Prozess gegen Nazi-Schlächter Brunner "Still ruht der See in Deutschland"

56 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges beginnt am 2. März in Paris ein Prozess gegen einen der größten Nazi-Massenmörder: Alois Brunner. Der Mann hat eine grauenvolle Blutspur quer durch Europa gezogen.

Hamburg - Es ist nicht der erste Prozess gegen Alois Brunner: Bereits in den fünfziger Jahren war der heute 88-Jährige in Frankreich in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden. Und auch dieses Mal wird der Prozess wieder ohne den Angeklagten stattfinden. Denn der Mann, der fast 130.000 Menschen auf dem Gewissen hat, fristet sein Rentnerdasein seit über 40 Jahren unbehelligt in der syrischen Hauptstadt Damaskus - vermutlich bis heute. Doch selbst ohne den Angeklagten ist das Verfahren in Paris wichtig. "Denn es ist," sagt Nazi-Jäger Simon Wiesenthal zu SPIEGEL ONLINE "ein Prozess gegen das Vergessen". Er sorgt dafür, dass der Schlächter, der als rechte Hand von Holocaust-Organisator Adolf Eichmann galt, nicht nur noch in den Geschichtsbüchern auftaucht.

Auch in Deutschland hat die Justiz die Akte Brunner noch nicht gänzlich geschlossen: Die Staatsanwaltschaften in Frankfurt und Köln ermitteln. Viel passiert hier allerdings nicht mehr: Brunner ist nach wie vor international zur Fahndung ausgeschrieben. Mitte der neunziger Jahre wurde eine Belohnung in Höhe von einer halben Million Mark ausgelobt. Doch die anschließend eingegangenen - wie der zuständige Kölner Oberstaatsanwalt Wolfgang Weber gegenüber SPIEGEL ONLINE meint - "gut gemeinten Hinweise" führten alle ins Leere.

Rue Haddat, Damaskus

Im vergangenen Jahr tat sich ein Zeuge für den Aufenthalt von Brunner in Damaskus auf: Ein syrischer Geheimdienstbeamter, der in Deutschland Asyl beantragt hatte, berichtete, dass er mehrere Monate lang zum Sicherheitspersonal Brunners in dessen Wohnung in der syrischen Hauptstadt gehört hatte. Aber auch das nützt den Ermittlern nichts: Denn Brunners Deckname, Dr. Georg Fischer, und auch dessen langjährige Adresse in der Rue Haddat in Damaskus waren längst bekannt. "Ich fürchte, wir werden ihn nicht mehr bekommen," sagt denn auch Weber resigniert. Und warum nicht auch in Deutschland ein Verfahren in Abwesenheit - als Geste vielleicht? "So etwas ist in der deutschen Strafprozessordnung nicht vorgesehen," erklärt er.

Schließen will er die Akte Brunner allerdings nicht, "solange wir nicht sicher wissen, dass Brunner tot ist". Weber räumt aber ein, dass derzeit kein großer Elan herrscht, den Mann zu finden. "Ich will es mal so sagen: Der See ruht hier ziemlich still." Er geht davon aus, dass die Überzeugung, dass Brunner nicht mehr lebt, in Deutschland weit um sich gegriffen hat. "Deshalb erscheint die Veranlassung jetzt bei diesem Thema noch mal richtig Gas zu geben, nicht so vordergründig gegeben."

Die immer gleiche Antwort

Die deutschen und französischen Rechtshilfeersuchen an Syrien sind immer wieder abgeschmettert worden. Die Auskunft aus Damaskus lautete regelmäßig: Ein Brunner oder Fischer lebt hier nicht. Der Grund für die schützende Hand ist, dass Brunner dem früheren Staatschef Hafis al-Assad bei der Machtergreifung behilflich gewesen sein soll. Nachdem Assad-Sohn Baschar im vergangenen Jahr die Macht übernommen hatte, unternahm die rot-grüne Bundesregierung noch einmal einen Versuch und erinnerte an das 16 Jahre alte deutsche Auslieferungsgesuch. "Die Antwort ist die gleiche geblieben - auch unter Baschar", heißt es aus dem Auswärtigen Amt.

Die Hoffnung, Brunner tatsächlich noch vor einem Richter zu sehen, ist auch bei Simon Wiesenthal nur noch gering. "Syrien hat noch nie jemanden ausgeliefert", sagt Simon Wiesenthal. Er ist allerdings überzeugt davon, dass der 88-jährige Mann tatsächlich noch lebt: "Schauen Sie, ich selbst bin 92 Jahre alt. Ich muss glauben, dass er noch lebt."

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