Diebstahl geheimer Daten Wie Herr K. die Nato narrte

"Man hat mir nicht zugehört": Der IT-Experte Manfred K. stahl der Nato geheime Unterlagen - angeblich aus Frust über die laxen Sicherheitsvorkehrungen des Militärs. Jetzt steht der 61-Jährige in Koblenz wegen Landesverrats vor Gericht.

Von , Koblenz


Sie führen ihn in Ketten vor, einen unscheinbaren Mann mit militärisch gescheiteltem Haar und dicker Brille. Manfred K. trägt ein lindgrünes Sakko, ein hellblaues Hemd, unsicher stakst er in den Saal. K. hat das mächtigste Militärbündnis der Welt herausgefordert, er ist angeklagt, der Nato geheime Daten gestohlen zu haben.

"Landesverräterische Ausspähung" nennen das die Bundesanwälte, es stehen bis zu zehn Jahre Gefängnis darauf, die Frage ist: Warum tat K., was er tat?

34 Jahre lang arbeitete Manfred K. als IT-Fachmann bei der Nato, unauffällig, pflichtbewusst, fleißig. Doch im März 2012, so hat es die Bundesanwaltschaft rekonstruiert, schleuste K. elf brisante Excel-Dateien aus dem geheimen Netzwerk des Bündnisses hinaus. Dabei machte er sich zunutze, dass die Dokumente entgegen der Vorschriften nicht mit einer Geheimhaltungsstufe versehen worden waren. Manfred K. konnte die Listen in seinen privaten GMX-Account hochladen.

Wie der Oberstaatsanwalt beim Bundesgerichtshof, Lienhardt Weiß, in der Anklage ausführt, handelte es sich dabei um Informationen, mit denen man sich ein genaues Bild von der Sicherheitsarchitektur der Nato hätte machen können. Die IP-Adressen und Passwörter gehörten demnach zu Systemen, die etwa zur Erstellung von Luftlagebildern und zur Führungssteuerung der Marine dienten. K. habe diese Aufstellungen für seine eigentliche Arbeit nicht benötigt, sondern gezielt nach ihnen gesucht, um sie später an Unbefugte weiterzugeben, so Weiß.

Geheime Datei "project02.xls"

Einige Wochen später versuchte es K. noch einmal. Diesmal forderte er aus dem geheimen Teil des Nato-Netzwerkes die Datei "project02.xls" an. Zuvor hatte er laut Anklage die Schriftfarbe der darin enthaltenen Passwörter auf Weiß umgestellt, so dass sie nicht mehr sichtbar waren. Doch der Mitarbeiterin G., die für die Freigabe der Daten zuständig war, kam der Vorgang seltsam vor, sie alarmierte daraufhin die zuständige Sicherheitsabteilung. Die Ermittlungen gegen K. wurden aufgenommen.

"Ich möchte mit meinem Lebenslauf beginnen", sagt Herr K. am Mittwochmorgen in Saal 10 des Oberlandesgerichts Koblenz. Und dann geht es weit zurück in die sechziger Jahre, zu Schule, Lehre, Berufseinstieg. K. spricht mit monotoner Stimme, er rattert die Daten herunter und bald auch das Fachchinesisch aus der sehr eigenen Welt von EDV-Spezialisten und Nato-Militärs: DHS, Live-Fly, Direktive AC 25/2.

Es dauert lange, bis er an den Punkt gelangt, der ihm wichtig ist, die Schwachstelle, "das Problem", wie er sagt. Demnach habe die Nato 2008 entschieden, mit ihren Daten sehr freizügig umzugehen, "responsibility to share", nannte man das, die Pflicht zu teilen. Seither seien die Dokumente intern eigentlich kaum noch gesichert gewesen, so K. Mit einer bestimmten Zugriffsberechtigung habe man fast alles einsehen können, selbst Gehaltsabrechnungen und geheime Unterlagen.

Frust über Vorgesetzte

Manfred K. wies seine Vorgesetzten auf diese Sicherheitslücke hin, erst vorsichtig, dann immer schärfer im Ton. Er mochte sich nicht abfinden, er wusste, dass er recht hatte. Also schrieb er Beschwerden nach Brüssel, stellte Schadensersatzforderungen, wollte einen Beitrag in der Mitarbeiterzeitschrift veröffentlichen, schaltete den Generalsekretär ein. Doch die Nato ließ ihn auflaufen.

"Man hat mir nicht zugehört", empört sich K., "mich nicht ernst genommen." In dem Moment muss sich für ihn etwas verändert haben.

Es kam ihm eine Idee. Wenn er den Verfassungsschutz darauf stieße, dass er über viele Monate NPD-Veranstaltungen besucht und der Partei sogar 3000 Euro gespendet hatte, verlöre er vielleicht seine Unbedenklichkeitsbescheinigung. Dann entließe ihn die Nato, von der er obendrein eine Abfindung bekäme. Also schrieb er dem Inlandsgeheimdienst auf Englisch und anonym, er solle sich doch einmal Manfred K. und dessen Kontakte zur "rechtsgerichteten NPD" ansehen. Denn die "könnten in Konflikt mit seiner Aufgabe bei der Nato stehen".

Das Problem nur war, so schildert es Manfred K. nun vor Gericht, dass ihm zwar zwei "erboste" Verfassungsschützer im Dezember 2010 ins Gewissen redeten und mit Konsequenzen drohten, er aber trotzdem wenig später eine neue "Security Clearance" für sechs Jahre erhielt. Inzwischen glaubt er, dass der Dienst ihn seither im Visier hatte, doch das ist wenig wahrscheinlich. Der zu betreibende Aufwand, um einen Nato-Mitarbeiter mit geheimen Zugriffsrechten über lange Zeit und rund um die Uhr zu beobachten, wäre ganz erheblich.

Ungeklärt ist bislang auch, wozu K. die auf USB-Sticks gespeicherten und versteckten Informationen eigentlich hortete - und ob er Kontakt zu ausländischen Nachrichtendienste unterhielt. Immerhin verfügte der 61-Jährige, der zuletzt auf dem US-Militärflughafen Ramstein arbeitete und dort monatlich mehr als 7000 Euro netto verdiente, über ein Vermögen von 6,5 Millionen Euro. Das Geld hatte er bei Fondsgesellschaften in Luxemburg und Großbritannien angelegt. Teilweise soll er auch hohe Beträge in bar eingezahlt haben.

Es werde sich alles aufklären lassen, sagt Manfred K. vor dem Strafsenat. Er sei sogar dankbar für das Verfahren. "Ich habe nichts Unrechtes getan."

insgesamt 27 Beiträge
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Seite 1
hdudeck 17.07.2013
1. Laut SPON ist Deutschland wieder im Mittelalter angekommen:
Sie führen ihn in Ketten vor,....
fade.to.grey 17.07.2013
2. Inkonsistenz in der Darstellung
Er fordert Zugriff auf eine Datei an, hat diese aber angeblich vorher schon selbst editiert? Das ist doch unlogisch.
lollopa1 17.07.2013
3. ein typischer Fall
wie immer, jemand bekundet bestimmte Bedenken, aber man läßt ihn auflaufen. Aber das er so blöde war daten zu stehlen in seiner position und seinem Wissen, das hätte ich nicht erwartet. Sein Problem kommt jetzt erst noch.....
pepe_sargnagel 17.07.2013
4.
Jedem, der heute einen Diebstahl oder einen Betrug in diesem Land druchführt muss bewusst sein, dass er damit allen Deutschen oder Deutschland einen Schaden zufügt. Diese Verallgemeinerungen sind wirklich aberwitzig! Die ganze NATO wurde hier genarrt. Ich wundere mich, denn dann gibt es bestimmt Mitwisser. Buchtet sie alle ein! Sicher ist sicher.
banteng 17.07.2013
5. optional
Follow the money.
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