Prozessauftakt in Düsseldorf Die Bomben, die nur klickten

Zwei Kofferbomben waren in Regionalzügen platziert - doch das Inferno blieb aus. In Beirut wird morgen das Urteil gegen einen der verhinderten Attentäter erwartet, in Düsseldorf beginnt der Prozess gegen seinen Komplizen. Die entscheidende Frage: Warum explodierten die Sprengsätze nicht?

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Berlin - Zwei große Eisenflaschen, gefüllt mit je elf Kilo Flüssiggas, ein Elektrowecker, Marke "Little Star", ein Stückchen Draht aus einer Glühbirne und ein paar Limo-Flaschen von Aldi, statt mit süßer Orangenbrause gefüllt mit Benzin - die baugleichen Bomben in den beiden Rollkoffern, abgestellt in zwei Regionalzügen hätten ein Inferno auslösen können. 30 Meter rollte die Feuerwalze in der Simulation des Bundeskriminalamtes (BKA), die Splitter flogen 200 Meter weit. Es hätte eine "unbestimmte Anzahl an Verletzten und Toten" gegeben, ist sich BKA-Chef Jörg Ziercke sicher. Wenn der Anschlag gelungen wäre.

Angeklagter Youssef al-Hajdib, aufgezeichnet am Tattag von einer Videokamera am Kölner Hauptbahnhof: "Handwerkliche Fehler"
AP

Angeklagter Youssef al-Hajdib, aufgezeichnet am Tattag von einer Videokamera am Kölner Hauptbahnhof: "Handwerkliche Fehler"

Doch es machte nur klick am 31. Juli 2006 um 14.30 Uhr – zweimal klick, weiter nichts. Einmal im herrenlosen Trolley im NRW-Express 10121 von Aachen über Köln nach Hamm, fast zeitgleich im Rollkoffer in der Regionalbahn 12519 von Mönchengladbach nach Koblenz. Die Gepäckstücke landeten später im Fundbüro, bei der Öffnung entdeckten Bundespolizisten die "unkonventionellen Sprengvorrichtungen", erst eine in Dortmund, tags darauf in Koblenz.

"So nah war die Bedrohung noch nie", schlug Innenminister Wolfgang Schäuble Alarm. Monika Harms, oberste Anklägerin der Republik, pflichtete ihm bei: "Wir sind sehr knapp an einer Katastrophe vorbeigeschrammt."

Dass es nicht zum Blutbad kam, lag allein an der mangelhaften Konstruktion der Sprengkörper, die Ermittler nennen es einen "handwerklichen Fehler" der beiden mutmaßlichen Bombenbauer: Youssef al-Hajdib, 23, aus Tripoli im Nordlibanon wurde nach einem Tipp des libanesischen Geheimdienstes fast drei Wochen nach dem missglückten Anschlag auf dem Kieler Hauptbahnhof festgenommen. Sein mutmaßlicher Komplize Dschihad Hamad, 21, stellt sich fünf Tage später im Libanon der Polizei.

Während der Prozess gegen Hamad in Beirut möglicherweise morgen schon mit einem Urteil zu Ende geht, wird Hajdib am Dienstag erstmals im Hochsicherheitstrakt des Oberlandesgerichts Düsseldorf in Handfesseln vorgeführt. Die Generalbundesanwältin hat den Islamisten wegen "versuchten Mordes an einer unbestimmten Anzahl von Menschen" angeklagt. Als Motiv für die Tat glauben die Ankläger Rache für die Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen in westlichen Zeitungen ausgemacht zu haben.

"Nicht explosionsfähig"

Die Richter müssen vor allem klären, ob die Bomben des mutmaßlichen Terrorduos tatsächlich Dutzende Menschen töten sollten. Explodierten die Höllenmaschinen nicht, weil Hamad und Hajdib, die sich die Anleitung zum Bombenbau aus dem Internet heruntergeladen haben sollen, schlicht zu stümperhaft vorgingen - sie also Fehler machten? Oder bastelten sie die Sprengsätze absichtlich so, dass sie gar nicht detonieren konnten? Als eine makabre Warnung, gerichtet an alle, die sie für ungläubig halten?

Letzteres entspricht der Verteidigungslinie Hajdibs. "Die Frage ist: Sollten die Koffer überhaupt explodieren?", sagt dessen Hamburger Rechtsanwalt Bernd Rosenkranz. Auch Dschihad Hamad zieht sich in seinem Prozess in Beirut inzwischen darauf zurück, dass er mit Hajdib zwar die Gasflaschen gekauft, sie aber nicht habe sprengen wollen.

Tatsächlich haben die Simulationen des BKA die potentiell verheerende Sprengwirkung der Kofferbomben offenbart. Tatsächlich gab es offensichtlich auch einen funktionsfähigen Zündmechanismus. Allein, so wie die beiden Bastler sie konstruiert hatten, waren sie "nicht explosionsfähig", urteilten Gutachter. Es fehlte der Sauerstoff, um mit dem Propangas zusammen ein explosives Gemisch zu bilden, das den Feuerball entfacht hätte. Da habe die beiden "die gehobene Sachkunde wohl verlassen", sagt Terrorermittler Rainer Griesbaum.

"Es ging darum, so viele Menschen wie möglich zu töten"

Den Bundesanwalt ärgert es jedoch, wenn der Fall nun verharmlost werde, "nur weil viel Glück dafür gesorgt hat, dass die verheerende Tat nicht stattgefunden hat". Griesbaum beharrt darauf: "Es ging ihnen darum, so viele Menschen wie möglich zu töten."

Offenbar rechneten die verhinderten Attentäter wirklich nicht damit, dass von den zurückgelassenen Rollkoffern viel übrig bleiben würde. Dafür spricht die Vielzahl von Spuren, die sie in den Trolleys hinterließen: Nicht nur DNA-Anhaftungen, auch einen Zettel mit diversen Telefonnummern fanden die Ermittler da, eine davon sogar die Handy-Nummer von Hajdibs Vater.



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