Radikaler Rundumschlag FDP-Mann Kubicki beleidigt Polit-Größen

FDP-Landespolitiker Wolfgang Kubicki nimmt es in einem Zeitungsinterview mit dem Rest der deutschen Politik auf: Er macht derbe Witze über den CSU-Vorsitzenden Seehofer, bringt einen möglichen Nachfolger für FDP-Chef Westerwelle ins Gespräch - und droht Kanzlerin Merkel.

FDP-Politiker Kubicki: "Feuer frei von jedem"
DDP

FDP-Politiker Kubicki: "Feuer frei von jedem"


Hamburg - Große Auftritte hat Wolfgang Kubicki gern. Als der schleswig-holsteinische FDP-Fraktionschef im Dezember 2009 zusammen mit seinem Regierungschef Peter Harry Carstensen (CDU) einer Einladung nach Berlin ins Kanzleramt folgte, trumpfte der 57-Jährige selbstbewusst auf: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Bundeskanzlerin und der Außenminister den Ministerpräsidenten und mich einladen, um am 3. Advent Adventskaffee zu trinken."

Es ging damals um Bedenken der Kieler Landesregierung gegen das Steuerpaket der Bundesregierung - und Kubicki genoss es sichtlich, von Merkel gehört zu werden.

Kubicki, der ausgebuffte Polit-Zocker, so kennt man den Liberalen. Und für einen schnellen Spruch ist er auch gern zu haben. In einem "Zeit"-Interview hat sich Kubicki jetzt ausführlich über das Leben in der Politik geäußert - und dabei ordentlich ausgeteilt.

Außenminister und FDP-Chef Guido Westerwelle ist nach Auffassung von Kubicki bereits "unglaublich unter Druck". Noch müsse man sich um Westerwelle keine Sorgen machen, sagte Kubicki, "aber wenn die Kampagne gegen ihn, das Westerwelle-Bashing, so weitergeht, würde ich mir Sorgen um ihn machen".

Sogar einen möglichen Nachfolger für Westerwelle im Amt des Parteichefs bringt Kubicki ins Gespräch: "Da hätten wir jetzt keinen, vielleicht den Gesundheitsminister Philipp Rösler, in vier oder fünf Jahren - wenn er medial und im Ministerium durchhält. Vier, fünf Jahre muss Guido also mindestens noch überstehen, so ist die Lage."

Er gelte nicht als "ausgewiesener Westerwelle-Freund", sagte Kubicki. Trotzdem habe er kürzlich einen Ratschlag für den Außenminister parat gehabt: "Ich habe ihn kürzlich angerufen und gesagt: Deine Sprachmuster, Guido, auf die musst du aufpassen. In der Sache liegst du richtig, aber die Sprachmuster, pass da auf."

Verärgert äußerte sich Kubicki über FDP-Vize Andreas Pinkwart: "Wir haben Protagonisten in der Partei, die - weil sie keinen Arsch in der Hose haben - immer behaupten, die anderen seien schuld. Ich sehe es ja im Bundesvorstand. Der stellvertretende Bundesvorsitzende Andreas Pinkwart fordert eine breitere Aufstellung, aber niemand hindert ihn doch, sich öffentlich zu äußern - wenn auch nicht immer glücklich."

Und weil Kubicki schon mal in Fahrt war, knöpfte er sich auch gleich noch die stellvertretende FDP-Vorsitzende Cornelia Pieper vor. "Meine besondere Freundin im Bundesvorstand", ätzte er. Ganz unverblümt ließ Kubicki durchblicken, wie wenig er von Westerwelles Stellvertreterin hält: "Also, ich finde, wir sollten jeden Tag beten, dass Guido Westerwelle nichts passiert."

"Ich würde in Berlin zum Trinker werden, vielleicht auch zum Hurenbock"

Für den Fall einer Stärkung der FDP bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen kündigte Kubicki einen härteren Kurs an - gegenüber dem Partner in der schwarz-gelben Bundesregierung: Kanzlerin Angela Merkel benötige dann "eine warme Winterjacke. Wir werden die Union nicht schonen, das ist jetzt klar. Wir halten uns an keine Schmusekursabsprachen, die die andere Seite schon lange nicht mehr einhält. Auf unseren Erfolg folgen weitere Schritte, definitiv. Das Verhältnis zur Union würde deutlich rauer. Das bekäme insbesondere die CSU zu spüren, bei der wir jede Hemmung fallen lassen würden".

Seine Partei würde auf die CSU einhauen, "bis die Schwarte kracht", sagte Kubicki. Zuerst würden sich die Liberalen Generalsekretär Alexander Dobrindt vornehmen: "Feuer frei von jedem", sagte Kubicki. Aber auch CSU-Chef Horst Seehofer soll nicht geschont werden: "Und warum nicht auch mal den CSU-Chef Horst Seehofer fragen: Hat Ihre Abneigung gegen die Kopfpauschale auch damit zu tun, dass Ihre Familienplanung etwas aus dem Ruder gelaufen ist?"

CSU-Generalsekretär Dobrindt reagiert empört - und deftig: "Dem Kubicki ist wohl die Schweinegrippe aufs Gehirn geschlagen. Für solche politischen Quartalsspinner wie Kubicki kann sich die FDP nur schämen."

Trotz seiner spitzen Bemerkungen gegen Seehofer kann Kubicki dessen Seitensprung offenbar gut nachvollziehen. "Ich würde in Berlin zum Trinker werden, vielleicht auch zum Hurenbock", bekannte der FDP-Politiker freimütig. Es gebe nämlich in der Hauptstadt "einen enormen Frauenüberschuss". Bei 60 Prozent liege deren Anteil im gesamten Politikbetrieb, rechnete Kubicki vor und zählt neben Parlament, Regierung, Verwaltung und Botschaften auch Verbände und Medien dazu.

"Finanzminister würde mich reizen"

Vom politischen Leben in Berlin hat Kubicki eine klare Vorstellung: "Ich weiß doch, wie es läuft: Da sind dann diese Abende, an denen Sie nur abschalten wollen, Stressabbau. Da sitzt Ihnen plötzlich eine Frau gegenüber, die Ihnen einfach nur zuhört. Und dann geht die Geschichte irgendwann im Bett weiter."

Es sei Teil seiner "Überlebensstrategie", sich von Berlin fernzuhalten, erklärte der Politiker seinen Verbleib in Schleswig-Holstein. "Ich bin inzwischen zum dritten Mal verheiratet, und ich will auf keinen Fall auch diese Ehe ruinieren." Frauen nehme er in der Politik mindestens so ernst wie Männer, beteuerte Kubicki.

Dennoch müssen sich Politikerinnen offenbar vor ihm in Acht nehmen. "Meine Parteikollegin Silvana Koch-Mehrin habe ich ein einziges Mal angebaggert", berichtete er. Just als er seinen "Charme spielen" ließ, sei aber ihr Mann aufgetaucht. "Eine Statur wie ein irischer Preisboxer. Da bin ich einfach aufgestanden und habe noch einen schönen Tag gewünscht."

Eine Karriere in Berlin hat Kubicki aber offenbar trotzdem noch nicht ganz abgeschrieben. "Ein einziges Amt würde mich übrigens reizen: das des Finanzministers", gestand er. "Wenn der jetzige es nicht auf die Reihe bekommt, dann würde ich nachdenken." Um Eitelkeit gehe es ihm dabei aber nicht. "Ich würde gern beweisen, dass Konsolidieren des Haushalts funktionieren kann."

hen/mmq/dpa

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.