Prozess gegen Salafist Sven Lau Vom Feuerwehrmann zum Brandstifter

Sven Lau war Feuerwehrmann und wurde einer der bekanntesten Islamisten Deutschlands. Wegen Unterstützung einer Terrorgruppe steht er nun vor Gericht. Beim Auftakt schwieg er - und ließ einen anderen sprechen.

Salafistenprediger Sven Lau
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Salafistenprediger Sven Lau

Aus Düsseldorf berichtet


Bernhard Falk trägt einen üppigen, grauen Bart, einen olivgrünen Parker und Hosen, die muslimischen Geboten gemäß nicht den Schmutz der Straße berühren. Der Tag, an dem erstmals in Deutschland ein salafistischer Prediger vor Gericht steht, ist auch für ihn ein wichtiger Tag. Falk betritt den Hochsicherheitstrakt des Oberlandesgerichts Düsseldorf (OLG), einen Betonklotz im Hafenviertel mit strengsten Sicherheitsvorkehrungen.

Vor 17 Jahren wurde Falk von demselben Gericht verurteilt - wegen vierfachen Mordversuchs und mehrerer Sprengstoffanschläge zu 13 Jahren Haft. Falk war damals Linksextremist, heute ist er Islamist. Wenn sich einer seiner Gesinnungsgenossen vor Gericht verantworten muss, setzt er sich in den Zug und kommt.

Falk kennt immer die Vorwürfe des Generalbundesanwalts bis ins Detail und die Angeklagten persönlich; er hat sie manchmal in der Haft besucht, ihnen immer Briefe ins Gefängnis geschrieben, oft Anwälte vermittelt. Meist kennt er die Familien der Angeklagten; er hat sie getröstet, beraten, aufgebaut.

So auch im Fall Sven Lau, eine der schillerndsten Persönlichkeiten der deutschen Islamistenszene. Zwei Justizvollzugsbeamte führen den 35-Jährigen am Dienstag in Saal eins, er trägt ein helles Kurzarmhemd, die Haare kurz, den Bart lang. Der Konvertit, der sich "Abu Adam" nennt, sieht schmal aus. Seit Dezember vergangenen Jahres ist er in der Justizvollzugsanstalt Aachen in Untersuchungshaft.

Sven Lau muss hinter einer gepanzerten Glasscheibe Platz nehmen. Er erhebt den rechten Arm, winkt einer Gruppe von etwa 15 ebenfalls bärtigen Männern zu, zeigt ihnen den Daumen, so als wolle er ihnen signalisieren: Mir geht es gut, macht euch keine Sorgen.

Der Vertreter der Bundesanwaltschaft steht auf, verliest die Anklage. Sven Lau soll im Sommer 2013 Glaubensbrüder aus Deutschland für die Terrororganisation "Dschaisch al-Muhadschirin wa al-Ansar" (Jamwa) rekrutiert haben. Jamwa schloss sich später in Teilen dem "Islamischen Staat" an. Er soll sie in Syrien besucht und ihnen Nachtsichtgeräte und Geld besorgt haben. Bernhard Falk sitzt in der Mitte des Zuschauerraums, ein Buch auf dem Schoss, und macht sich Notizen.

"Er wird sich schweigend verteidigen"

Der Vorsitzende des 5. Strafsenats des OLG, Frank Schreiber, sagt: "Herr Lau, es steht Ihnen frei, sich zu den Vorwürfen zu äußern." Laus Verteidiger Mutlu Günal antwortet für seinen Mandanten: "Er wird sich schweigend verteidigen." Nach 20 Minuten ist die Verhandlung beendet.

Sven Lau hat an diesem ersten Prozesstag längst einen anderen für sich sprechen lassen, draußen auf dem Gerichtsflur, bevor die Tür zu Saal eins geöffnet wurde: Bernhard Falk steht vor einer weißen Wand und verteidigt den Angeklagten.

Er kenne "den Sven" gut genug, um zu wissen, dass der nur nach Syrien gereist sei, um die Menschen dort zu unterstützen. Er habe auf einem Panzer und mit einer Kalaschnikow nur posiert, um eines zum Ausdruck zu bringen: "Der islamische Widerstand gegen Assad ist gerechtfertigt." Hätte "der Sven" nicht diesen bekannten Namen, wäre er "vermutlich nicht mal vor dem Landgericht Düsseldorf, aber sicher nicht vorm Staatschutzsenat gelandet". Die Vorwürfe gegen Sven Lau seien "die klarste Form eines politischen Prozesses".

"Sicher ein charismatischer Prediger"

Ein Gutachter bescheinigte Sven Lau "emotionale Rhetorik" und "eine hohe suggestive Wirkung" auf junge Männer, die sich haltlos fühlen und Orientierung suchen. Für Aufsehen sorgte der gebürtige Mönchengladbacher, als er in Wuppertal mit einer "Scharia-Polizei" regelrecht auf Streife ging und durch die Straßen zog. "Er ist sicher ein charismatischer Prediger", sagt Falk auf dem Flur. Aber Lau, der nicht vorbestraft ist, sei keiner, der andere verführe und in den Krieg locke.

Es wird ein zähes Verfahren. 30 Verhandlungstage hat das Gericht bis Mitte Januar angesetzt und den Angeklagten belehrt, dass er nicht nur wegen Unterstützung, sondern auch wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung verurteilt werden könnte.

Die Beweise seien dürftig, sagt Falk. "Gut, es gibt den Ismail I., den wir schon in Stuttgart erlebt haben." Falk meint den mutmaßlichen Rekruten Ismail I., der bei seiner Rückkehr aus Syrien festgenommen und vom Oberlandesgericht Stuttgart im März 2013 wegen Mitgliedschaft in der Jamwa und Teilnahme an Kämpfen in Syrien zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt wurde.

Lau sei bei Besuchen im syrischen Kampfgebiet regelrecht hofiert worden

Ismail I. belastet Sven Lau schwer. Demnach habe Sven Lau über Jamwa-Aktivisten aus seinem Umfeld ein Bestimmungsrecht gehabt, sei bei mehreren Besuchen im syrischen Kampfgebiet regelrecht hofiert worden und habe außer ihm, Ismail I., eine weitere Person dazu überreden wollen, in den Dschihad zu ziehen, sagte er in einer Vernehmung im Juli.

Sven Lau habe mehrere Fahrzeuge für Jamwa besorgt: einen Krankenwagen, in der Hoffnung, dieser würde weniger von der syrischen Luftwaffe attackiert werden und einen Müllwagen, der mit Sprengstoff beladen und für einen Selbstmordanschlag genutzt worden sei. Mit Pierre Vogel, genannt "Abu Hamza" und ebenfalls einflussreicher Salafistenprediger, habe Sven Lau mehrfach Pilgerreisen nach Mekka organisiert. In Syrien habe man beide für ihren Einsatz "gefeiert".

Mit seiner Verteidigungsrede vor Saal eins ist Falk aber auch jetzt noch nicht fertig. "Ich komme wirklich aus einer militanten Szene", sagt Falk, "der Sven hätte mich nie denunziert". Das geht in Richtung Ismail I., von dem in dem bevorstehenden Verfahren viel abhängt. Dieser sei "eine labile Persönlichkeit" und "kein pflegeleichter Zeuge", sagt Falk. Er sei gespannt, wenn Ismail I. in Düsseldorf vor Gericht erscheinen und aussagen werde. Ismail I. leide an Depressionen, sei abhängig von Medikamenten und früher gar von Drogen.

Auf die Frage eines Ermittlers, ob er sich durch seine Aussage nun in Gefahr sehen würde, hatte Ismail I. bereits in der Vernehmung im Juli geantwortet: "Definitiv." Der Bruch mit der Szene habe seinen Preis. Außerdem müsse man davon ausgehen, dass Bernhard Falk im Gericht sitzen werde.


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pascal3er2 06.09.2016
1. Lau sei keiner, der andere verführe und in den Krieg locke
Genau, er ist der nette Schwiegersohn von nebenan...*haha Ist aber egal ob er verurteilt wird oder nicht, ein Verlierer bleibt immer ein Verlierer. Gewinner haben auch nicht so dumme Frisuren und so einen Ziegenbart. Kleidung macht halt Leute...*grinst
niska 06.09.2016
2.
Muss man dem Terror-Hipster durch umfassende Berichterstattung auch noch Bestätigung für seinen misantropen Narzissmus geben? Ein inhaltlicher Diskurs mit dem Salafistenquark mit Chance auf Läuterung ist doch eh nicht möglich. Die Plakate an den Koranbuden sagen doch alles. Das steht "Lies!". Wer Englisch kann weiss, was Sache ist.
schnorchelentsafter 06.09.2016
3. pers. Ansicht:
Wer andere zum Mord anstiftet, oder motiviert sollte genau wie der Mörder verurteilt werden. Ich bedaure es zutiefst das es hier in Deutschland keine richtigen Gesetze für Terroristen und Massenmörder gibt. Dies mag damit zusammenhängen das unsere Gesetzgebung, oder Politik immernoch den Freitot von Diktator Adolf Hitler bededauert. Oder aber zuviele Kinder unserer derzeitigen Politk selbst Krimminel sind. Persönlich denke ich lebenslänglich sollte auch lebenslänglich bedeuten. (Auch in Deutschland besteht Bedarf am Straßenbau und in Steinbrüchen). es ist schon faszinierend das über 72% unserer "Einwohner" in Besserungsanstalten so gerne rückfallig werden. Nein im ernst Strafzumessung und Strafvollzug sollten endlich vernünftigen Werten angemessen werden, dieser Schwachsinn von wegen Besserungsanstalten hat sich als massiv uneffektiv erwiesen. Psychologen für den Strafvollzug sollten nur noch in den Staaten berechtigung finden die diese sicherlich zu fragwürdige schreckliche Todesstrafe Praktizieren. Nur denke ich wer andere Menschen dazu auffordert anderen Mitmenschen (westlichen Journalisten.... den Kopf abzutrennen), Waffen oder Nachtsichtgeräte an den IS liefert sollte auch niemals in unserem sorry verweichlichtem Deutschland abgeurteilt werden, sondern sich in den Staaten verantworten denen der IS schaden zugefügt hat (dies wäre die Todesstrafe in Amerika, Türkei, Russland...).
karlomari 06.09.2016
4. Wer Terrorist ist
....hängt vom Redakteur ab? Hier ist also die Dschaisch al-Muhadschirin wa al-Ansar ein Terrorgruppe. Komisch in den Artikeln um Aleppo nennt man diese Kämpfer gemäßigte Rebellen. Denn diese Gruppe kämpft ausschließlich in Aleppo. Die seit 2012 um die Großstadt gegen Assad kämpfende radikale Miliz Dschaisch al-Muhadschirin wal-Ansar etwa stand stets unter dem Kommando von Tschetschenen.
Tom steeger 06.09.2016
5. Ein einfaches...
"Nein, mein Mandant wird sich nicht äußern" hätte wahrscheinlich im Sinne des Gerichtsprotokolls gereicht. Aber nein, der Verteidiger sagt er "wird sich schweigend verteidigen". So ne Show zieht man nur ab, wenn man sich über das Gericht lustig macht.
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