BND Das Fiasko vom 17. Juni 1953

Seit 2011 erforscht eine Historikerkommission die Geschichte des BND. Nun stellt eine erste Teilstudie dem Dienst ein schlechtes Zeugnis aus. Vom Aufstand der Ostdeutschen vor 60 Jahren wurden die Agenten vollkommen überrascht. Pullach erfuhr davon aus dem Radio.
Aufstand vom 17. Juni: Das westdeutsche Agentennetz fiel fast vollständig aus

Aufstand vom 17. Juni: Das westdeutsche Agentennetz fiel fast vollständig aus

Foto: A9999 DB dpa/ dpa

Hamburg - Der westdeutsche Geheimdienst hat bei der Berichterstattung über den Aufstand der Ostdeutschen am 17. Juni 1953 versagt. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der "Unabhängigen Historikerkommission zur Erforschung der Geschichte des Bundesnachrichtendienstes 1945-1968". Danach hat die Organisation Gehlen (Org), der Vorläufer des BND, das Ausmaß der Krise verkannt, die zur Rebellion führte. Die rund 700 Agenten in Ostdeutschland meldeten von den zahlreichen Streiks in der DDR vor dem 17. Juni nur einen einzigen. Während des Aufbegehrens fielen dann die Agentennetze "nahezu vollständig" aus. Die Zentrale in Pullach erfuhr von dem gewaltigen Protest aus dem Rundfunk.

Ehe im Kanzleramt erste Berichte aus Pullach zum Volksaufstand eintrafen, verging eine Woche, und die Analysen waren auch noch irreführend. Obwohl eine Million Menschen gegen die sowjetische Besatzungsmacht und das SED-Regime protestierten, glaubten die Spezialisten der Org zunächst, die Demonstrationen seien von der sowjetischen Führung inszeniert worden. Sie seien außer Kontrolle geraten, und daher habe die sowjetische Armee den Aufstand blutig niedergeschlagen.

Autor der neuen Untersuchung ist der Wissenschaftler Ronny Heidenreich, Mitarbeiter der Historikerkommission. Der BND hatte 2011 die Kommission berufen, um die eigene Geschichte aufarbeiten zu lassen. Mit der Ausarbeitung Heidenreichs liegt nun erstmals ein Ergebnis vor. Sein kritisches Urteil dürfte die gelegentlich geäußerten Zweifel an der Unabhängigkeit der Kommission zerstreuen.

Heidenreich hatte nach eigenen Angaben uneingeschränkten Zugang zum einst legendären BND-Archiv, das sich offenbar in miserablem Zustand befindet. Der Wissenschaftler schreibt, er habe zum 17. Juni lediglich "verstreute Quellen" ermitteln können, aus den frühen fünfziger Jahren sei insgesamt "nur sehr fragmentarisches Schriftgut" greifbar gewesen.

Agenten und Doppelagenten

Zu den Fundstücken Heidenreichs zählt eine Karteikarte, die den bekannten Merseburger Streikführer Friedrich Schorn als westdeutschen Agenten enttarnt. Der Rechnungsprüfer bei den Leuna-Werken wurde von der Org im März 1953 unter der V-Nummer 2368,11 registriert. Laut Heidenreich ist der Fall Schorn allerdings kein Beleg für die These, dass der Aufstand vom Westen gesteuert wurde, wie die SED später verbreitet hat.

Heidenreich hält Schorn nämlich für einen Doppelagenten, der von der Stasi auf den westdeutschen Geheimdienst angesetzt wurde. Heidenreich verweist zudem auf Unterlagen der CIA. Danach hatte das Kanzleramt schon 1952 ausdrücklich erklärt, dass es eine aktive Widerstandsarbeit gegen die SED-Diktatur nicht unterstütze. Auch berichtete ein führender Mitarbeiter der Org den Amerikanern, dass die Pullacher ihr gesamtes Personal aufgefordert hätten, sich während des Aufstands "nicht an Demonstrationen zu beteiligen".

Aufgrund der schwierigen Quellenlage bezeichnet Heidenreich seine Studie als "erste Bilanz". Doch nichts spricht dafür, dass sein Urteil später revidiert werden muss. Kürzlich hat das Kanzleramt einige Akten der Org zum 17. Juni freigegeben: Schon danach geriet der Aufstand für die Org zum Fiasko  (SPIEGEL 17/2013).

Dass es auch anders ging, belegen Berichte des Bundesamts für Verfassungsschutz, die Heidenreich ausgewertet hat. Danach hat der Verfassungsschutz die Regierung unter Kanzler Konrad Adenauer über den Aufstand "eingehend und zeitnah" informiert. Möglicherweise ist deshalb das Versagen der Org ohne Folgen geblieben - es fiel nicht auf. Die viel zu spät eintreffenden Dokumente der Org fanden jedenfalls in Bonn nur wenig Beachtung.

Bald wird die Historikerkommission weitere Teilergebnisse vorlegen. Für den BND kann es nur besser werden.