Psychogramm Der Schwabe - ein Kosmopolitle?

Was ist der Schwabe? Ein Mensch wie jeder andere oder eine Figur aus dem Volkstheater? Wenn sich Schwaben über sich selbst lustig machen, bestätigen sie gern die Klischees, die sich der Rest der Welt von ihnen gemacht hat. Doch Schwaben sind anders - zumindest anders als ihre Politiker.
Von Jürgen Holwein

Er ist geizig, kehrwütig, bruddelig, ernährt sich alleweil von selbst geschabten Spätzle, und ohne sein Viertele Trollinger kommt er nicht über den Tag. Ja, so ist er, der Fernseh- und Operettenschwabe im Land der Häuslebauer, maultäschelig und brezelhaft. Irgendwie einfältig. Aber gibt es ihn wirklich, den Schwaben, oder ist er eine Erfindung des Schwäbischen Albvereins?

Unwissende Norddeutsche seien vor der Annahme gewarnt, die Menschen in Baden-Württemberg seien alle Schwaben und sprächen folglich alle schwäbisch. Wer sich in Mannheim, Karlsruhe oder Freiburg so äußern sollte, würde lebhaften Widerspruch ernten. Die schwäbisch sprechenden Schwaben sind in Altwürttemberg, in Oberschwaben und in der bayerischen Region um Augsburg zu Hause, während im Hohenlohischen, also im nördlichen Württemberg, Hohenlohisch-Fränkisch gesprochen wird.

Angenehm klingt das Schwäbische nur dem in den Ohren, der schwäbisch kann; anderen erscheint es schwerfällig, leicht debil und sowieso unverständlich. Unangenehm, sogar ein wenig peinlich wird's aber selbst für Schwaben, sobald ein Politiker ihres Landes öffentlich den Mund aufmacht (das Maul aufreißt). Schwaben sind nicht wie ihre politischen Repräsentantsdarsteller. Sie reden sparsam, Politiker dagegen reden viel und sagen meist nichts.

Lächler sind ihm zuwider

Der Schwabe spricht langsam, aber diese Langsamkeit kommt aus der Ruhe. Auf andere wirkt er einfältig, dumm. Hinter dieser Maske der Einfalt steckt oft auch ein Schelm, einer, der sich über sich selbst lustig machen kann. Aber das zu bemerken sind die, die sich über die Schwaben nur lustig machen, nicht intelligent genug. Maulfaul ist der Schwabe natürlich schon. Er kann einen Abend lang dasitzen, ohne ein Wort zu sagen - und ohne sich zu langweilen. Skeptisch ist er gegenüber den Vielschwätzern, den Großmuftis, denen die Wörter ohne Sinn und Verstand aus dem Maul herauspurzeln. Das kommt ihm nicht echt vor. Das Unechte, Aufgesetzte stört ihn, die Lächler sind ihm zuwider. Und so leicht lässt er sich nicht blenden.

Aus einem rätselhaften, masochistischen Streben heraus machen sich die Schwaben gern klein: das Ländle! Häuslebauer! (Nicht im Land der Häuslebauer stehen die meisten Eigenheime, sondern im Saarland). Sie ducken sich. Doch da sie bei fragwürdigen Städte-, Regionen- und Ländervergleichen stets gut wegkommen, müssen sie sich selbst, sonst tut's ja keiner, ständig auf die Schulter klopfen. Vor allem in ihrer Landeshauptstadt west ein Minderwertigkeitskomplex, aus dem Imponiergehabe und Größenwahn resultieren. Die Stuttgarter wollen es partout mit München aufnehmen.

Dialektik, eine zutiefst schwäbische Denkhaltung

Grundsätzlich neigt der Schwabe zur Skepsis. Es dauert lange, bis man sein Herz gewinnt (aber dann zählt es auch). Die schnelle Nähe sucht er nicht. Er ist eher ein Grübler, die Dialektik eine zutiefst schwäbische Denkhaltung. Er versucht dauernd, die Dinge von zwei Seiten zu sehen.

Der Schwabe scheint inniger verwurzelt mit den dunkleren Schichten des Seins. Die Sinnenfreude, das Sinnliche, hat ihm die Entsagungslehre des Protestantismus, der Pietismus, vermiest (anders dort, wo der Katholizismus seine barocke Tradition entfalten konnte).

Lächeln fällt ihm inzwischen leichter, er ist auch kompatibler geworden. Hat ja Auslandserfahrung und überhaupt Erfahrung mit den vielen Fremden im Land. Er gilt als verhockt, verlässt aber bei jeder sich bietenden Gelegenheit sein Nest. Er findet immer ein Schlupfloch, und so trifft man Schwaben, wohin man kommt. Seine globale Präsenz ist, nicht allein firmenmäßig, phänomenal. Der Schwabe - ein Kosmopolit?

Im wirklichen Leben ist der Schwabe ein Mensch wie jeder andere. Nur halt ein bisschen anders. Mit seinen Politikern, auch wenn er sie gewählt hat, sollte man ihn nicht verwechseln.

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