbegründer der Partei Rodina (Heimat), plädierte zunächst für eine "zeitgemäße Kolonialpolitik" Russlands gegenüber den zentralasiatischen Republiken wie Usbekistan und Tadschikistan und forderte eine "Reintegration" der Ukraine, Weißrusslands und Kasachstans. Doch im Wahlkampf um den Einzug in das Moskauer Stadtparlament setzte Rogosin auf unverhohlen rassistische Parolen. "Wir säubern unsere Stadt vom Müll" lautete der Titel eines Wahlwerbespots, der aggressiv Stimmung gegen Zuwanderer aus dem Kaukasus und Zentralasien machte.

"Heimat" wurde daraufhin vom Stimmzettel gestrichen, denn selbst dem Kreml war das im Vielvölkerstaat Russland der Zündelei zu viel.

Viktor Orbán, Ungarn: Nationalpopulist

Ungarns Premier Viktor Orbán: Anti-Roma-Rhetorik

Ungarns Premier Viktor Orbán: Anti-Roma-Rhetorik

Foto: FERENC ISZA/ AFP

In Ungarn ist die Ausgrenzung von Minderheiten Mainstream: Besonders die rassistische Jobbik-Partei hetzt offen gegen die Roma - und Premier Viktor Orbán hat geholfen die Rechtsausleger hoffähig zu machen.

In Ungarn hätte ein Thilo Sarrazin keine Chance. Er würde mit seinen Thesen hoffnungslos hinterherhinken. Wohl eine Mehrheit der Bevölkerung ist schon lange überzeugt, dass die Roma - in der ungarischen Integrationsdebatte geht es um Roma statt um Muslime - eigentlich nicht nach Ungarn gehören. Zu sagen, dass die Roma-Integration angeblich auf immer gescheitert ist, ist in der politischen Szene des Landes alles andere als ein Tabubruch, sondern ganz normal.

Am radikalsten artikuliert die rechtsradikale Partei Jobbik den Hass der Mehrheit. In ihren Augen kommen Roma schon als Kriminelle auf die Welt, deren Familien dem Staat auf der Tasche liegen und die so gebärfreudig sind, dass das Ungarntum ernstlich in Gefahr ist. Die uniformierten Schlägertrupps von Jobbik spielen sich in Stadtvierteln mit hohem Roma-Anteil als Bürgerwehr auf, die die Menschen vor dem Verbrechen schützt.

Orbán macht die rechtsradikalen Jobbiks hoffähig

Und die politische Klasse gibt ihnen im Prinzip recht: Das "Roma-Problem" müsse dringend angegangen werden, hatte Viktor Orbán immer gesagt, bevor er vor hundert Tagen Ministerpräsident wurde. Gewonnen hat er die Wahl zwar mit nationalistischer Rhetorik, aber nicht mit dem Roma-Thema und vor allem, weil er die vorher regierenden Sozialdemokraten als Versager in der Finanzkrise vorführen konnte.

Aber Orbán hat einen Beitrag geleistet, die rassistischen Jobbik-Thesen hoffähig zu machen. Erschreckende 16,7 Prozent konnte die Truppe in der ersten Runde der Parlamentswahl ergattern.

Orbán versucht jetzt, die Irrläufer am rechten Rand wieder einzufangen: Er versprach neue Gesetze, die Bagatelldelikte schärfer bestrafen - und lässt die Polizei scharf gegen die Jobbik-Garden einschreiten. Er wolle weder den "Hühnerdieb" davonkommen lassen, noch paramilitärischen Verbänden Raum geben, sagte Orbán.

André Gerin, Frankreich: Kommunistischer Einzelkämpfer

Kommunistischer Abgeordneter André Gerin: Im Alleingang gegen Burka und Nikab

Kommunistischer Abgeordneter André Gerin: Im Alleingang gegen Burka und Nikab

Foto: Ian Langsdon/ picture alliance / dpa

Frankreich hat seit dem Frühjahr ein Gesetz gegen die "Verhüllung des Gesichts". Der vermeintliche Kampf des Kommunisten André Gerin für die Werte der Republik betrifft nicht einmal 2000 Frauen - aber er stellt die Stammtische zufrieden.

Venissieux ist ein eher beschauliches Städtchen im Großraum Lyon. Der Ort mit 60.000 Einwohnern im Rhône-Tal, verbunden mit der deutschen Partnerstadt Oschatz, versteht sich als freundlich-friedlicher Hort eines multikulturellen Schmelztiegels: "Die Vitalität unserer Stadt", so die Web-Seite, "schöpft aus den Quellen eines beispiellosen Mosaiks ihrer Herkunft." Trotz dieses Hintergrunds verfügt Venissieux spätestens seit dem Frühjahr über einen Politiker, dessen schrille Beiträge zum Burka-Verbot ihm nationale Berühmtheit bescherten.

Denn André Gerin, 64, Abgeordneter der Kommunistischen Partei Frankreichs (PCF), gelang das Kunststück, quasi im Alleingang in erster Lesung ein Gesetz gegen den islamischen Schleier  durchzusetzen. Es untersagt die "Verhüllung des Gesichts in der Öffentlichkeit"; damit drohen 150 Euro Strafe und ein Nachhilfekurs in Staatsbürgerkunde allen Frauen, die in der Öffentlichkeit mit Burka oder Nikab auftreten.

Wer Frauen anstiftet oder zwingt, das Gesicht zu verhüllen, den trifft die Breitseite der juristischen Sanktionen: ein Jahr Gefängnis und 150.000 Euro Strafe.

Entdeckt hatte das griffige Sujet Ex-Bürgermeister Gerin, der einst zum orthodoxen Flügel der PCF gehörte un inzwischen zum Einzelkämpfer gegen den islamischen Extremismus mutierte. Denn Venissieux gilt nicht als Hort religiöser Unterwanderung, selbst wenn im Frühjahr 2004 ein radikaler Imam ausgewiesen wurde, der Polygamie und die Steinigung von Frauen befürwortet hatte. Doch auch ohne direkte Feindberührung erkannte Gerin in der Burka eine Bedrohung für die Republik: Der Ganzkörperschleier, so seine Überzeugung, stehe für die "Indoktrinierung von Jugend mit einer barbarischen faschistoiden Ideologie".

Sarkozy kaperte die Stammtischdebatte

Schon im Juni 2008 forderte der "Kommunist und Republikaner" mit weiteren 58 Abgeordneten aller Couleur die Einrichtung einer parlamentarischen Kommission zum Verbot jenes "herabwürdigenden Kleidungsstücks". Die populistische Stammtischdebatte wurde flugs von Präsident Sarkozy aufgegriffen, der die Debatte über ein Kopftuchverbot bereits 2003 - seinerzeit als Innenminister - angeschoben hatte.

Der KP-Mann Gerin wurde prompt zum Vorsitzenden einer parlamentarischen Untersuchungskommission gekürt - mit vorhersehbarem Ergebnis.

Gerin freute sich über den parlamentarischen Sieg seiner Initiative und das "internationale Echo" der französischen Entscheidung. "Wir haben den Begriff der öffentlichen Ordnung auf die Werte der Republik ausgeweitet", jubelte auch Jean-Paul Garraud, ein Abgeordneter der Regierungspartei UMP. Amnesty International hingegen warnte vor dem "Totalverbot": "Es ist ein Verstoß gegen die Religionsfreiheit jener Frauen, die Burka oder Nikab als Ausdruck ihres Glaubens tragen."

Zahlenmäßig ist das alles eine Phantomdebatte: Nur 1800 weibliche Muslime tragen die Verschleierung, der Inlandsgeheimdienst zählte im vergangenen Jahr sogar nur 367 Burka- und Nikab-Trägerinnen.

Dennoch triumphierten Gerin und sein Mitstreiter Garraud: "Unser Gesetz wird Auswirkungen haben auf Spanien, Holland, Belgien und Italien. Das hat nichts mit Religion zu tun oder Diskriminierung", so der Konservative, "aber diese Taliban-Tracht ist unerträglich für Frankreich."

Canan Aritman, Türkei: Frauenärztin auf Abwegen

Türkische Populistin Canan Aritman: Rassistische Ausfälle

Türkische Populistin Canan Aritman: Rassistische Ausfälle

Foto: BURHAN OZBILICI/ ASSOCIATED PRESS

Sie schaut gerne zu, wenn andere sich streiten. Für den Anlass sorgt die Frauenärztin Canan Aritman von der Kemalistenpartei am liebsten selbst - wie bei ihren Tiraden gegen Armenier oder kurdische Oppositionelle.

In der Türkei ist Populismus kein Schimpfwort. Als eines von sechs Prinzipien, auf denen die Republik von 1923 aufgebaut ist (nebst Republikanismus, Nationalismus, Revolutionismus, Laizismus und Etatismus) ist "Popülizm" sogar ausdrücklich erwünscht - wenngleich er zu Atatürks Zeiten als "Ausdruck einer auf die Interessen des Volkes, nicht einer Klasse gerichteten Politik" womöglich eine andere Bedeutung hatte als heute.

"Volksnahe" Politiker, die gegen "das Establishment" wettern, gibt es dieser Tage jedenfalls zuhauf in der Türkei - und als ihr bekanntester Vertreter dürfte Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan gelten, der sich selten mit diplomatischen Feinheiten aufhält; der Staudammgegner im türkischen Südosten gerne mal als "Terroristen" abstempelt oder von "Banditen und Piraten" spricht, wenn er Israel meint.

Welches Establishment türkische Populisten im Visier haben, hängt indes von der eigenen Perspektive ab. Wettern Anhänger von Erdogans muslimisch-konservativer Regierungspartei AKP gegen "die da oben", meinen sie das kemalistische Establishment, also die alte säkulare Elite aus Richtern, Staatsanwälten und Generälen. Auf der anderen Seite schimpfen Oppositionspolitiker auf das Milieu der von der AKP verkörperten "muslimischen Bourgeoisie", der Emporkömmlinge aus Anatolien.

Die Kemalistenpartei CHP geht dabei kaum feinfühliger vor als der Premier. In ihren Reihen ist eine zu finden, die sogar vor rassistischen Ausfällen nicht zurückschreckt: die Frauenärztin Canan Aritman, 60, aus Izmir. Berühmt-berüchtigt wurde die burschikose Blondine im Dezember 2008, als sie sich über eine Unterschriftenkampagne zum Armenier-Genozid empörte.

"Lasst sie kämpfen, lasst sie kämpfen!"

Eine Gruppe türkischer Intellektueller wollte sich mit der Aktion für die osmanischen Kriegsverbrechen im Ersten Weltkrieg entschuldigen, bei denen mehr als eine Million Armenier ums Leben kamen. Frau Aritman protestierte aufs Schärfste und forderte Sanktionen. Weil sich Staatspräsident Abdullah Gül nicht von der Kampagne distanzieren wollte, spekulierte die Ärztin öffentlich über die "armenische Herkunft" des Herrn Präsidenten. Wenn Gül auch wirklich sicher sei, dass seine Vorfahren allesamt Türken und Muslime seien, solle er doch bitteschön ein DNA-Gutachten erstellen lassen.

Die Armenier aber könnten alle das Land verlassen, empfahl Frau Aritman - als Reaktion auf die Genozid-Resolution im US-Kongress.

Als "rassistisch" beschimpfte die CHP-Hardlinerin im April einen kurdischen Oppositionspolitiker, der sich gegen die Gründung eines Amtes für Auslandstürken ausgesprochen hatte (dieser hatte zum Entsetzen Aritmans vorgeschlagen, man solle sich erst einmal um die Minderheiten im eigenen Land kümmern). Und auch unter türkischen Kopftuchträgerinnen machte sich die knallharte Kemalistin einen Namen, als sie die Frauen daran erinnerte, dass das Kopftuch nichts weiter als eine Erfindung sumerischer Tempelhuren sei.

Gerne schaut Aritman zu, wenn sich andere streiten. Als es im Parlament in Ankara zu Handgreiflichkeiten zwischen AKP- und Oppositionsabgeordneten kam, rief Aritman: "Lasst sie kämpfen, lasst sie kämpfen!"

Geert Wilders, Niederlande: Islamhasser

Niederländischer Rechtspopulist Geert Wilders: Dank Islamophobie auf dem Weg zur Macht

Niederländischer Rechtspopulist Geert Wilders: Dank Islamophobie auf dem Weg zur Macht

Foto: Valerie Kuypers/ dpa

Geert Wilders ist der Prototyp des Rechtspopulisten mit antimuslimischer Agenda schlechthin. Für ihn scheint es nur eine Richtung zu geben: schnell zur nächsten Provokation, zum nächsten Tabubruch.

Geert Wilders' Aufstieg in den Niederlanden, der seiner Fraktion bei den Parlamentswahlen im Mai 2010 immerhin 15,5 Prozent einbrachte, ging einher mit einer generellen Revision der früher herrschenden, fröhlich-unbekümmerten Multi-Kulti-Einstellung im Land.

Ausgelöst wurde diese Revision nicht zuletzt durch die Ermordung des Filmemachers Theo Van Gogh 2004 durch einen radikalen Islamisten. Wilders machte sich zum Sprachrohr derer, die sich fortan unbehaglich fühlten. Er gründete eine eigene Partei "für die Freiheit", forderte ein Verbot des Korans, einen Einwanderungsstopp und drehte 2008 einen antiislamischen Film, "Fitna". Seine liebste rhetorische Figur bei alldem: Er habe nichts gegen Muslime, wohl aber gegen den Islam. Denn der Islam sei gar keine Religion, sondern eine faschistische Ideologie.

Seit fünf Jahren steht der Mann mit der Mozartfrisur unter Polizeischutz, ein Leben im Ausnahmezustand.

Der erste Islamophobe auf dem Weg an die Macht

Vor dem, was man gemeinhin Political Correctness nennt, macht Wilders schon aus Prinzip keinen Halt: Die niederländische Kultur sei der islamischen überlegen, sagt er zum Beispiel ohne Einschränkungen. Er ist ein Chauvinist im Gewand des Liberalismus, und tatsächlich liegen seine politischen Wurzeln im Liberalismus und nicht in der extremen Rechten: Wilders liebt Israel und Amerika, er verteidigt Schwulenrechte, er ist mit einer Ungarin verheiratet.

Zurzeit ringen die politischen Parteien der Mitte in den Niederlanden noch damit, ob und wie Wilders und seine Leute eingebunden werden sollen. Verhandlungen über ein Modell, in dem er eine Minderheitenregierung toleriert hätte, sind vorerst gescheitert. Das muss nicht das letzte Wort sein, womöglich wird Geert Wilders der erste Islamophobe, der in Europa an einer Regierung beteiligt wird.

Narendra Modi, Indien: Umstrittener Gouverneur

Gujarat-Gouverneur Narendra Modi: Höchste politische Ämter - oder Gefängnis?

Gujarat-Gouverneur Narendra Modi: Höchste politische Ämter - oder Gefängnis?

Foto: Ajit Solanki/ ASSOCIATED PRESS

Die Meinungen über Narendra Modi könnten kaum widersprüchlicher sein: Die einen bewundern den Regierungschef des Bundesstaates Gujarat und halten ihn schon für den nächsten Premier Indiens. Andere werfen ihm den Tod von mehr als tausend Menschen vor.

Der Oberste Gerichtshof Indiens bezeichnet ihn als "modernen Nero", die USA verweigern ihm die Einreise, weil er die Religionsfreiheit mit Füßen getreten habe. Auch die Europäer ächten ihn.

Wohin also gehört dieser Mann? In höchste politische Ämter oder ins Gefängnis?

Narendra Modi, 59, graues Haar, grauer Bart, rahmenlose Brille, hat es noch immer verstanden, so viele Menschen für sich zu begeistern, dass seine Kritiker in der Minderheit bleiben. Seit 2001 regiert er den nordwestindischen Bundesstaat Gujarat, er gehört zum rechten Flügel der hindunationalistischen Bharatiya Janata Partei (BJP), zweimal haben die Wähler ihn seither in seinem Amt bestätigt - und das trotz des Massakers vom Frühjahr 2002.

Damals hatten Muslime einen Zug mit hindunationalistischen Aktivisten angezündet - und damit eine beispiellos blutige Reaktion heraufbeschworen. Hinduistische Rechte aus dem ganzen Land strömten nach Gujarat. In 150 Städten und rund tausend Dörfern metzelten sie Menschen nieder. Kämpfer mit Schwertern ließen Männer die Hosen ausziehen - waren sie beschnitten, also Muslime, wurden sie auf der Stelle getötet. Tausende Frauen wurden vergewaltigt.

Das Bundesland erlebte eine drei Tage andauernde Orgie der Gewalt, am Ende waren 1180 Menschen tot, die meisten Muslime, etwa ein Fünftel Hindus.

Je nach Interpretation soll Modi wohlwollend weggeschaut oder die Gewalt sogar unterstützt haben. Zeugen berichten, der frühere muslimische Parlamentarier Ehsan Jafri soll in der Stadt Ahmedabad Hunderten von Menschen Zuflucht in seinem großen Haus geboten haben. Als draußen der Mob tobte, wusste sich Jafri nicht anders zu helfen, als Modi anzurufen. Nach diesem Telefonat, sagen Überlebende, wirkte Jafri niedergeschlagen. Dann flogen Benzinbomben, krachten Gewehrsalven. Jafri und 70 weitere Menschen überlebten den Angriff nicht.

Die hinduistische Mittelklasse bewundert den wortgewandten Hardliner

Aber dann ist da dieser theatralisch wirkende Narendra Modi, den die hinduistische Mittelklasse bewundert, weil der Regierungschef sich gerne als wortgewandter Hardliner gegen die terroristische Bedrohung präsentiert. Regelmäßig kritisiert er die linke Regierung in Neu-Delhi, weil diese seiner Meinung nach nicht hart genug gegen den Erzfeind Pakistan vorgehe, an den sein Bundesland grenzt.

Als im November 2008 die indische Metropole Mumbai von Islamisten angegriffen wurde, forderte Modi die Hilfe der USA. "O-baaaa-maaa", rief er auf einer Kundgebung, "O-baaa-maaa, unser Nachbar ist gekommen und hat uns attackiert. Tu etwas!"

Die Massen johlten.

Vor allem aber verehren sie ihn, weil Gujarat sich in den vergangenen neun Jahren zu einer der wohlhabendsten Regionen in ganz Indien entwickelt hat. Als der Autohersteller Tata im Bundesstaat Westbengalen Ärger mit Bauern und Arbeitern bekam, verlagerte er die Produktion des Kleinstmodells kurzerhand nach Gujarat. Hier war dem Konzern eine unternehmerfreundliche Politik gewiss.

Anil Ambani, indischer Großindustrieller und einer der reichsten Männer der Welt, erklärte im vergangenen Jahr, Modi habe "viel Gutes für Gujarat" getan. "Was wird erst geschehen, wenn er die Nation führt?"

Ovadia Josef, Israel: Radikaler Rabbi

Schas-Partei-Rabbi Ovadia Josef: Mächtiger Strippenzieher in der israelischen Politik

Schas-Partei-Rabbi Ovadia Josef: Mächtiger Strippenzieher in der israelischen Politik

Foto: Abir Sultan/ dpa

Ovadia Josef ist geistliches Oberhaupt der ultraorthodoxen Schas-Partei und Strippenzieher der israelischen Innenpolitik. Der 89-Jährige polemisiert seit Jahren gegen Politiker und Palästinenser gleichermaßen - mit Erfolg.

Die einen sehen in ihm "unseren Meister", andere einen "jüdischen Ajatollah" - Ovadia Josef spaltet Israel. Der radikale Rabbi wünscht Palästinenserpräsident Mahmud Abbas die "Pest" und hofft, dass alle Palästinenser "vom Erdboden verschwinden". Israels Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu nannte er einst eine "blinde Ziege", Verteidigungsminister Ehud Barak "hirnlos" und den im Koma liegenden Ariel Scharon einen "Kriegstreiber, der Schweine liebt". Die sechs Millionen Opfer des Holocausts hatte er gar als "wiedergeborene Sünder" bezeichnet, die für ihre früheren Verfehlungen bezahlt hätten.

Der Spiritus Rector der 1984 gegründeten ultraorthodoxen Schas-Partei und Strippenzieher der israelischen Innenpolitik poltert und polemisiert seit Jahren gegen Israels Spitzenpolitiker und die arabische Welt.

Der junge Josef, 1920 als Sohn eines Goldschmieds in Bagdad geboren, galt als Wunderknabe: Im zarten Alter von zwölf schrieb er sein erstes Buch, acht Jahre später folgte die Ordinierung zum Rabbiner, und von 1968 bis 1973 war er sephardischer Oberrabbiner. Er galt lange Zeit als gemäßigt, hatte er doch die Lösung "pikuach ha nevesch" gepredigt, was so viel heißt wie: "Ein Menschenleben wiegt mehr als ein Stück Land", sich also für den Modus "Land gegen Frieden" mit den Palästinensern ausgesprochen.

Diese Zeiten sind vorbei.

Heute ist er biblische 89 Jahre alt, trägt einen weißen Bart, hat eine Vorliebe für rosa Sonnenbrillen und tritt stets in goldverzierten Kaftanen auf. Er beschwört den "Kulturkampf" in Israel herauf, sieht seine Partei als Sprachrohr und sich selbst als Rächer der religiösen, orientalischen Juden, die im Gegensatz zu den aschkenasischen, also europäischen, Juden bis heute in politischen Ämtern und Führungspositionen unterrepräsentiert sind.

Keine Regierung kommt ohne seine Schas-Minister aus - in einer Koalition machen sie jedoch nur mit, wenn der Staat mit Millionen die Sozialleistungen für die sephardischen Juden und deren religiösen Schulen mit hohen Summen unterstützt.

Der greise Schas-Führer bestimmt, wer Premier wird

Derzeit hat seine Schas (Akronym für Sephardische Torahwächter) vier Minister im Regierungskabinett sitzen, unter anderem Innenminister Eli Yishai. Die Politiker (Frauen gibt es in der Partei nicht) folgen dem Rabbi - genau wie die Hunderttausende sephardischen, orientalischen, Juden. Ihnen verspricht Ovadia Josef den Eintritt ins Paradies, wenn sie für Schas ihre Stimme abgeben.

Und das tun sie.

Ausgestattet mit diesem Wählerpotential ist die "Schas" längst ein politisches Schwergewicht geworden und ihr greiser Führer bestimmt darüber, welcher Politiker Präsident oder Premier wird: Schimon Peres hatte im Wettrennen um das Präsidentenamt im Jahr 2000 trotz der Unterstützung der Bevölkerung das Nachsehen gegen Mosche Katzav. Letzterer wurde von Josef protegiert - weil er sephardischer Jude ist und aus Iran stammt.

Nigel Farage, Großbritannien: Brüssel den Mittelfinger zeigen

EU-Hasser Nigel Farage: Einmal Brüssel den Mittelfinger zeigen

EU-Hasser Nigel Farage: Einmal Brüssel den Mittelfinger zeigen

Foto: Virginia Mayo/ AP

Nigel Farage könnte ein Vorbild für Thilo Sarrazin sein. Der mediengewandte Rechtspopulist hat sich in den vergangenen 15 Jahren eine besondere Nische in der britischen Politik erobert.

Mit einer Mischung aus gezielten Pöbeleien und strategischem Geschick hat Farage es geschafft, seine Unabhängigkeitspartei UKIP als Sammelbecken für Protestwähler zu etablieren. Bei den vergangenen beiden Europawahlen hat die Partei jeweils 16 Prozent der Stimmen geholt.

Das Erfolgsrezept von UKIP ist simpel: Die Kernforderung - der Austritt Großbritanniens aus der EU - fällt bei den europaskeptischen Briten auf fruchtbaren Boden. Wer Brüssel einmal den Mittelfinger zeigen will, so die Botschaft der Partei, der muss einfach nur ein Kreuzchen bei uns machen. Durch kalkulierte Eklats in Brüssel sorgt Farage für die nötige Aufmerksamkeit daheim.

Der 46-Jährige ist seit 1999 Europaabgeordneter und damit selbst Teil des Betriebs, den er zu bekämpfen vorgibt. Berichte über seine üppigen Euro-Spesen haben seiner Glaubwürdigkeit geschadet, doch bewahrt er sich den Ruf als schärfster EU-Kritiker durch regelmäßige Attacken auf die Institutionen der Gemeinschaft. Zuletzt fiel er im März unangenehm auf, als er dem EU-Ratspräsidenten Herman Van Rompuy im Europaparlament das "Charisma eines feuchten Lappens" bescheinigte.

Austritt bei den Konservativen

Farage war 1992 aus der konservativen Partei ausgetreten - aus Protest gegen die Unterzeichnung des Maastricht-Vertrags durch die Tory-Regierung. Mit der Gründung von UKIP im folgenden Jahr wollte er rechtskonservativen Europa-Gegnern eine neue Heimat geben.

Auch die zweite Hauptforderung von UKIP, eine harte Linie gegen Immigration, ist bei vielen Briten populär. Die Partei fordert einen Einwanderungsstopp für fünf Jahre und danach eine Begrenzung auf 50.000 pro Jahr. Das Problem: Die Tories haben selbst eine so scharfe Position zur Einwanderung, dass UKIP sich kaum profilieren kann.

Die Kritik an der Einwanderung hat auf der Insel nicht den antimuslimischen Unterton, den es in Kontinentaleuropa gibt. Auch Farage, der von 2006 bis 2009 Parteichef war, vermeidet hetzerische Töne gegen Muslime. Sein Nachfolger Lord Pearson lud zwar vergangenes Jahr den holländischen Islamgegner Geert Wilders nach London ein, um dessen Film "Fitna" zu zeigen. Doch hat sich dieser Flirt bislang als folgenlos erwiesen. Der schwache Pearson hat inzwischen seinen Rücktritt angekündigt, und ein Comeback Farages in den Parteivorsitz erscheint wahrscheinlich.

Protestpartei mit begrenztem Potential

Farage, der mit einer Deutschen verheiratet ist, gefällt sich in der Rolle des Außenseiters, der das Establishment das Fürchten lehrt. Doch seine UKIP wird offensichtlich vor allem als Anti-EU-Partei wahrgenommen und kann nur bei Europawahlen reüssieren. Bei Unterhauswahlen hingegen wartet sie noch auf den ersten Sitz. Dass es nicht einmal nach dem Spesenskandal und der nationalen Empörung über die etablierten Parteien dazu reichte, zeigt das begrenzte Potential dieser Protestpartei.

Farage hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Als politisches Vorbild nennt er den notorischen Tory-Abweichler Enoch Powell, ein inzwischen verstorbener früherer Abgeordneter und Minister. Der Rechtsausleger war berühmt für seine düsteren Warnungen vor Masseneinwanderung. Nach einer Rede 1968, in der er vor blutigen Auseinandersetzungen warnte, wurde er aus dem Schattenkabinett geworfen. Powell, schwärmt Farage, habe Mut besessen.

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