Prügelprotest gegen S21 Lust auf Attacke

Bei den Krawallen am Bauzaun hat der Protest gegen Stuttgart 21 seine Unschuld verloren. Doch statt sich klar zu distanzieren, beschönigen viele Demonstranten die Gewalt als Ventil für ihren Frust. Selbst dem grünen Verkehrsminister fällt es schwer, die Bahnhofsgegner zur Räson zu rufen.

S21-Gegner auf der Baustelle in Stuttgart: "Diese ganze Wut musste halt mal raus"
dapd

S21-Gegner auf der Baustelle in Stuttgart: "Diese ganze Wut musste halt mal raus"


Ach, schwärmt sie, "diese ausgelassene Stimmung, Sie hätten das erleben müssen"; Die Kauffrau aus Esslingen klingt auch zwei Tage danach noch ganz aufgekratzt. Als hätte sie ein wunderbares Fest gefeiert, sich mit ihren 50 Jahren endlich mal wieder so jugendfrisch, so jugendfrech gefühlt wie einst mit 18. Ein Rausch der Sinne, eine süße Rebellion, "das war ein Befreiungsschlag, nach all dem, was wir erdulden mussten", erzählt sie, die sorgfältig geschminkten Augen weit aufgerissen. "Diese ganze Wut musste halt mal raus."

Ein Befreiungsschlag? Was der schwäbischen Wutbürgerin immer noch die Schmetterlinge in den Bauch zaubert, waren die gewalttätigen Krawalle am Montag vergangener Woche auf der Baustelle von Stuttgart 21. Die Polizei zählte neun verletzte Beamte, auf einen hatten Demonstranten so hart eingeprügelt, dass jetzt ein Verfahren wegen versuchten Totschlags läuft.

Es war der Tag, an dem der Widerstand gegen den Stuttgarter Bahnhofsneubau seine Unschuld verlor, ein Tag, für den sich die bisher so friedlichen Protestbürger eigentlich schämen müssten. Aber: So wie es aussieht, schämt sich kaum einer. Nicht einzelne Demonstanten. Nicht das Gros der Bahnhofsgegner, die weiter unbeschwert gegen das Vorhaben demonstrieren.

Am vergangenen Mittwochabend steht die Kauffrau aus Esslingen auf dem Stuttgarter Marktplatz, einer von rund 2000 Menschen, die zur "Volksversammlung" mit dem grünen Verkehrsminister Winfried Hermann gekommen sind.

Seit mehr als einem Jahr machen die Demonstranten ihrem Ärger über den geplanten Tiefbahnhof Luft - die Mehrheit von ihnen friedlich. Sie singen und trommeln, und manche beten auch nur leise für den alten Bonatz-Bau und die Blutbuchen im Schlossgarten, die für den Neubau fallen sollen.

Sympathie für die Randalierer

Doch die Zahl derer, die offen mit jenen Randalierern sympathisieren, die am Montag mit Rohren herumwarfen, Bauzäune niedertrampelten, Sand in den Tank von Baustellenfahrzeugen schütteten und auf einen Polizisten einprügelten - sie ist spürbar gewachsen. Bei vielen scheint die Hemmschwelle gegenüber dem gewaltbereiten Teil der Bewegung nur noch schwach; nach dem "schwarzen Donnerstag" am 30. September 2010 im Schlossgarten, als die Polizei mit Wasserwerfern in die Menge hielt, eigentlich eine undenkbare Entwicklung.

Immer mehr Diskussionen über Stuttgart 21 beginnen nun mit den Worten "Wir wollen keine Gewalt" - gefolgt von einem "Aber...". Dieses "Aber" ist derzeit nicht nur ein schmerzhafter Widerhaken im Fleisch der wirklich Friedlichen, sondern auch für die Politik. Die neugewählte Landesregierung setzt dieses Wörtchen massiv unter Druck.

Ministerpräsident Winfried Kretschmann ließ keinen Zweifel, was er von den Ausschreitungen hielt: "Gewalt ist in jeglicher Form unmissverständlich zu verurteilen und wird von der Landesregierung nicht toleriert."

Seinem grünen Verkehrsminister Winfried Hermann jedoch fällt es sichtlich schwerer, die Stuttgart-21-Gegner zur Räson zu rufen. Zwar erklärte auch er, "entsetzt und erschüttert" zu sein. Er habe aber immer die Sorge gehabt, die Lage könne eskalieren, sagte er der "Stuttgarter Zeitung", "darum habe ich die Bahn auch davor gewarnt, weiterzubauen". Als Sympathiebeweis des Ministers mag den Gegnern auch gelten, dass er sich erst kürzlich bereiterklärt hatte, die sogenannten Parkschützer zu treffen, die härtesten Gegner der Bahn.

Provokateure von der Polizei? Der Innenminister reagiert empört

"Ein Großteil der Bewegung hat ernsthafte Zweifel daran, ob die Darstellung der Polizei überhaupt korrekt ist", sagt Alexandra Braun, "ich bin mir auch nicht sicher, ob die Gewalt wirklich von unserer Seite ausging." Auch die 34-jährige Steuerberaterin steht am Mittwoch auf dem Marktplatz, im dunkelblauen Hosenanzug, mit Perlenohrringen; die junge Frau fordert, dass die Politiker "endlich die Frage, ob denn nun Provokateure eingesetzt wurden, glaubwürdig beantworten. Auch Minister Hermann kennt doch sicher die Filme im Internet".

Die YouTube-Videos, auf die Braun anspielt, zeigen angeblich, dass Provokateure aus den Reihen der Polizei Demonstranten zur Gewalt angestachelt oder gar selbst randaliert haben sollen. Es sind verwackelte Handy-Bilder, auf denen außerdem zu sehen ist, wie sich ein Polizist in Zivil vor den Fäusten wütender Demonstranten in Sicherheit bringt. Für viele Gegner ist das der Beweis, dass der Beamte gar nicht so schwer verletzt gewesen sein kann, wie die Polizei behauptet. Schließlich habe er noch laufen können.

"Ich finde es unerträglich, wenn ich solche Vorwürfe und Auslegungen höre", empört sich deshalb Innenminister Reinhold Gall von der SPD. "Die Polizei setzt keine Provokateure ein, das ist ein absurder Vorwurf."

Der Minister zeigt sich bestürzt über die neue Lust an der Gewaltattacke - und daran, sich die Wahrheit zurechtzubiegen. "Die Übergriffe der Demonstranten geschahen doch nicht im Affekt: Die Täter hatten Bauschaum dabei, hatten die Zerstörungen geplant. Es wurden selbstgebastelte Sprengkörper geworfen - und keine alten Silvesterkracher."

insgesamt 393 Beiträge
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Toe Jam 25.06.2011
1. no title
Zitat von sysopBei den Krawallen am Bauzaun hat der Protest gegen Stuttgart 21 seine Unschuld verloren. Doch statt sich*klar zu distanzieren, beschönigen viele Demonstranten*die Gewalt als Ventil für ihren Frust.*Selbst dem grünen Verkehrsminister fällt es schwer, die Bahnhofsgegner zur Räson zu rufen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,770489,00.html
Schon der erste Satz des Artikels ist falsch. Die Proteste warfen von Anfang an aggressiv und gewalttätig. Die Gewalt wurde nur laufend verharmlost. Wenn hunderte Kastanien schmeißen, ist das auch Gewalt. Wenn Baustellen gestürmt werden, ist das Gewalt. Baufahrzeuge und Baustelleneinrichtungen beschädigen ist Gewalt. Wenn Polizisten aufs Übelste beschimpft und bespuckt werden ist das Gewalt. Wenn hunderte jeden niederbrüllen, der es wagt anderer Meinung zu sein, ist das Gewalt. Und das ganze geschieht immer aus einer großen Masse heraus, das ist zudem noch feige.
Tall Sucker, 25.06.2011
2. Keine Aufregung
Man kann sich noch gut an die früheren Räumungen unter Mappus erinnern. Jetzt hat die Gegenseite Rache genommen. Damit sollte man es auch belassen.
th_gast 25.06.2011
3. Ist dies "Distanzierung"?
Zitat von sysopBei den Krawallen am Bauzaun hat der Protest gegen Stuttgart 21 seine Unschuld verloren. Doch statt sich*klar zu distanzieren, beschönigen viele Demonstranten*die Gewalt als Ventil für ihren Frust.*Selbst dem grünen Verkehrsminister fällt es schwer, die Bahnhofsgegner zur Räson zu rufen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,770489,00.html
Sind Aussagen wie z.B. dies ist "Kontraproduktiv" (MP Kretschmann) oder "schadet der Sache" (Hermann) Distanzierung von Gewalt?
alocasia 25.06.2011
4. Das wird noch Bizarr
Wenn die Grüne Landesregierung noch Wasserwerfer gegen die Wutbürger in Marsch setzt. Es ist eh abzusehen wie es weitergeht. Fällt der Stresstest positiv aus werden die Gegner ihn anzweifeln. Stimmt das Volk für S21 werden die Gegner es genauso wenig akzeptieren.
badbeardxb 25.06.2011
5. Gartenzwergige Selbstgerechtigkeit
Wer sich wegen eines bloeden Bahnhofs der gebaut werden soll (oder auch nicht)in eine derartige Wut versteigt dass er unschuldige Menschen verletzen zu duerfen glaubt, hat meiner Meinung nach ernsthaft einen an der Klatsche.
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