Quereinsteiger Karl Lauterbach Der Überall-Experte

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2. Teil: Wahlkampf als "Anwendung der Kommunikationstheorie"


Im Wahlkampf 2005 zeigte Lauterbach eine für Seiteneinsteiger ungewöhnliche Begeisterung. Das monotone, redundante Werben um Wähler war ihm keineswegs zuwider. Im Gegenteil: Lauterbach entwickelte im Sommer 2005 eine Leidenschaft, die doch eigentlich den "Großkopferten" der Politik vorbehalten war. Für Alphatiere wie Schröder, Fischer oder Koch war Wahlkampf stets die Königsdisziplin der Politik. Hier ist weder Abwägen noch Verhandeln gefragt, sondern Aggressivität und individuelle Stärke. Doch auch der oft zerstreut erscheinende Lauterbach steigerte sich vor der Bundestagswahl 2005 in eine Kampfeslaune, die er dabei aber unaufhörlich analysierte. "Ground war beats airwar", dozierte er gegenüber der Wochenzeitung "Die Zeit". Wichtiger als hochtrabende Reden auf Veranstaltungen, wo ohnehin nur Genossen auflaufen, seien Hausbesuche, Infostände und direkte Konfrontationen mit dem politischen Gegner, erklärte Lauterbach. Man müsse einen Wahlkreis Häuserblock für Häuserblock erobern.

Wahlkampf sei für ihn "wie ein Schachspiel" und eine "spannende Anwendung der Kommunikationstheorie" diktierte er den Journalisten in den Block. Für jene war es eine spannende Geschichte: Da bricht ein Wissenschaftler aus der heimeligen Sicherheit seines Elfenbeinturmes aus und wirft sich in eine Schlacht um Wählerstimmen, deren Ausgang er nicht abschätzen kann. Er übernimmt nicht einfach ein Ministerium, sondern bewirbt sich schlicht um ein Mandat.

Viele Kollegen aus dem akademischen Milieu hätten große Scheu vor "dieser schmutzigen Sphäre", dem innerparteilichen Kampf gegen missgünstige Genossen und dem stets drohenden Streit mit der Parteiführung, erklärte Lauterbach vorgeblich verständnisvoll. Auch er habe sich manchmal wie im falschen Film gefühlt - etwa bei einem Schützenfest in Hitdorf, wo das traditionelle "Hähneköpfen" zelebriert wurde. Dabei stolperten betrunkene Männer mit verbundenen Augen über die Bühne und versuchten herumirrende Hähne mit einem Säbel zu köpfen. Dieser "Rausch aus Blut und Brutalität" habe ihn schockiert, sagte Lauterbach. Verständnis für einen derart archaischen Brauch habe er den Hitdorfern nicht vorgaukeln können.

Doch bis auf solche Ausnahmen zeigte er sich fasziniert vom Wahlkampf. Und natürlich von seiner Rolle im medialen Rampenlicht, die ihm eine ganz andere Öffentlichkeit bescherte als die Expertenrolle unter Ulla Schmidt. Lauterbach hat sich von seiner Mentorin emanzipiert. Es macht ihm Spaß, für und über sich selber zu sprechen statt über die Politik einer Ministerin, deren Erfolge ihm kaum einmal gutgeschrieben wurden.

Struck forderte, er solle "einfach mal die Klappe halten"

Und so profiliert er sich seit seiner Ankunft im Bundestag auch als Einzelkämpfer, der seine Meinung gerne und laut zum Besten gibt - auch wenn er damit diametral zu Partei- oder Regierungslinie liegt.

Nein, Parteidisziplin ist wirklich nicht sein Ding. Spöttisch, fast verächtlich spricht er über Kleingeister in seiner Fraktion, die sich jedem Druck von Struck und Müntefering beugten. Das ist für ihn Duckmäusertum, eine Selbstbeschneidung der Parlamentarier.

Kritik übte Lauterbach vor allem an der Gesundheitsreform der Großen Koalition. Die Lobbygruppen hätten sich am Ende durchgesetzt, Verlierer seien die Versicherten, klagte er in unzähligen Interviews. Nach monatelangem Streit rief ihn Peter Struck entnervt zur Ordnung. Lauterbach solle jetzt "einfach mal die Klappe halten", forderte der Fraktionschef.

Doch der Abweichler tat Struck den Gefallen nicht. Er hielt weder den Mund, noch passte er sich in der zweiten Hälfte der Großen Koalition an die parlamentarischen Gepflogenheiten an. Die "Süddeutsche Zeitung" kommentierte treffend, Lauterbach habe das "Pennälerimage aus der Feuerzangenbowle" konserviert.

Zweifellos ist es eine hochgradig ungewöhnliche Karriere, die Karl Lauterbach im bundesrepublikanischen Parteiensystem durchläuft. Für einen Seiteneinsteiger verfügt er über detailgenaues Wissen, wie die SPD, aber auch Medien, Verbände und Parlamente funktionieren und welche Knöpfe er wann drücken muss, um erfolgreich zu sein. Und: Lauterbach agierte in den letzten Jahren mehr und mehr wie ein Politiker, der seit seiner Jugend in einer Partei aktiv ist und sie kennt wie seine Westentasche.

Dabei ist er gerade einmal acht Jahre Mitglied der SPD.

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Satiro, 19.02.2009
1.
Zitat von sysopNicht nur Berufspolitiker sollten das Parlament und die Parteien prägen. Wie wichtig sind Quereinsteiger für die deutsche Politik? Warum ist eine Karriere in der Politik für Seiteneinsteiger so schwierig?
Weil die Karriere von Berufspolitern mit dem Kleben von Wahlplakten bereits im frühen Jugendalter beginnt.
jajokat 19.02.2009
2.
Zitat von sysopNicht nur Berufspolitiker sollten das Parlament und die Parteien prägen. Wie wichtig sind Quereinsteiger für die deutsche Politik? Warum ist eine Karriere in der Politik für Seiteneinsteiger so schwierig?
Klar doch wir brauchen Quereinsteiger! Ich hätte auch schon ein paar Posten für"besonders fähige" Quereinsteiger: Bundeskanzler:J.Ackermann Wirtschaftsminister:H.Mehdorn Finanzminister:K.Zumwinkel Außenminister:J.Ratzinger Aber die wollen ja alle nicht! (Aber warum werde ich das Gefühl nicht los,daß diese Personen-Liste könnte ja problemlos fortgesetzt werden-schon die Geschicke unsere Landes bestimmen obwohl sie nicht im Parlament sitzen bzw. führende Positionen in den Parteien innehaben?)
stefkarr 19.02.2009
3. Ich frage mich
Zitat von sysopNicht nur Berufspolitiker sollten das Parlament und die Parteien prägen. Wie wichtig sind Quereinsteiger für die deutsche Politik? Warum ist eine Karriere in der Politik für Seiteneinsteiger so schwierig?
wer denkt sich immer diese Themen aus? Wie kann man nur annehmen, dass "Berufspolitiker" eine Selbstverständlichkeit wären? Es hat sich so eingebürgert, dass sich einige Herrschaften in unsrem Land auf den gut bezahlten Sesseln bequem gemacht haben. Der Eid den sie schwören "Schaden vom deutschen Volke ab zuwenden", wird alleine dadurch gebrochen, dass die Herrschaften so lange in Ihren Ämtern verweilen. In unserer Verfassung gibt es den "Berufspolitiker" nicht, auch nicht in den einschlägigen Gesetzen. Berufspolitiker sind Menschen, die das nicht einhalten, was Sie von der Masse erwarten: Flexibilität und Mobilität im Arbeitsleben. Berufspolitikter sind im Laufe der Zeit weg vom Alltagsleben, das 95% der Bevolkerung leben. Berufspolitiker sind Marionetten der Lobby. Sie sind mit Sicherheit alles das, was die Gründerväter unserer Repuplik nicht wollten: Fern vom Volk, gekauft von Lobbyisten. Für mich sind Sie des weiteren, genau dass was Sie selbst glauben was Harz-IV-Empfänger seien: Sozialschmarotzer, aber mit weit aus höheren monatlichen Bezügen. Und mit dem Unterschied, dass Sie mit Ihrer Machtfülle großen Schaden anrichten, was man von Harz-IV-Empfängern nicht sagen kann. Wir brauchen keine Quereinsteiger, sondern einfach nur Politiker die sich spätestens nach 2 Legislaturperioden verabschieden, dann ist das Thema Ouereinsteiger gelöst, und wir brauchen Quoten im Parlament, vom Handwerksmeister über Ingenieure und Wirtschaftswissenschaftlern, und nicht wie heute einseitig meist beamtete verschiedener Berufszweige und Juristen. Das Argument, dass damit zuviel Kompetenz verloren ginge, kann so nicht gelten, sonst hätten wir heute nicht den Wirtschaftsminister den wir heute haben!
ANDIEFUZZICH 19.02.2009
4.
Zitat von jajokatKlar doch wir brauchen Quereinsteiger! Ich hätte auch schon ein paar Posten für"besonders fähige" Quereinsteiger: Bundeskanzler:J.Ackermann Wirtschaftsminister:H.Mehdorn Finanzminister:K.Zumwinkel Außenminister:J.Ratzinger Aber die wollen ja alle nicht! (Aber warum werde ich das Gefühl nicht los,daß diese Personen-Liste könnte ja problemlos fortgesetzt werden-schon die Geschicke unsere Landes bestimmen obwohl sie nicht im Parlament sitzen bzw. führende Positionen in den Parteien innehaben?)
Klasse! Was ist eigentlich aus dieser deutschen Version (ja, ja, bei den Medien kopieren wir alles, da es uns an eigener Fantasie mangelt) von "spitting image" geworden? Mit dieser Besetzung könnte man den Brüller des Jahres landen!
bürger mr 19.02.2009
5. Ii
Zitat von sysopNicht nur Berufspolitiker sollten das Parlament und die Parteien prägen. Wie wichtig sind Quereinsteiger für die deutsche Politik? Warum ist eine Karriere in der Politik für Seiteneinsteiger so schwierig?
Warum? - Da sitzen doch zum Großteil Beamte .
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