Putin-Besuch Stoibers kühler Gast sucht Anschluss

Nach den Protesten in Dresden wollte Russlands Präsident Putin in München am liebsten nur über Wirtschaft reden - und sich volksnah geben. Mit Managern und Gastgeber Stoiber sprach er ganz nüchtern über gemeinsame Projekte. Doch der Mordfall Politkowskaja holte ihn auch in Bayern ein.

Von , München


München - Karl Steininger ist nicht nervös. Kein bisschen: "Mi regt nix mehr auf." Der Wladimir Putin? Der sei eben ein Staatspräsident, na ja, und Russland eine Großmacht. Den 67-Jährigen haut nichts mehr um. "Ich hab doch sogar dem Papst im September mehrmals die Hand geschüttelt." Steininger ist immerhin Landeshauptmann der Bayerischen Gebirgsschützen. Und deshalb immer ganz vorn dabei, wenn ein hoher Gast im bayerischen Freistaat begrüßt wird.

Stoiber und Putin in München: "Gut", sagt der Präsident auf Deutsch
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Stoiber und Putin in München: "Gut", sagt der Präsident auf Deutsch

Heute befiehlt er seinen 170 Mannen vor der Münchner Residenz einen dreifachen Salutschuss zu Ehren des russischen Präsidenten Putin. Außerdem, "das mach ich immer so", präsentiert er Putin seinen Säbel. "Aber ich zieh ihn so, dass der Putin koa Angst kriagt."

Das sollte auch nicht passieren - denn die Sicherheitsvorkehrungen seien "mindestens genauso scharf" wie beim Besuch von Papst Benedikt XVI. in Bayern, verlautete aus der Polizei. Auf den umliegenden Dächern Scharfschützen, an den Straßen breitschultrige Russen mit schwarzen Sonnenbrillen. Etwa 30 Agenten aus Moskau sollen die Stadt vor Putins Eintreffen gecheckt haben. Der russische Gast kam allerdings um eine Dreiviertelstunde verspätet an. In Dresden, wo er am Tag zuvor Bundeskanzlerin Angela Merkel getroffen hatte, war er noch durch die Stadt gebummelt - und ließ den bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber deshalb in München unter weiß-blauem Himmel warten.

Ran ans deutsche Volk

Jetzt schaut Putin regungslos auf Karl Steininger und dessen Säbel. Der krachende Salut nötigt ihm ein anerkennendes Kopfnicken in Richtung Stoiber ab. "Gut", sagt der Präsident auf Deutsch.

Aber irgendwie muss er jetzt mal ran ans deutsche Volk. Die Sache mit dem Mord an der Putin-Kritikerin Anna Politkowskaja hängt ihm nach. Ein paar Meter weiter auf dem Max-Joseph-Platz haben die Grünen eine Mahnwache installiert und erinnern mit großformatigen Schwarz-weiß-Fotos an die am Wochenende ermordete Journalistin. "Präsident Putin setzt sich in zynisch-arroganter Art über diesen politischen Auftragsmord hinweg", sagt Bayerns Grünen-Fraktionschefin Margarete Bause.

Putin sieht die Grünen nicht, als er mit Stoiber an seiner Seite durchs Spalier der Gebirgsschützen und Trachtenvereine geht. Aber er spürt die drückende Stimmung: Beifall von den rund 500 Schaulustigen gibt es nur sehr spärlich, und allein ein einziger Zaungast hat die russische Trikolore ans Absperrgitter gebunden. Papierfähnchen in den russischen Farben hat die bayerische Staatskanzlei erst gar nicht verteilen lassen.

Putin: "Komm, wir machen ein Foto"

Deshalb trifft es jetzt die Hartl Inge. Putins Augen wandern suchend die Trachtenträger entlang, Stoiber strebt schon dem Eingang der Residenz zu. Da schert der Präsident abrupt nach links aus und erwischt den Arm von Frau Hartl aus dem schönen Chiemgau: "Komm, wir machen jetzt mal ein Foto zusammen", sagt Putin - auf Deutsch natürlich. Und Inge Hartl ist ein bisschen verdutzt, reicht aber schnell ihren Fotoapparat, Putin grinst und irgend jemand aus der russischen Entourage drückt auf den Auslöser. Wunderbar. Es brauchte auf dieser Reise ganz dringend mal Gefühle.

Just in diesem Moment passiert es. "Mörder, Mörder", ruft einer aus dem Publikum - wie am Vortag in Dresden.

Jubelnde Volksmassen sind Putin nicht vergönnt bei diesem Deutschland-Besuch. Aber heute geht es ihm ja auch vor allem um die Wirtschaft, deshalb ist er nach München gekommen. Ein Drittel der in Russland aktiven deutschen Unternehmen komme aus Bayern, sagt Putin später bei einem Gespräch mit deutschen Wirtschaftsführern in der Residenz. Unter ihnen der angeschlagene Siemens-Chef Klaus Kleinfeld, Audi-Vorstandsboss Martin Winterkorn und Wolfgang Sprißler von der HypoVereinsbank.

Putin lobt Bayern, Stoiber lächelt stolz

Putin erkennt in Bayern ein Vorbild. Das Land sei "eine landwirtschaftliche Region gewesen, und dann wurde es in wenigen Jahrzehnten zum führenden Hochtechnologiezentrum in Europa", sagt er. Stoiber daneben lächelt stolz. Für den bayerischen Ministerpräsidenten ist das alles eine tolle Sache zum richtigen Zeitpunkt: Denn am Wochenende wartet der CSU-Parteitag auf einen Vorsitzenden Stoiber, dessen Umfragewerte in der vergangenen Woche etwas bedrückend waren. Mit internationalem Flair im Rücken lässt es sich viel leichter vor die Delegierten treten.

Eines natürlich noch: Stoiber bedrückt der Mord an Politkowskaja. Merkel hat den Fall angesprochen, auch Edmund Stoiber muss und will das jetzt tun - dem CSU-Vorstand hatte er das schon angekündigt.

Nun spricht er erst mal über die Kooperation von EADS mit der russischen Raumfahrtindustrie ("bei strategischen Industrien gibt es für uns natürlich Grenzen der Kooperation"), spricht von der Nähe zwischen Russland und Deutschland ("enge Emotionalität, die uns verbindet"), von der Idee einer Freihandelszone zwischen der EU und Russland ("dafür trete ich ein") - dann kommt Politkowskaja. Stoiber: "Meinungs- und Pressefreiheit gehören zu einer starken, lebendigen Demokratie." Putin habe zum Ausdruck gebracht, "dass Sie in Ihrem Land diese Rechte durchsetzen", sagt der CSU-Chef. "Wir drücken die Daumen, dass die Täter im Mordfall Politkowskaja bald festgenommen werden."

Der Besucher lässt die Kritik an sich abperlen

Der Gast nimmt's gelassen und regungslos. Putin äußert sich in München öffentlich nicht zur Menschenrechtslage in Russland. Fragen bei der Pressekonferenz sind den Journalisten nicht erlaubt. Am Vortag in Dresden hatte Putin den Mord an Anna Politkowskaja zwar als "Gräueltat" bezeichnet, aber die Wirkung der Journalistin in Frage gestellt: Das "furchtbare Verbrechen" an ihr sei "für unser Land eine viel schlimmere Sache als ihre Publikationen".

Wladimir Putin hat die Kritik in München an sich abperlen lassen. Er tritt auf als kalter Macht- und Wirtschaftsmanager - mit dem Selbstbewusstsein, das er aus Russlands energiepolitischer Bedeutung für den Westen zieht.

"Die Russen machen auf dicke Hose", verlautet von den Organisatoren des Münchner Treffens. Immer wieder habe man zum Beispiel den Ablaufplan ändern müssen: "Sie zeigen, dass sie Großmacht sind."



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